Daniel Büttrich: Dornenkrone, Lorbeerkranz/Leseprobe

Dunkle Stunden gehen vorbei

Kolkraben im Herbstgewand,

sind dir freundlich zugewandt,

du kaust alte Erinnerungen,

jeden Tag neu eingesungen.

Pflichtbewusst lebst du den Tag,

und Schatten, der am Morgen lag,

weicht am Abend, lässt dich frei,

draußen zieht der Mond vorbei.

Langeweile spielt mit dir,

online bist du Mensch und Tier,

stundenlang wachst du allein,

nachts schläfst du wirr träumend ein.

Liebe hilft, wenn sie berührt,

wenn du sie, und sie dich spürt.

Aber du hast keine Türen,

die dich aus dem Inneren führen.

Der Mangel reißt ein Loch in dir,

der Tod sagt leise: „Komm zu mir“,

dann lockt er dich mit dem Versprechen,

den Teufelskreislauf zu durchbrechen.

Schleichend nistet er sich ein,

verkleidet sich als ein Glas Wein,

als Lied, das traurig um sich kreist,

als Videospiel, das dich mitreißt.

Bleib` lebhaft und vertraue mir,

du bist es wert, ich rate dir:

Lass dir helfen, denn der Tod flieht,

wenn er dich bald kämpfend sieht.

 

Glücklicher Stoiker

Der Morgen klopft nicht an,

bevor er eintritt.

Er applaudiert den Frühaufstehern,

aber nicht dir.

Während deiner Zugfahrt,

inmitten banaler Gespräche,

unter Bekannten und Unbekannten,

erinnerst du an Jim Jarmusch`s Paterson.

Du steigst aus,

siehst Gebäude und Menschen,

Tiere, Fahrräder und Busse.

Alle haben eine Aufgabe, auch du.

Du handelst mit Zahlen,

du bist gut in deinem Job,

du siehst einen Sinn in der Arbeit,

und du bist nicht nur für dich da.

Du sagst, du seist glücklich,

du hast Familie, Beruf und Worte,

abends stehst du am Bahnsteig,

und wartest auf den Zug.

Der Abend klopft nicht an,

bevor er eintritt.

Er applaudiert den Ausgeruhten,

aber nicht dir.

Alle haben eine Aufgabe, auch du.

Du bist glücklich,

und du lebst dein Leben so,

wie es ist.

 

KURZGESCHICHTEN

Ein Staatsakt

Seine Hand zitterte, die Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Er war kurz davor, den Notruf zu drücken. Seine Hand stand einen Zentimeter, einen halben Zentimeter, wenige Millimeter davor … Nein, er durfte das nicht tun! Er nicht! Er war schließlich ein unwichtiger, mittlerer Beamter, ein kleines Rädchen in einem großen Betrieb, ein unsichtbarer, untergeordneter Funktionsträger. Einer, der seine Anstrengungen ausschließlich darauf richtete, nicht aufzufallen. Er existierte als Mitarbeiter überhaupt nur, weil die Behörde existierte. Ohne die Behörde würde es ihn gar nicht geben. Er zählte nichts, die Behörde zählte alles. Wie viele Hebel und Abläufe würde er in Gang setzen, wenn er nun drückte … Er müsste diesen Vorfall seinen Vorgesetzten gegenüber umfassend berichten. Er müsste begründen, warum er an jenem Freitag nicht durch das Treppenhaus gegangen, sondern mit dem Aufzug gefahren war. Das ließ sich mit seinen gesundheitlichen Problemen begründen … Er müsste ärztliche Atteste vorlegen. Welche Umstände er ihnen bereiten würde! Er müsste sich umfangreich schriftlich äußern, unzählige Formulare ausfüllen und sich für sein Verhalten rechtfertigen. Und was ihm am meisten Sorgen bereitete: Er würde eine Hundertschaft von Kolleginnen und Kollegen mit seiner Angelegenheit beschäftigen müssen. Wäre er doch nur in einem Hotelaufzug und nicht in einem Behördenaufzug stecken geblieben! Dann würde sein Fall niemanden in der Kollegenschaft interessieren. Es würde auch niemanden in seiner Behörde interessieren, wenn er in dem Hotelaufzug stürbe. Er würde im Nachgang lautlos aus den Mitarbeiterkarteien getilgt werden. So aber handelte es sich um eine dienstliche Angelegenheit, die gründlich und korrekt von allen Seiten geprüft und beurteilt werden müsste. Und er alleine wäre der Verursacher weiterer Umstände! Das durfte nicht sein! Mit einer ruckartigen Bewegung zog er die Hand zurück, und brach zusammen. Er wimmerte. Körperflüssigkeit lief ihm aus dem Mund heraus. Er versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Wie viele Tage war er bereits in diesem Aufzug? Drei Tage? Ja, es müsste der dritte Tag sein. Sonntag, der 2. Oktober 2019. Morgen wäre demnach Montag, der 3. Oktober. Der Tag der Deutschen Einheit … Ein Feiertag … Würde er bis Dienstag überleben können? Es würde voraussichtlich bis weit in den Dienstagvormittag, unter ungünstigen Umständen bis in den Nachmittag hinein dauern, bis der Aufzug repariert sein könnte. Bis dahin würde er womöglich tot sein. Er hatte davon gehört, dass ein junger, gesunder Mann drei bis vier Tage ohne Flüssigkeitszufuhr überleben kann. Aber er war kein junger und gesunder Mann mehr. Er versuchte, auf dem Boden liegend sein Handy aus der Jackentasche hervorzukramen, um nach seinen Überlebenschancen zu googeln. Da fiel ihm ein, dass der Akku gestern schon leer gewesen war. Er drehte sich auf den Rücken. Das kostete ihn viel Kraft. Unwillentlich urinierte er. Er dachte an die peinliche Situation, am Dienstag von den Arbeitern des Aufzugdienstes in Empfang genommen zu werden. Er würde das Bild eines abgerissenen, fürchterlich stinkenden Obdachlosen abgeben! Er würde auffallen! Unangenehm auffallen! Eine grauenhafte Vorstellung für einen vorbildlich unauffälligen Beamten wie ihn!

Die Tür öffnete sich schwungvoll. Zwei Kollegen hoben erwartungsvoll die Köpfe. Zwei weitere starrten auf den Bildschirm vor ihnen.

Männer!“ Der beleibte Mann in der Tür hielt kurz inne. Dann setzte er noch einmal an und sprach dieses Mal lauter: „Männer!“

Nun hoben auch die zwei auf den Bildschirm starrenden Kollegen die Köpfe.

Es gibt Arbeit!“, posaunte der dickliche, in der Tür stehende Beamte.

Nein! Nicht dein Ernst“, erwiderte einer der Kollegen am Schreibtisch bass erstaunt.

Wie …. wie, wie …. wie lange?“, versuchte ein weiterer Kollege einen Satz zu formulieren, wurde aber von seinen eingefrorenen Gesichtszügen daran gehindert. Daraufhin knetete er mit beiden Händen seine Backenmuskulatur durch. „Entschuldigt! Ich habe seit Stunden nicht gesprochen … Ich wollte anmerken: Wie lange haben wir auf diesen Moment gewartet, und …“

Ich gar nicht. Ich kann auf diesen Moment komplett verzichten“, fiel ihm ein Kollege ins Wort.

Ich auch“, pflichtete ein weiterer Kollege bei.

Na ja“, sprach der vierte Kollege am Schreibtisch, „irgendwann müssen wir wieder etwas für unser Gehalt tun, oder? Nach fünf beschäftigungslosen Monaten!“

Fünfeinhalb. Fünf Monate und elf Arbeitstage, genau gesagt. Ich habe mitgezählt“, korrigierte einer der Kollegen.

Männer! Kollegen! Es hilft nichts! Jammern hilft nichts! Fakt ist: Wir haben Arbeit zu erledigen! Ich berufe deshalb umgehend eine Besprechung in meinem Büro ein. Folgt mir!“, sprach der dickliche Beamte, der Chef der kleinen Abteilung.

Umgehend heißt sofort, oder?“, fragte einer der Männer nach.

Umgehend heißt sofort, ja. Freilich könnt ihr noch kurz auf die Toilette gehen, oder euch eine Tasse Kaffee holen. Aber bitte findet euch innerhalb der nächsten zehn Minuten in meinem Büro ein. Das ist eine Anweisung!“, erklärte der Vorgesetzte.

Als sich die vier Kollegen schließlich im Büro des Chefs eingefunden hatten, herrschte zunächst Uneinigkeit über die Sitzordnung. Es entstand eine hitzig geführte Debatte, wer wo an dem viereckigen Besprechungstisch Platz nehmen dürfe. Am begehrtesten war der unmittelbare Stuhl neben dem Vorgesetzten. An zweiter Stelle kam der Platz gegenüber von dem Vorgesetzten. Am unbeliebtesten waren die seitlichen Stühle.

Ich denke, dass ich ein Anrecht habe, neben unserem Chef zu sitzen, weil ich ihm von uns vieren am längsten zugearbeitet habe“, meinte Kollege A.

Das ist eine bloße Behauptung! Hast du eine Statistik dazu geführt? Falls ja, hast du mich überzeugt und darfst den Stuhl neben unserem Chef haben. Falls du keine Statistik vorweisen kannst, vertrete ich die Meinung, dass ich das Recht habe, direkt neben ihm zu sitzen, weil ich der Dienstälteste bin“, schwadronierte Kollege B.

Der Dienstälteste bist du vielleicht, aber ich bin derjenige, der mit der Behörde am meisten verbunden ist, weil meine Frau und meine Tochter auch hier arbeiten. Die Verbundenheit mit der Behörde hat meines Erachtens mehr Gewicht als das Dienstalter“, argumentierte Kollege D.

Nachdem die Diskussion unter den wild gestiku-lierenden und im Kreis um den Tisch herum tigernden Kollegen vor den Augen des sitzenden Vorgesetzten auch nach einer Viertelstunde ergebnislos blieb, erhob der Abteilungsleiter das Wort: „Männer! Männer! Hört mir einmal zu: Ich treffe nun die Entscheidung, wer wo sitzt. Ich werde euch nach euren Beurteilungen auf die Plätze verteilen.“

Aber wir haben doch alle dieselben Beur-teilungen!“, wandte Kollege C ein.

Der Vorgesetzte runzelte seine Stirn, um dann seine Stimme zu erheben: „Da hast du recht, Kollege C. Da hast du recht. Was haltet ihr davon, wenn wir den Tisch auf den Flur stellen und die Besprechung im Stehen abhalten? Ihr werdet mir gegenüberstehen. Auf einer Linie. Ich werde ein Maßband auslegen, damit ihr denselben Abstand zu mir habt. Ihr erinnert euch sicher noch an den Sportunterricht in der Schule. Aufstellen zum Sammelplatz, hieß das damals. Genauso machen wir das! Aufstellen zum Sammelplatz! Ich halte das für eine gerechte Idee.“

Ich möchte nicht stehen. Im Stehen kann ich nicht mitschreiben“, entgegnete Kollege A.

Ich möchte auch nicht stehen“, fügte Kollege B an.

Kollege C und D schlossen sich der ablehnenden Haltung der beiden Vorredner an.

Der Vorgesetzte überlegte. Eine Minute, zwei Minuten, drei Minuten. Vier Minuten. Andächtiges Schweigen erfüllte den Raum, während die fünf Kollegen angestrengt nachdachten.

Männer. Männer! Ich habe es: In der heutigen Besprechung wird die Sitzordnung anhand der Anfangsbuchstaben eurer Nachnamen ausgerichtet, beginnend mit Kollege A. In der nächsten Besprechung, die hundertprozentig wird, eines Tages, so viel steht fest, wann, das weiß nur der Herrgott, werden wir uns an den Anfangsbuchstaben eurer Nachnamen, von Kollege D beginnend, orientieren. Also von hinten gesehen. Verstanden? Und in der dritten Besprechung wird Kollege B neben mir sitzen, in der vierten Besprechung, sofern die noch zu unseren Lebzeiten abgehalten wird, Kollege C. Einverstanden?“

Ich nicht. Du hast es angedeutet: Wer versichert mir, dass die vierte Besprechung noch zu unseren Lebzeiten stattfinden wird?“, wandte Kollege C kritisch ein.

Dann findet sie halt im Himmel statt!“, platze es aus Kollege A heraus, während er in schallendes Gelächter ausbrach.

Kollege C hob drohend die Faust und konnte von den Kollegen B und D vor einer Handgreiflichkeit gegen den Kollegen A in letzter Sekunde zurück-gehalten werden.

Männer! Ich muss mich sehr wundern über euch. Die fünf zurückliegenden Monate, in denen ihr euch vom Stress der vorangegangenen Monate erholen hättet sollen, in denen ihr an einem guten Betriebsklima aktiv hättet arbeiten können, sind euch scheinbar nicht gut bekommen. Ich glaube, ich sehe nicht recht: Um ein Haar zettelt ihr in meinem Büro eine Schlägerei an. Ich kann auch anders! Kollege A: Du sitzt neben mir. Kollege B: Du sitzt mir gegenüber. Kollegen C und D: Ihr sitzt seitlich. Das ist eine Dienstanweisung!“, brüllte der Vorgesetzte.

Die Kollegen nahmen nunmehr widerspruchslos in der befohlenen Sitzordnung Platz.

Kollege C, du führst Protokoll!“, bestimmte der Abteilungsleiter, um endlich seinen Vortrag zu beginnen. „Meine lieben Kollegen, ich freue mich, dass wir nach langer Zeit zu einer Dienstbesprechung zusammengekommen sind. Und ich möchte euch ohne Umschweife den Anlass dafür verraten: Z, ein hoher Ministerialbeamter, ist von unserem gesegneten obersten Amtsleiter zu einer fachlichen Unterredung eingeladen worden. Der hochdekorierte Ministerial-beamte Z wird deshalb in ziemlich exakt einem Monat unsere Behörde mit einem Besuch beehren. Ihr fragt euch vielleicht, was das mit unserer Abteilung zu tun hat? Hört zu! Die fachliche Unterredung wird in Besprechungszimmer S 0.11XBKF stattfinden, das sich, wie ihr wisst, in unserem Stockwerk befindet. Unsere Abteilung wurde von der Geschäftsleitung des Stockwerks wegen der räumlichen Nähe auserkoren, den Besprechungsraum und das Stockwerk auf den Besuch des hohen Ministerialbeamten Z vorzubereiten und gleichzeitig das Empfangs- und Verabschiedungs-komitee zu bilden. Wie wir diese verantwortungsvolle Aufgabe in der zugegeben knapp bemessenen Zeit gemeinsam als starkes Team bewerkstelligen können, darüber möchte ich heute mit euch sprechen. Kollege C, bitte schreibe ins Protokoll: Aufgabenverteilung, Zeitplan für die Raum -und Stockwerksvorbereitung, Stehübungen für den Besuch des hohen Ministerial-beamten Z.“

Hm … Das sollten wir in der verbleibenden Zeit schaffen“, grummelte Kollege B.

Solange niemand von uns krankheitsbedingt ausfällt!“, erhob Kollege A das Wort und blickte Kollege C streng an.

Entschuldigung, aber ich habe nun einmal gesund-heitliche Einschränkungen, die euch allen bekannt sind“, rechtfertigte sich Kollege C.

Und die gesundheitlichen Einschränkungen melden sich zufällig immer dann bei dir, wenn in unserer Abteilung Arbeit anfällt“, beschwerte sich Kollege A.

Du bist ja so etwas von unkollegial, Kollege A!“, rief Kollege C. „Du unterstellst mir also, dass ich absichtlich krank bin? Dann bringe ich dir nächstes Mal meine Arztberichte mit. Mir wäre es auch lieber, wenn ich nicht so oft krank wäre. Aber ich habe nun einmal einen Reizdarm, niedrigen Blutdruck, Kreislauf-schwäche … Das ist ja so etwas von unkollegial und unsozial von dir“, empörte er sich.

Du könntest in deiner Freizeit mehr Sport machen, das könnte den Kreislauf in Schwung bringen und Erkrankungen vorbeugen“, merkte Kollege A an.

Männer. Schluss! Wir sind im Augenblick alle gesund! Kollege C war im letzten halben Jahr nur tageweise krank, zum Glück. Und deshalb gehen wir vom Guten aus. Von der Vollzähligkeit! Sollten sich an unserer personellen Situation in den nächsten Wochen Änderungen ergeben, werde ich reagieren. Es wird dann meine Aufgabe sein, zu disponieren und Aufgaben neu zu verteilen.“, wandte der Vorgesetzte ein. „Machen wir uns jetzt also an die Aufgaben-verteilung und den Zeitplan. Auf geht es, Männer!“

Deine Krawatte sitzt schief. Warte, ich richte sie dir“, sprach Kollege A zu Kollege C.

Kollege B und Kollege D standen unruhig vor dem Aufzug und streckten ihre Rücken durch.

Eine Bürotür öffnete sich. Der Vorgesetzte trat mit sorgfältig gewählten, bedeutungsvollen Schritten in den Gang. In der Hand trug er eine chinesische Porzellanvase mit Pflaumenblütenmalerei. Als er den Aufzug erreichte, stellte er sich neben die vier Kollegen A, B, C und D, die wie bei einem militärischen Zeremoniell aufgereiht dastanden.

Nur nicht fallen lassen“, flüsterte der Vorgesetzte zu Kollege A und lächelte.

Daraufhin öffnete sich eine weitere Tür und der Vorgesetzte des dicklichen Vorgesetzten betrat den Gang in Frack und mit ernster Miene. Er stellte sich neben den dicklichen Vorgesetzten, der ihm förmlich die Vase überreichte.

Ich habe soeben einen Anruf erhalten. Er hat vor ein paar Sekunden die Pforte passiert.“, flüsterte der obere zu dem unteren Vorgesetzten.

Dann öffnete sich eine weitere Tür, und ein Vorgesetzter in Frack und mit ernster Miene betrat den Gang. Er stellte sich neben den Vorgesetzten des dicklichen Abteilungsleiters und ließ sich förmlich die chinesische Vase überreichen.

Die sieben Männer standen in Frack und Anzug vor dem Aufzug und rührten sich nicht. Zwei, drei Minuten vergingen. Anspannung lag in der Luft und war mit Händen greifbar. Ein objektiver Beobachter würde ein unmittelbar bevorstehendes, epochales Ereignis erwarten. Und das trat schließlich auch ein: Die Aufzugstür öffnete sich und der hohe, ehrenwerte Ministerialbeamte Z trat, umringt von zwei untergebenen Mitarbeitern, einer Sekretärin und dem stellvertretenden Amtsleiter, heraus. Der oberste Vorgesetzte übergab dem stellvertretenden Amtsleiter wortlos die chinesische Vase. Der Ministerialbeamte Z begrüßte daraufhin den obersten Vorgesetzten, der in der siebenköpfigen Reihe am Anfang stand, per Hand und nickte gleichzeitig den weiteren Mitgliedern des Empfangskomitees kurz mit dem Kopf zu. Der stell-vertretende Amtsleiter begleitete den Ministerial-beamten Z und seinen Mitarbeiterstab zu dem Besprechungsraum, dessen Tür geöffnet war. Er trat einen Schritt nach vorne und überreichte dem Amtsleiter, der nun in der Tür erschien, die Vase. Nun trat der Amtsleiter auf den Ministerialbeamten Z zu, überreichte ihm mit einem herzlichen Lachen die Vase und hieß ihn willkommen. Nun verschwand die Delegation im Besprechungsraum.

Es war Freitagnachmittag, 16 Uhr.

Die siebenköpfige Gruppe stand am Aufzug. Ihre weitere Aufgabe an diesem bedeutsamen Tag bestand darin, während der Besprechung am Lift stehen zu bleiben, bis der Ministerialbeamte Z die Behörde wieder verließ. Sie waren das offizielle Begrüßungs- und Verabschiedungskomitee. Ungewiss war die Dauer der Besprechung. Sicher hingegen war, dass der Ministerialbeamte Z und der Amtsleiter jede Menge Themen zu besprechen hatten. Mit einem Ende vor 20 Uhr war deshalb nicht zu rechnen.

Die Kollegen hatten sich einen Monat lang auf den Ernstfall vorbereitet. Sie hatten dabei auch das stunden-lange Stehen im Gang geübt. Sie waren gewissermaßen trainiert. Der gesundheitlich labile Kollege C hatte im Wald abendlich Nordic-Walking-Einheiten eingelegt, damit sein Kreislauf der Belastung gewachsen war. Für den Notfall stand für ihn ein Stuhl im Flur bereit. Das Wichtigste war, dass er bei der Verabschiedung des Ministerialbeamten Z seinen Mann stehen konnte.

Die Zeit verging, niemand sprach, niemand bewegte sich auch nur einen Zentimeter. Die Mitarbeiter schauten starr nach vorne und versuchten, so aufrecht wie möglich zu stehen.

17 Uhr … 18 Uhr … 19 Uhr … Der Kollege C verabschiedete sich kurz auf die Toilette.

Beeile dich!“, flüsterte ihm der Vorgesetzte zu. „Es kann sein, dass die Besprechung ausnahmsweise früher aufhört. Wir wissen es nicht. Z ist nicht mehr der Jüngste, er könnte Konzentrationsschwierigkeiten bekommen. Oder einfach früher zu seiner Gattin heim wollen, weil die mit dem Abendessen auf ihn wartet. Es ist möglich, wir wissen es nicht. Beeile dich bitte! Bisher hat alles sehr gut geklappt. Ich bin sehr zufrieden mit dir.“

Kollege A blickte neidvoll zu dem Vorgesetzten.

Mit dir bin ich auch sehr zufrieden“, gab dieser von sich, und zauberte ein Lächeln in das Gesicht des Kollegen A.

Der Toilettenbesuch des C blieb der einzige der Kollegen an diesem Abend.

20 Uhr. Ein behördlicher Gong ertönte.

20.15 Uhr … Plötzlich öffnete sich die Tür des Besprechungsraums, und die Delegation des Z, der Ministerialbeamte vorneweg, eifrig gefolgt von dem Amtsleiter, ergoss sich in ausgelassener Stimmung in den Gang. Der Ministerialbeamte hielt seine Sekretärin an der Hand, deren Bluse auffällig weit geöffnet war … Ein Mitarbeiter des Z trug die chinesische Vase in der einen, eine nicht einmal mehr halb volle Flasche schottischen Whiskys in der anderen Hand …

Lassen Sie uns zusammen bald ins Theater gehen, lieber Z, Sie, Ihre Frau, meine Frau und ich“, erklang die sonore Stimme des Amtsleiters.

Das machen wir unbedingt, lieber F! Das machen wir unbedingt in der neuen Spielzeit!“

Der oberste der drei Vorgesetzten drückte den Knopf des Aufzugs. Die Tür öffnete sich und die vergnügte Gruppe um Z herum purzelte lautstark palavernd in den Lift. Von den Kollegen A bis D und den drei Vorgesetzten nahmen die Damen und Herren keinerlei Notiz. Kurz bevor sich die Tür des Aufzugs gänzlich schloss, entfuhr dem Ministerialbeamten Z ein Bäuerchen, das die anderen Insassen des Aufzugs mit einem ekstatischen Gelächter honorierten.

Ein ausgezeichneter Whisky, lieber F“, war noch zu hören, ehe der Lift sich in Bewegung setzte.

Es verging ungefähr eine Minute des Schweigens, bis der oberste Vorgesetzte sprach: „Vielen Dank, meine Kollegen, Sie dürfen nach Hause gehen.“

Es folgte spontanes Klatschen der sieben Kollegen, ein Applaus für die eigene Leistung.

Der oberste Vorgesetzte drückte den Aufzugsknopf.

Kollege C schnaufte tief durch. „Kollegen, ich muss mich kurz setzen. Auf einmal ist mir schwindlig.“

Als C den Notstuhl geholt und sich gesetzt hatte, applaudierten ihm seine sechs Kollegen.

Tolle Leistung, C“, rief Kollege A.

C bedankte sich. „Ich wünsche euch ein schönes, verlängertes Wochenende. Wir sehen uns am Dienstag. Fahrt ihr bitte ohne mich mit dem Aufzug. Ich muss noch ein wenig ausschnaufen. Ich muss mich kurz erholen“, sprach C.

Die Kollegen verabschiedeten sich einzeln und freundlich von C und fuhren gemeinsam mit dem Aufzug in das Erdgeschoss.

3. Oktober 2019, Tag der Deutschen Einheit. Im Landestheater fand am Abend eine zentrale Festveranstaltung statt. Jetzt, am frühen Morgen, war es still in den Straßen. In einem steckengebliebenen Aufzug einer großen Behörde lag ein Mann inmitten seines Urins. Vor ein paar Stunden hatte er seinen letzten Atemzug getan. Er hieß C.

Der Geier

Sein Spiel war brutal. Er spielte kontrolliert defensiv, makellos und wartete auf einen Fehler seines Gegen-übers. Sobald das geschah, legte er dem Gegner, metaphorisch gesprochen, die Schlinge um den Hals und zog fest zu. Den langsamen Tod durch Ersticken zelebrierte er genüsslich. Den vor sich liegenden Kadaver des Gegners auf dem Spielbrett weidete er hingabevoll aus, labte sich an den Innereien, bis der Konkurrent die weiße Fahne schwenkte und aufgab oder Schachmatt gesetzt wurde. Seine Spielweise trug ihm rasch in Spielerkreisen den Spitznamen ´Der Geier´ ein.