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"Das Einzige, was ich für meine Erzeuger empfinde, ist Wut und Ekel"

Tanners Interview mit Annett Leander, der Autorin von “Umarme mich – aber fass´mich nicht an!”

Manchmal zerdrückt es einem das Herz. Beim Lesen der Autobiografie von Annett Leander war das so. Kein locker-flockiger Trendroman, kein stilbezogenes Lyriken, sondern finsterste Realität. Es ging um Missbrauch jeglicher Art an Kinderseelen und ganz speziell an der Seele und an dem Körper von Annett Leander. Tanner musste da einfach noch mal nachfragen, weil viel öfter darüber geredet werden sollte.

Artikelserie "Tanners Interview" - Teil 204 von 204

Liebe Annett Leander. Der Chef des Einbuch Buch- und Literaturverlags Leipzig, der Patrick Zschocher, hat mir Ihr Buch “Umarme mich – aber fass´mich bloß nicht an!” auf den Tisch gelegt. Und ich habe es gelesen. Im Untertitel steht: Eine Autobiografie, die viel zu früh geschrieben werden musste. Ich verstehe schon warum sie geschrieben werden musste. Könnten Sie bitte unseren Lesern erzählen, was das Thema so dringend machte. Auto-Biografie impliziert ja, dass es Ihre Geschichte ist.

Ich habe viel zu viele Jahre meines Lebens geschwiegen. Als Kind, aus Angst abgelehnt zu werden oder nicht glaubhaft zu erscheinen, heute bin ich erwachsen und ich bin nicht mehr in der Rolle des Kindes, aus der ich nie ausbrechen konnte. Sicherlich ist mit meinem Buch mein Leben nun nicht von vorne begonnen, aber da ich es aufschreiben konnte, habe ich mir ein großes Stück Last genommen und auch alle Menschen, die es mit Interesse lesen, werden vielleicht etwas “wachgerüttelt”. Der Missbrauch und die Gewalt an Kindern ist in unserer Gesellschaft ein Tabu-Thema, keiner spricht darüber und viel zu oft wird einfach weggesehen, warum kann ich allerdings nicht verstehen. Manche Menschen können sich nicht im Geringsten vorstellen, was mit einer Kinderseele passiert, wenn sie durch Demütigungen und körperliche sowie psychische Repressalien zerstört wird! Ein Leben lang hat man damit zu kämpfen.

Missbrauch an sich ist ja nicht wirklich ein Thema – außer wenn es von politischen Rattenfängern zur Postulierung von Unmenschlichkeit benutzt wird. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit den Gründen und Folgen findet meines Erachtens nicht statt. Sehe ich das falsch? Sie als Betroffene haben da sicher einen besseren Einblick – bewegt sich da etwas in unseren Regionen?

Da haben Sie Recht, es wird nie wirklich darüber gesprochen. In der Politik und im Bezug auf das Gesetz habe ich immer das Gefühl, es wird wie eine Lappalie behandelt. Viel zu oft bekommen Täter eine viel zu geringe Strafe, wenn überhaupt. Eine Therapieauflage oder Bewährung? Was soll das bringen? Es wird keinen Täter daran hindern, sich ein neues Opfer zu suchen.

Wenn ich in der Lage wäre, dass mein Peiniger noch am Leben wäre und angenommen er hätte im Knast gesessen und jetzt wäre der Zeitpunkt, dass er wieder entlassen werden würde, ich würde wohl in Panik ausbrechen… Die Folgen aus so einer Erfahrung verfolgen ein Opfer wohl sein Leben lang, manchmal mehr und manchmal weniger. Aber Gründe für so eine Tat sehe ich keine! Es gibt keinen Grund einen Menschen so sehr zu “beschmutzen” und zu demütigen.  Egal, ob es nun um Kinder geht oder Frauen oder Männer. So etwas tut man nicht und da nach einem Grund zu suchen ist fern ab von all meinen moralischen Werten.

Wie waren die Reaktionen auf Ihr Buch? Ganz besonders interessiert mich da natürlich Ihr persönliches Umfeld.

Die Reaktionen auf mein Buch waren eine Mischung aus Schock, Dankbarkeit, vielleicht auch etwas Mitgefühl bis hin zu Wut … Wut über die Personen, die für mein Trauma verantwortlich sind. Natürlich bin ich sehr froh, dass ich diese Reaktionen überhaupt erlangen konnte. Meine Partnerin hat mich die ganze Zeit unterstützt und mir immer wieder die Schulter zum anlehnen gegeben, wenn ich sie brauchte, wenn mir das Schreiben und die damit verbundenen Flashbacks (Trauma-Wiedererlebungen) über den Kopf gewachsen sind. Sie ist natürlich sehr erfreut darüber, dass die Reaktionen auf mein Buch positiv ausfallen.

Ihre Geschichte muss Thema in Bildungseinrichtungen sein, eigentlich auch, um die totale Einsamkeit der Opfer zu durchbrechen. Ich dachte immer, ich wäre der einzige in meiner Klasse gewesen, der dauernd geschlagen wurde. Mir hätte es geholfen zu wissen, dass ich nicht völlig alleine bin. Heute weiß ich das. Gibt es Bestrebungen Ihrerseits mit Ihrer Geschichte aktiv aufzuklären? Ins Gespräch zu kommen? Und wenn ja, welche – wenn nicht, warum nicht?

Die Idee, in Bildungseinrichtungen mit meiner Geschichte zu gehen, finde ich sehr gut. Zur Aufklärung, aber auch um beispielsweise Lehrer auf kleine Anzeichen aufmerksam machen zu können. Des Weiteren, denke ich, wäre es wichtig, im Bereich der Sozialen Berufe anknüpfen zu können und die Personen aufmerksam zu machen, die unmittelbar in einer Rolle sind, die sich auch ganz nah an einem Opfer befinden kann. Oft muss man hinter die Fassade schauen, um wirklich zu begreifen, dass ein tieferer Grund für manch Verhaltensweise da im Verborgenen liegt.

Wie leben Sie heute? Gibt es ein Verzeihen? Ihr Vater hat nie ein Wort der Entschuldigung gesagt – wie gehen Sie damit um?

Heute lebe ich mit meiner Partnerin Sarah in einer eigenen kleinen Wohnung. Wir sind seit Februar 2012 ein Paar, auch wenn es eine Menge Unfrieden gab, haben wir uns immer wieder zusammenfinden können. Zurzeit hole ich mein Abitur nach, um im Nachhinein mal studieren zu können. Gern würde ich irgendwann im Bereich der Palliativpflege oder im Bereich Lehramt an einer Berufsschule arbeiten.

Ein Verzeihen gibt es nicht und auch habe ich wenig Interesse daran zu wissen, warum mein Erzeuger diese Dinge getan hat. Wenn ich an ihm denke und sein Gesicht in Form eines Bildes in meinen Kopf schießt, muss ich mich beherrschen, um noch klar denken zu können. Das Einzige, was ich für meine Erzeuger empfinde, ist Wut und Ekel.

Ich selber brauchte lange, um zu verstehen, dass ich nicht schlecht bin. Wie ist Ihre ganz persönliche Selbstsicht heute? Haben Sie Wege aus der Programmierung gefunden oder suchen Sie noch?

Es ist mir noch nicht gelungen, selbst aus meinem Innersten heraus sagen zu können, dass ich selbst etwas wert bin oder dass ich gut bin, so wie ich bin. Vielleicht kann ich das aber irgendwann, ich arbeite daran.

Ich wünsche Ihnen Aufmerksamkeit und Achtsamkeit, liebe Annett Leander. So wie Sie sind, sind Sie gut.

Vielen Dank.

 

 

 

REZENSIONEN

 

Wenn die eigenen Gefühle tief unterm Panzer stecken

Majas langer und tränenreicher Weg aus dem Missbrauchs-Trauma zu einem neuen, lebendigen Ich

Vor einem Jahr sorgte Annett Leander mit ihrer wütenden Kindheitserinnerung „Umarme mich – aber fass‘ mich bloß nicht an“ im Einbuch Verlag für richtig Aufmerksamkeit. Das Thema hatte es ja in sich: Missbrauch in der Familie. Doch sexueller Missbrauch findet nicht nur in von Alkohol gezeichneten prekären Familienverhältnissen statt. Und die Folgen sind immer heftig.

Darüber schreibt in diesem Buch die Österreicherin Maja Marlen Hope. Bei ihr steht freilich die schwere, zermürbende Aufarbeitung des Traumas im Vordergrund. Denn sie gehört wohl zur Mehrheit der Betroffenen, die die frühen, traumatischen Erlebnisse lange verdrängt haben, abgekapselt irgendwo im Unterbewussten, weit weg von ihrem Leben, das sie augenscheinlich mit viel Erfolg, Leistungs- und Abenteuerlust verbringen. Bis zu dem Moment, an dem sich der Körper selbst zu Wort meldet und einfach streikt. Denn das auf Hochtouren gebrachte Leben mit einem enormen Arbeits- und Leistungspensum, das so gut zu unseren heutigen Vorstellungen von dem passt, was wir glauben aus unserem Leben machen zu müssen, entpuppt sich auf einmal als etwas, was auch Maja Marlen Hope so nicht gedacht hätte: als regelrechte Flucht nicht nur vor den bedrückenden Erinnerungen, sondern auch vor ihren eigenen Gefühlen.

Als gar nichts mehr geht, entschließt sie sich, zurückzukehren in ihre Heimatstadt und sich den eigenen Verletzungen zu stellen, therapeutisch Hilfe zu suchen und vor allem den Onkel, der ihr das angetan hat, vor Gericht zu bringen – freilich nicht ahnend, dass nicht nur Menschen zum Verdrängen von Dingen neigen, die sie nicht wahr haben wollen, sondern auch ganze Apparate. So wird ihre Begegnung mit der Justiz tatsächlich zu einer Wiederholung des Traumas und zur Begegnung mit Männern, die all ihre Macht darauf verwenden, Opfern das Geschehene ausreden und Täter vor jeder möglichen Strafe schützen zu wollen. Dass sich der österreichische Staat genauso verhält und am Ende jede Unterstützung mit fadenscheinigen Argumenten versagt, spricht für sich.

Würde Maja nicht im Verlauf ihrer langen quälenden Reise zu sich selbst auch Menschen kennenlernen, die ihr trotzdem in den schwärzesten Stunden beistehen, sie hätte die Tortur wohl nicht durchgestanden. Denn für die Opfer eines Missbrauchs ist die Aufarbeitung immer eine Tortur. Sie brauchen dabei nicht nur professionelle Begleitung, die tief vergrabenen Erlebnisse und Verletzungen aufzuarbeiten. Sie brauchen auch Menschen, die in den Stunden und Tagen danach bereit sind, ihnen Halt und Trost zu geben. Denn was da erweckt wird, sind natürlich die unverhüllten, jahrelang ignorierten Gefühle des verletzten Kindes.

Das eben nicht nur körperlich verletzt wurde, sondern in seinem tiefsten Vertrauen missbraucht wurde. Es ist nicht nur bei Maja so: Die meisten Missbräuche geschehen im engsten Familienkreis und durch Personen, die für die Kinder und Jugendlichen eigentlich Vertrauenspersonen sind, geliebte und oft sogar angehimmelte Familienmitglieder. In diesem Fall der Onkel, der zudem die Fähigkeit besitzt, Menschen, mit denen er zu tun hat, zu manipulieren. Dass Maja das Erlebte so lange verdrängen konnte, hatte auch mit der Drohung des Onkels zu tun, sie dürfe niemals darüber reden. Aber auch mit dem schäbigsten aller Momente, als er das Mädchen mit Beginn der Pubertät regelrecht erniedrigte und wegschickte mit der Behauptung, jetzt gefiele sie ihm nicht mehr.

Zu einem Gerichtsprozess gegen den Mann ist es nicht gekommen. Der zuständige Staatsanwalt weigerte sich einfach, sich mit dem Fall ernsthaft zu beschäftigen.

Dabei ging es Maja auch nicht um Strafe oder Rache, sondern eher um Einsicht und eine Entschuldigung. Doch die bekam sie nicht. Im Gegenteil. Die Großeltern deckten lieber den Täter.

Majas Eltern und ihre Schwester aber hielten zu ihr, so dass sie auch etwas entdecken konnte, was sie vorher nie zugelassen hätte: Sie um Hilfe zu bitten in der Not.

Denn wenn Vertrauen derart gründlich zerstört ist, dann wird das Opfer sich ein Leben lang mit Sätzen plagen wie „Ich bin es ja doch nicht wert“ oder „Ich habe gar nicht verdient, dass mich jemand liebt, so wie ich bin“ usw. Die Therapeuten werden all das nur zu gut kennen. Denn die Zahlen sind hoch. Der verdrängte Missbrauch macht die Betroffenen immer wieder zum Opfer, denn wenn sie die Muster nicht kennen, suchen sie sich auch immer wieder Partner, die das Trauma bestätigen, sie erleben neue Erniedrigung und Zurückweisung.  Und wandeln es im Kopf in harmonische Beziehungen um.

Doch im Unterschied zu vielen Betroffenen, die sich der bedrückenden Last nicht stellen wollen, nimmt Maja die Herausforderung an. Sie kämpft, sucht sich Hilfe und Freunde, lernt auch noch Yoga und Kampftechniken, um auch ihren Körper besser verstehen zu lernen. Und je tiefer sie sich in die schmerzlichen Erinnerungen und in die Schutzpanzer ihrer Emotionen hineinarbeitet, umso hellsichtiger wird sie auch im Blick auf ihre Mitmenschen. Sie merkt, dass es nicht ihre Emotionen sind, die sie betrügen, sondern ihre Vernunft, die so lange Jahre hilfreich war, weil sie dafür sorgte, die Verzweiflung fernzuhalten. Doch damit war auch all ihre Lebendigkeit, ihre Sexualität und ihr Selbstvertrauen unter Verschluss. Sie funktionierte nur noch und war in Liebesbeziehungen immer das suchende, unterwürfige Kind.

Das Buch hat Maja Marlen Hope quasi zum Abschluss ihrer Trauma-Therapie geschrieben, an dem Punkt, an dem für sie endlich greifbar war, was sie alles verdrängt hatte und was das mit ihrem Körper und ihren Emotionen angestellt hatte. Sie hatte sich den schlimmsten Erinnerungen gestellt. Ob die Reise in die Tiefe am Ende heilsam war, weiß sie noch nicht. Doch allein die Intensität der Beschreibung dessen, was sie in den drei Jahren erlebt, erzählt von einer unbändigen Lust aufs eigene Leben. Sie hat nicht nur Vertrauen neu gelernt und das zutiefst verletzte Kind in sich gefunden. Sie hat auch die Sensibilität eines Körpers gefunden, der ihr scheinbar über all die Jahre fremd war.

Natürlich ist es ein Buch, das anderen, die Ähnliches erlebt haben, Mut machen soll. Auch wenn es höchst emotional ist. In Tagebuchauszügen taucht die Autorin immer wieder in die vergangenen Phasen der Therapie zurück. Sie lässt auch die heftigen Abstürze nicht weg. Denn wenn man solche Erfahrungen über Jahre tief verschlossen hat, dann ist die Begegnung mit ihnen heftig. Dann kommen selbst Erlebnisse aus der jüngeren Vergangenheit wieder hoch – und die Autorin erschrickt. Denn augenscheinlich hat ihre Vernunft auch später in gefährlichen Situationen immer wieder auf Verdrängung geschaltet, so dass sie sogar von Glück sagen kann, dass sie lebendig bis an den Punkt gekommen ist, an dem sie sich der Sache stellen konnte.

Und natürlich macht das Buch sehr nachdenklich. Denn wenn diese Dinge so oft passieren, was richtet das eigentlich mit unserer Gesellschaft an? Wie viele Menschen tragen diese Erfahrungen in sich, unfähig, daran auch nur zu rühren? Hängt die panische Flucht vieler „Leistungsträger“ unserer Gegenwart vor Verständnis, Mitgefühl und Emotionen vielleicht sogar genau damit zusammen: mit dem Verdrängen? Kann es sein, dass die heutige Anhimmelung des permanent Verfügbaren genau damit zusammenhängt: Eine ganze Gesellschaft stürzt sich lieber blindlings in Dauerhöchstleistungen, um sich ja nie den Verletzungen zu stellen, die ihre Leistungsträger erlitten haben?

Und wie ist das mit diesen erfolgreichen Manipulateuren, die ihre ganze Umgebung dazu bringen können, sie anzuhimmeln und immer wieder neuen Missbrauch von Vertrauen zu ermöglichen? Die sich gegenseitig schützen gegen Anklagen und Machtentzug? – Alles nicht ganz abwegige Fragen. Die aber natürlich über das Buch hinausgehen, das vor allem davon erzählt, dass es sich lohnt, um seine eigene Heilung zu kämpfen, sich echte Freunde und Unterstützer zu suchen und die falschen Programmierungen im Kopf aufzulösen, die einst so wichtig waren, um das Überleben zu sichern, die irgendwann aber selbstzerstörerisch werden. Denn wenn man keinen Zugang mehr hat zu seinen eigenen Emotionen, wenn man sich dem Leben nicht mehr gewachsen fühlt, dann neigt man logischerweise zum Aufgeben. Dann behalten die Botschaften des falschen Über-Ich Recht. Eine scheinbar ausweglose Situation, wenn man nicht – wie Maja – darum kämpft, das Verlorene und Verschlossene wiederzugewinnen, wieder eins zu werden mit sich.

Es ist – das weiß man nach dem Lesen dieses Buches – ein hartes und tränenreiches Stück Arbeit.

Aber auch ein erhellendes, denn Maja lernt auf ihre Emotionen zu achten und die zerstörerischen Männer zu meiden. Denn Männer, die ihre Beziehungen nur danach bewerten, wie viel Macht sie über ihre Partner haben, gibt es genug. Männer, die selbst voller unverarbeiteter traumatischer Erlebnisse aus der Kindheit sind, auch. Lösen kann man das nur, indem man sich wirklich – wie Maja – dem eigenen Klärungs- und Heilungsprozess stellt. Und auch wenn es schwer ist, zeigt die Autorin mit ihrem Buch, dass es geht, dass man Freunde und Freundinnen findet, die einem helfen dabei, ein Netzwerk von Menschen, die einen verstehen, trösten und tragen. Die einem ein Stück weit genau das zurückgeben, was der Täter einst zerstört hat: das Vertrauen zu nahestehenden Menschen und vor allem in die eigene Kraft und Lebendigkeit.

Maja Marlen Hope Vom zersplitterten Spiegel zum bunten Mosaik, Einbuch Buch- und Literaturverlag, Leipzig 2016, 14,90 Euro.

 

Krimi, Welten-Saga, Dystopie?

In Kurt M. Simons Sci-Fi-Krimi lebt der alte Glaube wieder auf, dass die Menschheit vielleicht doch zu retten ist

Die Latte liegt hoch, auch wenn man sich in ein fast schon wieder unmodern gewordenes Genre traut: die Sternen-Saga. Denn dahin tendiert Kurt M. Simons „Sci-Fi-Krimi“, wie er ihn einsortiert hat - was wieder neue Maßstäbe setzt. Und eine Dystopie sollte es auch noch werden. Klassiker wie Heinlein, Asimov oder Herbert hätten daraus einen dicken 500-Seiten-Sternen-Wälzer gemacht.

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Mittlerweile tauchen die Bücher aus diesen raumfahrtbesessenen 1950er, 1960er Jahren ja wieder in den Buchhandlungen auf – neu eingewickelt, wie Zeugnisse eines verschrotteten Zeitalters. Und Fakt ist: Seit die USA und die einstige Sowjetunion ihren Wettlauf im Weltall beendet haben und die Sache eher nur noch so vor sich hindümpelt, wagt sich kaum ein SF-Autor mehr an Romane über Sternenreisen. Oder gar – wie Heinlein – an die Konstruktion ganzer besiedelter Welten.

Man mag ja auch nicht mehr dran glauben, dass es diese zerstrittene Menschheit jemals schafft, den Planeten zu verlassen. Statt Geld in die Raumfahrt zu stecken, werden Billionen-Summen für immer neue Rüstungsprogramme aufgewendet, in Waffenarsenale versenkt, deren Zerstörungskraft so groß ist, dass nach einem Knopfdruck eigentlich nichts mehr von menschlicher Zivilisation übrig bleibt. Und die Sternengenerale, die mit dummem Blick in die Kameras behaupten, man müsse der Sicherheit halber wieder die Rüstungsetats erhöhen und die potenziellen Gegner erschrecken, sind ja alle wieder da.

Da hat ein kleines Kapitel Entspannungspolitik einfach nicht gereicht, was draus zu lernen.

Und so ist das Grundszenario, das Simon wählt, erst mal so plausibel wie oft durchgespielt: Ein Idiot hat auf den roten Knopf gedrückt, die irdische Zivilisation ist in einem Feuerinferno untergegangen. Übrig blieb nur noch eine nicht von Atomexplosionen zersiebte Insel in Afrika, dem Kontinent, der eher nicht Zielgebiet der modernen Atomsprengköpfe ist. Und Simon ist ganz mutig: Er zeichnet das Bild einer Zivilisation, die sich selbst wieder am Schopf aus der Patsche gezogen hat, nicht nur in Afrika eine Insel des Überlebens geschaffen hat, sondern auch den Sprung auf den Mars geschafft hat und – über eine dieser legendären Einstein-Rosen-Brücken, die die SF noch in den 1980er Jahren in Begeisterung versetzt haben – den Sprung auf einen Planeten in einem anderen Sternensystem, Artemis mit Namen. Ausführlich schildert Simon, wie diese Menschen der Zukunft nach dem Tag X neue Regeln für ihr Zusammenleben aufgestellt haben in der Hoffnung, damit die Fehler der Vergangenheit vermeiden zu können.

So betrachtet: Ein hochaktuelles Buch. Man kann ja direkt zuschauen, wie lauter Typen mit defekter Sozialisation und der Gier nach Geld, Macht und Ruhm gerade Gesellschaften zum Brodeln bringen und politische Entscheidungen ins Rollen, die die wenigen so schwer errungenen Schutzschilde gegen die nationalistischen Katastrophen des letzten Jahrhunderts wieder demolieren. Als steckte in den Menschen – auch dann, wenn sie in einer Demokratie leben dürfen – ein unbändiger Zerstörungstrieb, als würden sie alle in ihrer Lebenszeit erleben wollen, wie das ist, wenn man einfach mal alles auf die Spitze treibt.

Natürlich funktioniert das so einfach nicht, obwohl die medialen Verstärker heute ziemlich einhellig dafür sorgen, jenen Erfolg zu verschaffen, die am lautesten, rücksichtslosesten und egoistischsten agieren.

Und wahrscheinlich ist es wirklich so, wie Simon versucht, anhand der Ereignisse auf Artemis zu schildern, dass Menschen, die Macht über andere haben wollen, immer Wege dazu finden. Und wenn es nicht der schnelle Weg ist, dann ist es der langsame über die lange Okkupation der Macht durch einflussreiche Familien, denen es auch egal ist, ob ihre Kandidaten für die mächtigen Ämter nun verantwortliche Leute oder ausgebuffte Verbrecher sind. Dieses Artemis erinnert ein wenig an die großen Familien des italienischen Mittelalters, die so mächtig waren, dass niemand es wagte, sich mit ihnen anzulegen. Sie haben auch Justiz und Polizei infiltriert. Und bei Simon geht diese Geschichte am Ende nur deshalb gut aus, weil es jenseits der regionalen Polizei – zu der sich seine Heldin Yasemin versetzen lässt – noch eine Cosmopolizei gibt, die augenscheinlich über Möglichkeiten verfügt, die tatsächlich auch die Macht auf Artemis übersteigen.

Yasemin ist Polizistin und steigt auch deshalb in den Fall ein, weil sie mit dem frisch gewählten Gouverneur von Artemis noch ein Hühnchen zu rupfen hat. Dabei gerät nicht nur sie selbst in Gefahr, die Jagd nach einem mutmaßlichen Pädophilenring endet auch für einige Polizisten tödlich.

Es geht also noch hübsch durcheinander. Gerade weil Kurt M. Simon augenscheinlich zu viel auf einmal will. Immerhin hat sich auch das Thema einer ganz und gar digitalisierten Welt ins Buch geschummelt, in der der Einzelne eigentlich nur existiert, wenn er auch als digitaler (Staats-)Bürger registriert (und damit jederzeit überwacht) ist. Ein Thema, das von William Gibson schon viel genauer, atmosphärischer und auch konsequenter erzählt wurde. Dystopischer sowieso, weil er sich ganz auf diese unsere heutige Welt eingelassen hat und die enorme Machtgier thematisiert hat, die eben nicht nur Politiker und Geheimdienste haben, sondern auch riesige Konzerne, die aus den Daten der Menschen ihr Geschäft machen. Die dadurch aber eben auch zu einem enormen Moloch einer durch nichts legitimierten Macht werden. Denn wer die Daten hat, bestimmt über Wohl und Wehe der einzelnen Menschen.

Eigentlich ist auch Simons Welt so durchdigitalisiert. Doch irgendwie ist er mit den Handlungsmustern der frühen „Raumkadetten“-Romane von Asimov aufgewachsen. Da siegt nun einmal am Ende die gute Seite. Daran glaubten auch die SF-Autoren der goldenen Ära mit aller Kraft, wenn man mal von den unverbesserlichen Pessimisten absieht – Leuten wie Vonnegut oder Bradbury, die die menschliche (vielleicht auch eher die amerikanische) Zivilisation rettungslos der Selbstzerstörung ausgesetzt sahen, dem Agieren von männlichen Großmäulern, die irgendwie immer den festen Willen haben, sich zu Diktatoren aufzuschwingen und dem Rest der Welt mit einem Druck auf den Knopf zu zeigen, wo der Hammer hängt.

Da bleibt natürlich kein großer Glaube mehr daran, dass die möglichen „Weltpolizisten“ am Ende tatsächlich die weißen Ritter sind, die die Welt retten. Auch wenn die Botschaft so vertraut wirkt. Der Leipziger SF-Autor Timo Hemmann nutzt sie ja als Generallinie all seiner Romane: Wer Kinder rettet aus den Finsternissen von durchgeknallten Systemen oder Verbrechern, der rettet eigentlich die Welt. Zumindest für den Moment. Denn für gewöhnlich kann ein Teil des Bösen immer entwischen. Und ganz so sieht es auch hier aus: Die Sache geht gut aus, der Sonnenuntergang ist prächtig. Aber von den mächtigen, beim Tricksen erwischten Familien sind etliche entflohen auf einer Armada von Raumschiffen, in wildem Zickzack-Kurs, so dass sie am Ende nicht mehr verfolgt werden konnten. Stoff genug also für die nächste dramatische Geschichte. Denn solange das Böse in der Welt ist, wird es immer neue Rettet-die-Welt-Geschichten geben.

Kurt M. Simon Sternenstaub, Einbuch Buch- und Literaturverlag, Leipzig 2016, 13,40 Euro.

 

 

Eine eher bedrückende Dystopie über ein fabelhaftes Land in Europa

Wie schnell wieder der Tod regiert, wenn kleine eitle Männer die Macht an sich reißen

Das Land, von dem Dieter Moselt in dieser satirischen Erzählung berichtet (zumindest hat er sie so klassifiziert), liegt irgendwo in Europa, auch wenn der Name Miracolandia eher an die phantastischen Erzählungen des Barock erinnert, an Shakespeare oder Swift. Aber dieses Miracolandia liegt mitten in Europa und es regiert ein kleiner, eitler Narziss namens Baerenlustkoenig.

Die Geschichte scheint in einem ein klein wenig zurückliegenden Kapitel der europäischen Geschichte zu spielen. In einer Zeit, in der die machtgierigen kleinen Männer noch problemlos Präsident werden konnten, ohne dass es gleich den Kontinent zerfetzte. Auch wenn die wacheren Bewohner des Kontinents schon zu Recht alarmiert waren, denn diese Männer demonstrierten ja schon mal für alle, was sie mit den Ländern anstellen würden, wenn sie erst mal alle Machtbefugnisse in Händen hätten. Da muss man nicht erst ins heutige Polen, nach Ungarn oder in die Türkei schauen.

Das haben ganz andere Typen schon vorgemacht, wie man eine Demokratie unterhöhlt, sich die Presse kauft (wenn man nicht schon ihr Besitzer ist), nicht nur Ministerposten mit unterwürfigen Erfüllungsgehilfen besetzt, sondern auch Posten in Polizei und Justiz. Die Populisten von heute kommen ja nicht frisch aus der Werkstatt. Die Geschichte der Parteien, in denen macht- und öffentlichkeitsgierige kleine Männer die Strippen zogen und ziehen, ist ja viel länger. Und sie haben alle gezeigt, wie man Politik zum Zirkus machen kann, wenn man nur laut, unverschämt und rücksichtslos genug vorgeht.

Gelernt haben die etablierten Parteien in Europa daraus nichts. Auch nicht, welche Steilvorlage sie bieten, wenn sie sich von den Pöbeleien dieser Leute treiben lassen, Kompromisse eingehen und vor allem die eigentlichen moralischen Werte aufgeben.

Was diese Leute dann anrichten mit dem Land, das sie quasi in Geiselhaft nehmen, hat Dieter Moselt versucht, sich anhand einer Konstellation auszumalen, wie sie vor einigen Jahren in Europa herrschte. Wir verraten jetzt mal nicht, welches Land und welchen dreisten Alleinherrscher er sich da als Schablone genommen hat – er hat seine Erzählung ja nicht ohne Grund eine „satirische“ genannt und im Vorspann beteuert, dass alles nur Erfindung ist und gar keine konkrete Person der Gegenwart sich gemeint fühlen dürfte.

Aber herausgekommen ist im Grunde eine Dystopie, so etwas, was Kurt Vonnegut in seinen düstersten Erzählungen gemacht hat, der für die USA ganz ähnliche Abstürze in finstere diktatorische Zeiten befürchtete. Die Rezepte, zu denen diese Machtgierigen greifen, sind sich allesamt ähnlich. Zumeist beginnen sie damit, die Gesetze in ihrem Sinne umzuschreiben, die Gerichte zahnlos zu machen – und dann werden die Medien gleichgeschaltet, werden kritische Zeitungen mundtot gemacht und die öffentlichen Sender auf Parteilinie getrimmt. Alles pure Gegenwart.

Und die Leute, die das auch in Deutschland machen wollen, sind längst unterwegs.

Es ist also ein Büchlein passend zur Zeit. Das Drama entspinnt sich um die telegene Nachrichtensprecherin Irene Brando, die lange versucht hat, sich dem System Baerenlustkoenigs anzupassen, der sich der Einfachheit halber schon mal King nennen lässt. Erzählt wird aus der (ratlosen) Perspektive des Rentners William Martin, der mit den Brandos befreundet ist, aber hilflos zusehen muss, wie Irene immer mehr verzweifelt. Höhepunkt ist dann der Tag, da sie endlich aufhört, den Schwindel mitzumachen und in die Kamera sagt, um was für einen Lug und Trug es sich handelt – wissend, dass sie danach nicht nur ihren Job los ist und mit der Rache des Kings zu rechnen hat. Man darf sich ruhig auch an Bradburys „Fahrenheit 451“ erinnert fühlen.

Wenn sich die Leute durchsetzen, die da mit Inbrunst „Lügenpresse“ brüllen, wird es keine andere oder bessere Presse geben. Dann wird es gar keine freie Presse mehr geben. Und das einzige Warninstrument der Demokratie wird verschwinden. Bradbury hat es ja in seinem Roman bis zum Verbot aller Bücher getrieben – da waren die Bücherverbrennungen der Nazis noch relativ frisch in Erinnerung.

Aber das Reich des King ist ganz ähnlich angelegt. Und William Martin ist wohl nicht ganz zufällig völlig desillusioniert und pessimistisch, sieht auch jene durchaus unheiligen Allianzen, die die kleinen, machtgeilen Männer schließen, wenn sie erst mal die Macht in Händen halten. Und er sieht, wie sie systematisch daran gehen, auch die stabilisierenden Systeme der Gegenwart zu demolieren. Es ist also auch kein Zufall, dass die Zerstörung der EU beiläufig mit thematisiert wird. Martin hat sich also aufs Schlimmste eingerichtet und ist am Ende nur Beobachter der Tragödie. Ein durchaus bekannter Vorgang, wenn die Zerstörer erst einmal das Klima eines Landes zermürben: Viel zu viele geben auf, verlieren die Hoffnung und ziehen sich auf die Position „Ich kann ja doch nichts ändern“ zurück.

Und dann werden sie von den wilden Kampagnen der Machtgierigen erst recht überrollt, werden zur Spielmasse.

Der ganze Titel lautet übrigens „Wer die Wahrheit sagt … braucht ein verdammt schnelles Pferd“. Der Spruch wird Konfuzius zugeschrieben. Da haben sich die machtgierigen Prinzen und Kaiser in China nicht wirklich von den kleinen Alleinherrschern Europas unterschieden: Wer ihnen die Wahrheit ins Gesicht sagte, musste damit rechnen, postwendend ins Jenseits befördert zu werden.

Andererseits ist es schon weit gekommen, wenn Journalisten mit solcher Rache rechnen müssen, wenn sie den Mächtigen auf die Füße treten. Und wenn sie dann allein dastehen in einer Welt, in der alle ihre Köpfe einziehen aus Angst, aufzufallen. Das hatten wir alles schon mal. Aber es arbeiten einige Leute daran, dass das alles wieder kommt.

 

 

Flucht, Armut und eine alte, unabgegoltene Schuld

Dieter Moselt erzählt eine kleine Familiengeschichte von Flucht, Neubeginn und dem späten Wunsch, Gerechtigkeit zu schaffen

Es ist wieder Zeit für Fluchtgeschichten. Auch ganz alte. Denn viele Deutsche haben augenscheinlich völlig vergessen, wie das ist, wenn Menschen aus ihrer Heimat fliehen müssen und am Ankunftsort unterwünscht sind und schikaniert werden. Auch Dieter Moselt kann so eine Geschichte erzählen. Zumindest ersatzweise. Denn als seine Familie aus dem Warthegau floh, war er selbst noch viel zu klein, gerade zwei Jahre alt. Warthegau? Ja, schreibt er so.

Dabei ist dieses Gebiet rechts und links der Warthe (polnisch: Warta) altes polnisches Siedlungsgebiet. Aber gerade deshalb wechselte es im Lauf der Jahrhunderte immer wieder den Besitzer. Mal waren es die Preußen, die sich hier breit machten, mal das zaristische Russland. Dann wieder war es für kurze Zeit wieder Teil des neu gegründeten Polen, bis 1939 die Deutschen einmarschierten und das Gebiet zwischen Schlesien und Pommern zum „Reichsgau Wartheland“ machten – mit Gauleiter und Umsiedlungspolitik und allen anderen Schikanen, die die Nazis für die einverleibten Gebiete im Osten auf der Liste hatten.

Dabei konnten sie auch auf über 300.000 Deutsche setzen, die hier bei einer Gesamtbevölkerung von 4,5 Millionen Menschen lebten. Und ein Teil kollaborierte eifrig mit den neuen „Herren“, andere versuchten, sich aus den Dingen herauszuhalten. In der Geschichte, die Moselt erzählt, geht der Riss mitten durch die Familie: Während der Vater Stans versucht, ein einigermaßen anständiges Leben zu führen, ist dessen Bruder zum stahlharten Nazi geworden und hat auch die polnischen Widerstandskämpfer im Ort verraten. Logisch, dass die Polen nach der Befreiung durch die Sowjetarmee auf Rache sinnen und den Verräter suchen. Aber wie das so ist mit Nazis: Wenn es um die Abrechnung geht, sind sie immer verschwunden, haben sich frühzeitig in den Westen abgesetzt (so wie auch Gauleiter Arthur Greiser) und sind damit nicht mehr erreichbar. Was für Stans Vater zum Problem wird, als die Polen den Namen des Schuldigen haben wollen – aber eines Schuldigen, den sie noch bestrafen können. Was in der Dramatik dieser Zeit natürlich wieder bedeutet, dass zwei Unschuldige zum Opfer werden und Stans Familie nicht nur das Wissen um dieses Versagen mit sich nimmt, als ihr endlich die Flucht Richtung Breslau gelingt, sondern auch den nun elternlosen Josef, der für Stan zum kleinen Bruder wird.

Eindrucksvoll erzählt Moselt, wie es der kleinen Familie nach ihrer Ankunft gelingt, sich anfangs in ärmlichsten Verhältnissen einzurichten und sich nach und nach ein klein wenig Sicherheit und Wohlstand zu erarbeiten. Die Schwierigkeiten, in einem kleinen niedersächsischen Dorf Fuß zu fassen, werden erzählt, die Probleme in der neuen Schule in der großen Stadt, wo die Kinder wieder Außenseiter sind. Die Einheimischen begegneten Flüchtlingen aus dem Osten im Grunde mit denselben Vorurteilen und Bosheiten, mit denen später auf jede andere Art von Einwanderung auch reagiert wurde. Das wiederholt sich augenscheinlich in immer neuen Schleifen und es dauert lange, bis die Gräben geschlossen sind und die Neuankömmlinge selbst zum Teil einer Gesellschaft geworden sind, die sich verändert hat, da und dort auch ein Stück weit offener geworden ist für das Fremde, dem die beiden Jungen bei einer kleinen Liebeserfahrung in den Ferien begegnen. Doch die geht am Ende tragisch aus.

Ganz verschwunden sind die Erinnerungen an die dunklen Vorfälle in der Kindheit nicht. Wenn es drauf ankam, ging der große „Bruder“ für den Kleinen auch mal zum Äußersten – auch wenn er nach dem Vorfall mit dem pädophilen Lehrer nicht wirklich weiß, ob er da nun Schuld auf sich geladen hat. Und wie viel. Denn auch wenn der Vater in der Geschichte oft als schwach und nicht standhaft erscheint, können die beiden Jungen am Ende nur feststellen, dass er wohl doch anders war als die meisten Männer in dieser Generation. Geschlagen hat er die Jungen nie.

Und so steckt auch dieser Stan, der bewusst einen anderen Namen angenommen hat, um nicht mit seinem Nazi-Onkel verwechselt zu werden, nicht voller Rachegefühle, auch wenn er sich am Ende – nach einem langen Gespräch mit Josef – auf die Suche nach dem Schuldigen an Josefs Lebenstragödie aufmacht, nicht ahnend, dass er im fernen Namibia einem alten Mann begegnen würde, der nicht ein bisschen bereit ist zu bereuen, was er getan hat, und der immer noch von der Überlegenheit der weißen Rasse redet und scheinbar so eine Art Wohltäter der ganzen Region geworden ist. Die verbale Begegnung wird regelrecht zur Niederlage, weil Stans Vorwürfe an der eisigen Wand der Selbstgerechtigkeit abprallen. Ein Moment, das einen doch erstaunlich an die moderne Arroganz der ewigen Chauvinisten erinnert: Sie leben in einer Welt, in der Schwäche, Verständnis, Menschlichkeit keinen Platz haben. Verächtlich schauen sie auf die scheinbar so weichen und willensschwachen „Gutmenschen“ herab (haben wir schon geschrieben, dass das Wort aus dem Nazi-Wortschatz stammt?), genauso, wie sie es heute wieder in sozialen Netzwerken und auf arroganten Demonstrationen tun. Für das Schicksal ihrer Mitmenschen interessieren sich diese Leute nicht, auch Stans eisiger Onkel tut es nicht. Er reagiert nicht mal, als sein Neffe ihm entgegen wirft: „Doch eines Tages holt dich der Teufel!“

Dafür stellt er sich hochnäsig zum Foto auf, dicht am zweitgrößten Canyon der Welt, labert einfach weiter und versucht dem Neffen klar zu machen, dass Hitler nur die Schweiz hätte erobern müssen, dann hätte er den Krieg gewonnen. Und dann stürzt er in einem Moment der Unachtsamkeit über die Felskante, kann noch geborgen werden. Aber seine letzten Worte sind genau das, was Stan nicht erwartet hatte. Denn dieser eingebildete Onkel zeigt mit dem Finger auf ihn und beschuldigt ihn, ihn über den Felsen gestürzt zu haben.

Dieter Moselt lässt die Sache noch einmal glimpflich ausgehen. Auch mit jener kleinen notwendigen Ent-Täuschung, die dem Wohltäter Namibias am Ende auch diesen Glorienschein noch entzieht. Aber schon der nächste Fetzen Zeitung, der Stan vor die Füße wedelt, zeigt ihm, dass die Welt voller falscher Onkel ist, überheblicher Mistkerle ohne Herz und Verstand, denen es trotzdem gelingt, sich als Wohltäter und Retter aufzuspielen und andere Menschen wie Marionetten an ihren Fäden tanzen zu lassen. Da schrumpft auch der Trost, einer brandgefährlichen Situation gerade so entkommen zu sein, schnell auf Erbsengröße zusammen, die Freude, eben noch hilfreichen Menschen begegnet zu sein, erstarrt in der Wahrnehmung, dass die von eiskalten Männern entfesselten Kriege nie aufhören. Und das ist auch möglich, weil die falschen Werte regieren: „Und auf der Werteskala kommt die Liebe weit nach der Coca Cola“.

An der Stelle endet die Geschichte, die wie eine Erinnerung daherkommt, eine der vielen Erinnerungsgeschichten, die auch die Kinder der einstigen Flüchtlinge mittlerweile schreiben, um ein Stück ihrer Familienüberlieferungen zu bewahren. Geschichte im Kleinen, oft stark reduziert aufs persönliche Schicksal. Dass aber am Anfang die eisigen Täter waren, die alle Tragik erst in Gang gebracht haben, steht nicht immer da. Hier wird es thematisiert, und auch wenn der alte Schlager „Sag mir, wo die Blumen sind“ anklingt, weiß der Erzähler in diesem Fall, wer es getan hat. Nur dass sich die Begegnung dann wie eine Niederlage anfühlt – wieder mal. Weil man mit dem Wunsch nach Menschlichkeit und Gerechtigkeit die eisige Schale der Täter nicht zu durchdringen vermag.

Dieter Moselt Wie die Erinnerung im Wind, Einbuch Buch- und Literaturverlag, Leipzig 2016, 12,90 Euro.

 

 

 

Ein Jahr auf Vogelpirsch im Leinetal

Hauke Meyers lange Suche nach dem Grund für die Unruhe und nach der eigentlichen Schönheit des Planeten Meyer

Was passiert eigentlich, wenn ein Mann mitten im Leben, so kurz vor der 40, ins Grübeln gerät über sein Leben, die Welt, die Politik und den ganzen Rest? Passiert ja nicht allzu häufig. Viele haben in dem Alter ihren Kopf schon ausgeschaltet, spulen nur noch ab, plappern nach, funktionieren. Und kommen auch nicht auf die Idee, dass etwas falsch sein könnte an ihrem Leben.

Wenigstens nachdenken wollte Hauke Meyer mal über den ganzen Kram. Die Unruhe steckte in ihm. Er hatte seinen Job als Sozialpädagoge, der jungen Menschen nach ihrer katastrophalen Bildungskarriere erklärte, wie man wieder „zurück ins System“ kommt und sich dabei an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zieht. Man kann ihn sich schon vorstellen, den „besten Sozialpädagogen der Republik“, wie er die Entmutigten, Lustlosen, Frustrierten bei ihrem Stolz packt, ihrer angelernten Dünkelhaftigkeit und ihrer „Ist doch eh egal“-Stimmung, herausfordert, nervt und ärgert und gerade mit seiner Schnoddrigkeit dazu bringt, wieder ein bisschen Laufen zu lernen.

Er lebt noch immer in Einbeck, der Stadt, wo er aufgewachsen ist. Früher war er mal Punk, auch irgendwie links. Ein echtes Kind der 1980er, die seine Kindheit und Jugend geprägt haben. Seine Schulzeit war überschattet von der Dauerregentschaft Helmut Kohls. Es war die Zeit, als die Engländer die beste Musik der Welt machten. Die Scheiben hat er noch heute. Und die Songs dieser Jugend schleichen sich auch in dieses Buch, das ein wenig von seinem großen Faible erzählt: der Vogelbeobachtung. Birdwatching. Birder nennt er sich und weiß sich im Leinetal in bester Gesellschaft mit Gleichgesinnten, die ebenso beharrlich losziehen, um die Vogelwelt zu beobachten. Eine Welt neben unserer Welt. Da spotten selbst Haukes Freunde: Zwölf Vogelarten werde er wohl beobachten. Viel mehr kennt ja der unaufmerksame Laie nicht.

Aber so ganz zufällig ist Hauke Meyer nicht zu seinem Hobby gekommen. Da haben ihn ein paar Großväter angefixt, wie das oft so ist. Manchmal merkt man erst spät, wie wichtig die alten Knaben waren und wie ihre Worte nachleben in uns. Vielleicht sogar absichtslos erzählt, gezeigt. Schau hin. Präg es dir ein. Vögel sind nicht nur Vögel. Der Reichtum liegt im Detail. Und nur wer genau hinschaut, merkt, wie reich unsere Welt ist. Noch.

Das ist Hauke Meyer sehr bewusst, auch wenn die letzten Jahre für den raubeinigen Familienvater doch sehr ernüchternd waren. Das erspart er dem Leser gar nicht. Und es ist irgendwie vertraut. Denn wer in seiner Jugend Typen wie Hans-Dietrich Genscher, Helmut Schmidt und Gregor Gysi erlebt hat und mit dem vergleicht, was heute auf der politischen Bühne passiert, der kommt schon ins Grübeln. Auch über die Republik, die irgendwie in seltsames Fahrwasser geraten ist. Denn es ist schon eigenartig, wenn 2014 eine Stimmung im Land ist, in der ein Helmut Schmidt mit Sicherheit die Wahl zum Bundeskanzler gewonnen hätte.

Aber weder die SPD ist noch, was sie mal war, weder haben die Grünen oder die Linken noch die Glut der frühen Jahre.

Das kann täuschen. Meyer schreibt ja einfach drauf los. Wenn ein Thema ihn packt, versucht er es so klar wie möglich zu formulieren, bevor er weitermacht mit dem Aufzählen von Vögeln, die er in den Poldern an der Leine beobachtet hat. Denn um in diesem Jahr 2014 seinen Lebensfaden zu finden, hat er sich vorgenommen, wenigstens 200 Vogelarten zu beobachten. Das zwingt zum Innehalten, zum Aufmerksamsein, zum Rausgehen sowieso, auch wenn er Dutzende allein schon im Garten vor seinem Haus am Wald beobachten kann.

Er versucht, zeitnah alles niederzuschreiben, wissend, dass auch das Leben dazwischen kommen kann. Und zum Jahresende kommt es heftig dazwischen. Da wird er dann auch gezwungen, über das Elementarste nachzudenken. Da werden auch die Töne etwas weniger ruppig und hemdsärmelig.

Der Leser merkt es schnell: So leicht auszuhalten ist dieser Hauke Meyer nicht. Das gibt er auch gern zu. Seiten füllt er mit Beschreibungen seiner Unzufriedenheit, seiner Selbstzweifel – immer wieder konterkariert mit der Betonung, dass er doch nur ein ganz gewöhnlicher, mittelmäßiger Mensch sei, der die Dinge, die er sich wünscht, auch eigentlich hat. Aber woher kommt dann die Unruhe?

Am Ende scheint sich das zu klären. Und das ist schon etwas, was den meisten Mittelmäßigen im Land in der Regel früh verloren geht. Denn die eigentliche Triebkraft im Leben ist die Neugier auf immer Neues, auf die Erweiterung des eigenen Horizontes. Das hält lebendig. Wer also dachte, dass dieser Bursche, der deutlich betont, dass er ganz bestimmt nicht konservativ, eher ein echter Liberaler sei mittlerweile, nun irgendetwas übrig hätte für die neuen Renitenten von der AfD und ihrer Dresdener Begleitmusik, der irrt. Für diesen Haufen der Verlaufenen hat er überhaupt kein Verständnis.

Man merkt, dass seine Unzufriedenheit mit Grün und Rot und Rosarot woanders herkommt – auch aus einer gewaltigen Enttäuschung, die er wahrscheinlich mit Millionen anderen in diesem Land teilt. Eine Enttäuschung, die er so nebenbei auch noch in einer Oi-Punk-Band auslebt. Ein Liedtext für die Band bringt sein Hadern auf den Punkt. Denn wenn das Liberalsein in Egoismus umkippt, dann werden auch die spätrevolutionären Punk-Posen eher aggressiv als sinnstiftend: „Ich leb‘ mein Leben nach meinen Regeln und weißt du was, das Leben gibt mir Recht – ich schulde keinem etwas, hör nur auf mich selbst.“

Dabei lebt sein Buch von genau diesem Widerspruch, dass er eigentlich Leute, die sich nicht an Regeln halten, gar nicht mag. Leute, die nur im Schwarm flattern aber auch nicht. Womit er ja den Grundwiderspruch einer Zeit benennt, die die größten Egoisten feiert, im Wesen aber an einer zunehmenden Kälte und Oberflächlichkeit leidet. Manchmal gehen die Argumente mit ihm durch und manchmal passen sie auch nicht zusammen. Aber im Nachwort betont er auch, dass er lieber nichts redigiert hat, weil auch das zu seinem Naturell gehöre. Der Widerspruch muss raus.

Aber er findet dann doch etwas Wesentliches. Auch eine Variante des scheinbar zelebrierten Egoismus, die eigentlich etwas anderes ist, nämlich die Fähigkeit, einen eigenen Weg zu wählen und auch dazu zu stehen. Sich eben nicht einfach von anderen dirigieren und irgendwohin schubsen zu lassen. Auch das gibt genug Konflikte und Reibungsstellen – mit Eltern, Lehrern, Kollegen. Wer kennt das nicht? Aber mal ehrlich: Ein eigenes Leben wird nur draus, wenn man auch dazu steht. Und zwar nicht nur mit renitenter Punk-Pose, sondern so: „Liebe und Hingabe im Sinne der Sache – alles andere ist Illusion.“

Das haut er seinen Freunden in der Stammkneipe dann auch noch einmal um die Ohren. Und auch das hat mit seiner Beobachtung der Vögel zu tun. Denn gerade durch das Kommen und Gehen, das Dableiben und Ausbleiben all dieser Gefiederten, von denen viele auf der Roten Liste stehen, wurde ihm auch bewusst, mit welcher Beharrlichkeit die Vogelarten versuchen, ihr Überleben zu sichern: „Vögel jammern nicht. Vögel sind.“

Und das ist für manches Jahr schon eine ermutigende Erkenntnis, wenn man sagen kann: Ich bin.

Denn dazu muss man ja erst einmal ausgezogen sein auf der Suche nach diesem „Wer bin ich überhaupt?“ Und: „Was bin ich?“

Da geht dieser Hauke Meyer aus Südniedersachsen auch manchmal sehr ruppig mit sich und seinen Liebsten um. Aber seine beiden Wintergoldhähnchen scheinen ihn doch so nehmen zu wollen, wie er ist. Und wenn man so recht nachdenkt: So ein ruppiger Bursche, der auch mal dreckige Vergleiche wählt, ist einem doch irgendwie wesentlich sympathischer als all die glattgeleckten „Ich bin irgendwas“, bei denen man nicht mal auf die Idee käme, es könnten komische Vögel sein.

Hauke Meyer Auf dem Weg zu mir, Einbuch Buch- und Literaturverlag, Leipzig 2015, 13,40 Euro.

 

 

Ein Krimi auf Abwegen in die hessische Provinz

Ein sauberer Todesfall, seltsame Affären und eine Heldin ohne Skrupel

Es ist ja nicht so einfach mit dem Krimischreiben. In welche Rolle schlüpft man nun? In die der Ermittler? Die der Täter? Oder die einer verwirrten Öffentlichkeit? Es gibt Autoren, die können sich nicht entscheiden und versuchen dann - wie Martin Lenz - zwei Geschichten in einer zu erzählen. Oder drei. Denn Verbrechen sind ja alles andere als das, was der moderne Mediennutzer meist glaubt: eindeutige Ereignisse.

Was übrigens auch ein Grund dafür ist, dass das Krimi-Genre seit ein paar Jahren blüht und gar nicht genug Krimis geschrieben werden können, um das Leserinteresse zu befriedigen. Immer neue Spielformen entstehen, immer tiefer tauchen die Autoren nicht nur ins mühselige Handwerk der Kriminalisten ein, sondern auch in die psychologischen und sozialen Abgründe der modernen Gesellschaften. Kein Genre hält der Gesellschaft so den Spiegel vor, zeigt die schmutzigen Ecken genauso wie die moralischen Abgründe der feinen Gesellschaft.

Oder – wie Lenz in diesem Fall – dem Leser ein paar wirklich kaputte Gestalten des heutigen Frankfurt. Im Mittelpunkt – auch wenn das anfangs so scheint – nicht das emsige Ermittler-Duo Ruppert und Horn, das sich nun mit dem etwas unerwarteten Tod eines frisch pensionierten Ressortleiters des Hessischen Rundfunks beschäftigen muss. Ein Fall, der erst einmal ganz einfach und sauber wirkt. Und er führt auch nicht in die korrupte Welt des deutschen Rundfunks, von Auftragsschiebereien oder politischer Einflussnahme. Schade, sagt sich das immer wache Gemüt des politisch geschulten Lesers.

Erst recht, wenn so nebenbei auch noch ein Protagonist überall verkündet, er werde ein Buch über echte kriminelle Machenschaften veröffentlichen, die die Republik erschüttern werden. Davon erfährt man später auch etwas.

Aber Martin Lenz ist einer, der eher mit dem analytischen deutschen Roman der 1950er und 1960er Jahre aufgewachsen ist. Das hatte damals Stil. Man denke nur an Franz Josef Degenhardt, der in seinen sozialkritischen Romanen die von Stereotypen geprägte Gesellschaft jener Zeit untersuchte, die heute so gern als „Wirtschaftswunder“ beschrieben wird. Seine Figuren führte er aus der Distanz und ließ seine Leser immer spüren, dass er von „diesem da“ sprach – einer dieser geplagten zeitgenössischen Gestalten, die sich verzweifelt bemühte, ihr eigenes Leben zu leben, und doch nicht aus ihrer Rolle, ihrer Stellung und der ihr zugewiesenen Position im sozialen Gefüge kam.

Ein paar Jahrzehnte durfte man sich durchaus der Illusion hingeben, das einstige Schichten- und Kastengefüge der alten Bundesrepublik sei verschwunden, aufgelöst in einem großen Brei moderner Gleichmacherei. Aber das alte Schichtendenken hat sich nur maskiert und zeigt sich – in Städten wie Frankfurt wohl noch viel deutlicher als anderswo – wieder in alter elitärer Arroganz, aber auch in einem seit Jahren wieder radikalisierten Karriere-Denken. Dass derzeit in deutschen Provinzen die blanke Angst umgeht, das hat mit diesem Elitedenken zu tun, denn bis in die letzten Verästelungen der Gesellschaft hinein hat sich die Panik verbreitet, dass jeder, der es nicht schafft, sich „nach oben“ durchzuboxen, auf der Strecke bleibt, finanziell nie auf trockenes Land kommt und auch sonst nur noch das Gefühl haben darf, zu den Verlierern dieses Rennens zu gehören.

Die Welt, die Martin Lenz schildert, ist so eine vom Karrieredenken besessene Welt. Und die zentrale Figur Ilona, die beim Hessischen Rundfunk schon ein Stück Karriere gemacht hat, ist ein Ausbund dieses Denkens, was dem Leser erst so langsam deutlich wird. Man will sich ja gern identifizieren mit der Hauptfigur. Gerade weil sie augenscheinlich heftig zu kämpfen hat nach der Entdeckung des Toten, etwa mit ihrer Herkunft in einem kleinen Kaff in der Nähe von Frankfurt, in dem die Gemüter kochen und wo die Dagebliebenen sich die Mäuler zerfetzen, nachdem Ilona sich auch noch im Fernsehen geoutet hat. Was für eine „Schande“ für ihren Vater, der da leben muss, in dieser kleinen Welt der gegenseitigen Abhängigkeiten, wo jeder jeden kennt und jeder glaubt, über andere urteilen zu dürfen. Nirgendwo ist der Anpassungsdruck so groß wie in der deutschen Provinz. Und die Romane, die sich mit dieser piefigen und beklemmenden Welt beschäftigen, sind mittlerweile Legion.

Ilona stellt sich dem zwar und macht dabei einige auch für sie überraschende Entdeckungen. Aber sie ist in diesem Buch nicht die einzige, die für den Ausbruch aus dieser Piefigkeit einen teuren charakterlichen Preis gezahlt hat. Das merkt der Leser spätestens, wenn der Autor ihre Gedanken über ihre Lebensgefährtin, ihre Kollegen, „Freunde“ und die Menschen wiedergibt, die jetzt im Leben ihres Vaters auf einmal eine Rolle spielen – Italiener und Polen.

Hoppla, sagt man sich so beim Lesen, da hat man ihn auf frischer Tat ertappt: den arroganten, allseits waltenden ganz gemeinen und normalen deutschen Alltagsrassismus, der vor allem eines ist: tiefste Verunsicherung in der eigenen Rolle.

Das wird spätestens an der Stelle deutlich, als Ilonas Vater mit einem Frankfurter Taxifahrer sein Feldbusch-Abenteuer hat, eine kleine Anekdote eigentlich, in der Lenz die Suche des Mannes nach dem richtigen Umgang mit der zusehends komplizierter gewordenen Welt deutlich macht. Immerhin musste er eben schon das Outing seiner Tochter verdauen. Jetzt versucht er den Fahrer, der dann auch noch verrät, dass er Wurzeln in Marokko hat, mit der heute so typischen deutschen „Lockerheit“ zu nehmen – doch die ganze Fahrt über ist er von der Panik besessen, nun ja nicht irgendwelche rassistischen Vorurteile gucken zu lassen. Es ist wohl eine der schönsten Stellen, in der die moderne deutsche Schizophrenie deutlich wird: Im persönlichen Umgang ist Rassismus (zumindest für die meisten Bürger) völlig tabuisiert. Gleichzeitig ist unsere Gesellschaft aber mit lauter rassistischen Vorurteilen getränkt, die auch fest eingebaut sind in unser alltägliches Karriere- und Elite-Denken.

Von einem wirklich selbstverständlichen und vorurteilsfreien Umgang mit Menschen aus anderen Ländern sind wir meilenweit entfernt. Und im kleinen Spielfeld Unterpfeffersheim wird deutlich, wie das fortlebt und wirkt – auch dann, wenn eigentlich Italiener und Polen längst diejenigen sind, die die Wirtschaft in diesem Nest am Laufen halten. Wenn auch – wie in diesem Fall – mit nicht ganz durchsichtigen Geschäften. In einer Gesellschaft, die so wenig bei sich ist, reduziert sich die gepflegte Gemeinsamkeit dann nur noch auf zwei Dinge: auf die berufliche Karriere und aufs Geld (und den Besitz). Das ist dann die bundesdeutsche Gesellschaft in nuce.

Und man merkt, dass sich der 1933 in Halle an der Saale geborene Autor, der nach seinem Studium 1957 in den Westen wechselte, diesen etwas kritischen und leicht verstörten Blick auf diese Gesellschaft bewahrt hat, auch wenn er ein paar Jahre im hessischen Schuldienst tätig war. Oder vielleicht auch gerade deshalb. Und nun im höheren Alter verarbeitet er seine skeptische Sicht auf die hessische Provinz in Büchern, die irgendwie die Anlage zum Krimi haben, aber noch viel stärker zur Analyse der Verwerfungen in einer Gesellschaft neigen, die ihre eigentlichen Probleme gern versteckt und in der sich Typen wie Ilona als die Gewinner sehen, weil sie sich sicher sind, dass Skrupel bei der Karriere nur stören. Sehr bildhaft durchgespielt im spürbaren Bruch ihrer Beziehung mit Jennifer, die das Zerstören von Ameisenhügeln und das qualvolle Töten von Katzen und Fröschen („So ist nun mal die Welt.“) überhaupt nicht vertragen kann.

Und so nebenbei wird auch die ganze verkopfte Diskussion des Westens über ein kaputtes Sex- und Liebesleben sichtbar, das sichtlich eine Menge mit dieser Besessenheit von Karriere und Erfolg zu tun hat, mit dem ständigen pekuniären Blick auf Partnerschaft, Sicherheit und Selbstdarstellung. Da wird in elitären Runden über „Treue“ gefaselt – aber im realen Leben traut niemand dem anderen. Eine Atmosphäre aus Neid, Missgunst und Vorurteilen entsteht. Ilona lebt mittendrin.

Man versteht Kommissar Ruppert sehr gut, dass er gerade diese Ilona nur zu gern zur Hauptverdächtigen in seinem Fall gemacht hätte. Und es deutet auch einiges darauf hin, dass Ilona am meisten profitiert in einem Gespinst von Andeutungen und Halbwahrheiten, in dem auch ihre Schwangerschaft eine Rolle spielt, von der bis zum Schluss nicht klar ist, ob die tatsächlich existiert.

Noch etwas verwickelter wird die ganze Geschichte, weil auch noch das Homosexuellen-Milieu eine Rolle spielt. Was dann die Lösung des Falls etwas enttäuschend macht. Aber das gehört wohl auch zur Wirklichkeit: Zum Täter werden am Ende eher die ratlosen Gestalten vom Rand der Gesellschaft, während die Cleverles, die sich in die richtige Position manövriert haben, den eigentlichen Reibach einstreichen und Ermittler wie Ruppert und Hold eher mit dem Gefühl zurücklassen, dass sie wohl doch irgendetwas übersehen haben müssen. Auch Ruppert sagt am Ende „So ist das Leben.“ Aber er sagt es völlig anders als der gefühllose Schwager, der Jennifer so entsetzt hat. Es steckt nicht dieses rücksichtslose „Fressen und Gefressenwerden drin“ (hinter dem sich ein gut Teil des bürgerlichen Sozialdarwinismus versteckt), sondern die freundliche Botschaft des älteren Ermittlers, dass man ja „eigentlich einen Fahndungserfolg feiern“ könnte. Aber nur eigentlich. Denn da, wo Hilde Horn gern weiterermittelt hätte, ist die unsichtbare Grenzlinie gezogen. Wenn der Täter gefunden ist, darf auch die Frage nicht weiterverfolgt werden: Und wer hat eigentlich die Spielfiguren geführt?

Martin Lenz Kein Sekt für Ilona, Einbuch Buch- und Literaturverlag, Leipzig 2015, 13,90 Euro.

 

Grün oder Wer hat da eigentlich seine Stimme verloren?

Ein Buch über das Schweigen der Gefühle und die Grausamkeit der Farbe Grau

Auch wenn groß "Grün" auf dem Umschlag steht, ist es kein Buch über eine farbenfrohe politische Bewegung. Aber um Farbe geht es tatsächlich. Und darum, wie wichtig Farbe in unserem Leben ist und wie sehr unsere Gefühle die Welt in Farben tauchen. Oder in Grau, die Nicht-Farbe unserer Alpträume. Das kennt jeder, wie die Welt ihre Farbe verliert, wenn wir seelisch in Not sind.

Dazu hat der Einbuch-Verlag schon einige Bücher veröffentlicht, Debüt-Geschichten in der Regel, Manuskripte, die andere und größere Verlage schon lange nicht mehr bringen, weil sie nicht in die üblichen Erzählraster passen. Dass auf über 90 Prozent dessen, was sich auf den Präsentiertischen der Buchhandlungen stapelt, der Stempel „Verlogen und eingebildet“ stehen könnte, ist vielen Viellesern vielleicht noch unterschwellig bewusst. Sie kaufen das Zeug trotzdem, lesen die immer gleiche sahnige Brühe in immer neuen Varianten (auch den professoralen, die dann in Deutschland die Buchpreise bekommen) und haben vielleicht noch vage das Gefühl, dass eigentlich das Wichtigste unerzählt bleibt, das Leben, wie es die meisten selbst erleben. In aller Rauheit, Verworrenheit und Schärfe.

Gibt es aber in Deutschland überhaupt noch Spannendes zu erzählen?

Wenn sich Autoren trauen zu erzählen, dann schon. Jedes Leben ist ein Drama – auch wenn die meisten Leute alles dafür tun, diesem Drama zu entkommen, indem sie sich in eine Welt von Phrasen, Rüschen und Lügen einspinnen.

Dabei sind auch die Dramen der Familie noch genauso präsent wie in fernsehlosen Vorzeiten. Väter verzweifeln an ihren Rollen, hadern mit alten Bildern vom Starksein, Mütter trauern den verpassten Chancen ihrer goldenen Jugend nach, fühlen sich unverwirklicht und von Haushalt und Kindern unterdrückt, Jugendliche rebellieren gegen den heimischen Ordnungs- und Kontrollwahn und sind trotzdem ratlos der eigenen Zukunft gegenüber. Der Alltag hält die Rituale am Laufen, in die sich alle zwängen, auch wenn sie – für sich allein – fluchen: Was für eine beschissene Familie.

Und dabei war doch am Anfang alles so schön, so hochzeitlich und lebensfroh. Auch bei Nicole Weiligmann ist das so: Für Birgit und Joachim war ihr Leben anfangs auch mal eine Rebellion gegen strenge Eltern, die nicht loslassen wollten und die falschen Erwartungen hatten. Und noch immer haben. Wer das in seiner kleinen, so mühsam aufgebauten Partnerschaft erlebt, der weiß, was das für Dramen in die Beziehung bringt. Das glimmt vor sich hin und jeder Besuch bei den Alten wird zu einer Tragödie. Irgendwann lässt man das dann.

Familie Götz lebt irgendwo in der Provinz. Wo, ist eigentlich egal. Wenn man nicht wüsste, dass Nicole Weiligmann in Münster geboren wurde und in München lebt, dann könnte man sich die Geschichte in Dessau genauso gut vorstellen wie in Erfurt, Neubrandenburg oder Hoyerswerda. Joachim ist Maler (und sucht seinen Ausgleich im Fitnesscenter), Birgit arbeitet im Supermarkt, Sohn Jonas geht noch zur Schule, hat aber keine Lust mehr dazu, Tochter Sofia hat (gegen den Willen der Eltern) Abitur gemacht und studiert Jura, weit weg natürlich in einer anderen Stadt. Und dann ist da noch Marie, das Nesthäkchen, der Nachkömmling, als Joachim und Birgit eigentlich keine Kinder mehr haben wollten. Damit hadern die beiden. Und lassen es das Kind auch spüren. Es ist jene grauenvolle Mischung aus Liebe und Verzweiflung, die viele Kinder kennenlernen, wenn ihre eigenen Eltern noch immer nicht erwachsen sind.

Und das sind weder Joachim noch Birgit, auch wenn sie oft genug dasitzen und „völlig fertig“ sind mit sich und ihrem Leben. Und wenn ein Kind dann das Falsche sagt, gibt’s kurzerhand ein gebrülltes „Halt’s Maul“. Oder Joachim schlägt gleich zu.

Und als es ihm wieder einmal passiert, hat das Folgen: Marie verliert ihre Stimme. Fortan schweigt sie und sucht ihren Trost draußen im Park bei den Bäumen. Und sie ist die Erste, die entdeckt, dass die Bäume im Frühjahr nicht grünen wollen. Die Blumen blühen nicht. Die Vögel singen nicht. Und so langsam kommt eine ganz seltsame Stimmung auf in dem Gebiet, in dem in diesem Jahr der Frühling ausbleibt. Und ziemlich bald ist klar: Die kleine Stadt mit der Familie Götz und der stummen Marie ist mittendrin in diesem Gebiet, das von den Politikern und Amtswaltern ganz schnell mit Argusaugen betrachtet wird. Und ziemlich schnell machen sie eine Sperrzone draus, riegeln es ab und planen die Vernichtung des gemutmaßten Krankheitskeims, der die Natur am Erwachen hindert.

Logisch, dass das ziemlich schnell bürgerkriegsähnliche Zustände nach sich zieht. Man fühlt sich an die politischen Eskapaden der Gegenwart erinnert. Aber um die geht es eigentlich nicht, auch wenn Birgit und Joachim durch die Umstände gezwungen werden, über sich selbst, ihre Arbeit und ihr Verhältnis zueinander neu nachzudenken. Erst recht, als auch Jonas beginnt aufzubegehren. Gespickt ist der Text mit vielen kleinen Dialogen, bei denen man anfangs nicht so recht weiß, wer sich da eigentlich unterhält über das Glücklichsein, das Wichtigsein, das Bösesein, die Einsamkeit und die Angst. Am Ende weiß man es dann.

Denn der Kern der Geschichte ist ja nicht – wie der Buchdeckel suggeriert – eine „fantastische Utopie“, auch nicht die ergraute, farblose Welt, die eigentlich das beste Zeug hätte, in eine dieser quälenden Dystopien von J. G. Ballard abzugleiten. Der Kern ist tatsächlich diese kleine Familie, die eigentlich festgefahren scheint in ihren Ängsten, Überforderungen, Wortlosigkeiten. Und da man bald spürt, dass diese Unfähigkeit, zu vertrauen und zu lieben, etwas zu tun haben muss mit der grauen Landschaft draußen, wird die Geschichte zu einem Spiel auf Hoffnung: Schaffen es die in ihrer Wortlosigkeit Eingesperrten, die Barrieren zu überwinden?

Das ist ja die eigentliche Utopie, die die meisten Kinder, die in solchen Familien aufwachsen, nie erleben. Eher enden solche Dramen in Entsetzen und neuen Verletzungen, die in die nächste Generation weitergegeben werden.

Und einfach macht es die Autorin ihren Helden auch nicht. Sie verzagen, verzweifeln, haben Momente der  Nachdenklichkeit, werden dann aber doch wieder mitgerissen von den Zwängen des Tages.

Eigentlich ist es erst die Ausnahmesituation, die sie zu Veränderungen zwingt, zum Innehalten und Überprüfen der eigenen Gefühle. Was die meisten Menschen in der Regel nicht tun, wenn sie glauben, fertig zu sein, will heißen: erwachsen. Was ja für Viele meist nur bedeutet, „keine Zeit“ mehr zu haben – für sich, ihre Träume, ihre Kinder, ihre Nächsten. Natürlich ist die Fabel auch ein wenig Erlösung, so, wie sich Menschen gern Erlösung wünschen aus einem festgefahrenen und schiefgelaufenen Leben. Aber Erlösung passiert nicht „von oben“. Die muss man sich schon selbst erarbeiten, wieder sehen, fühlen und verstehen lernen.

Und natürlich ist genau so etwas gemeint, wenn in der Bibel was zur Nächstenliebe steht. Man kann den Nächsten oder Übernächsten nicht lieben, wenn man sich selbst nicht versteht und achtet. Ist das nun eine christliche Geschichte? – Eigentlich nicht. Eine allzumenschliche eher, eine, die zu Herzen geht, weil man sich als Leser eigentlich mit Marie identifiziert und ahnt, warum sie nicht mehr sprechen kann. Und auch, warum sie nicht die Erste sein wird, die wieder sprechen darf. Zuerst müssen andere ihre Stimme finden. Und das ist schwer. Denn die Welt, die Nicole Weiligmann hier beschreibt, ist ja nicht so, dass das ein akzeptiertes Sprechen wäre. Es ist eine sehr vertraute Welt. Und man versteht nur zu gut, warum junge Menschen in so einer Welt nicht mehr leben möchten und fliehen. Ins eigene Zimmer, wo sie die Musik bis zum Anschlag aufdrehen, oder weit, weit weg zum Studium.

Das Dumme ist nur: Die Menschen, die so verlernt haben, mit ihrer eigenen Stimme zu sprechen, die würden solche Bücher nicht lesen. Höchstens die dicken Liebesromane, die auch Birgit im Bett liest, bis sie irgendwann merkt, dass diese falschen Geschichten sie eigentlich anöden.

Es gibt eine Menge Menschen, die nicht einmal mehr merken, dass es in ihrer Welt keinen Frühling mehr gibt und die Grün und Vögel und Bäume (und Eisvögel) für Quatsch halten. „Mumpitz“, wie es der graue Ebeneezer Scrooge so gern formulierte. Und sie merken auch nicht, was passiert, wenn sie keine eigene Stimme mehr haben, und was sie damit ihren Nächsten und Übernächsten antun.

In diesem Buch ist es zwangsläufig Marie, die zum Katalysator wird. Und deswegen steht da auch das Wort Utopie. Denn in der richtigen Welt passiert das eher selten, dass die Sprachlosigkeit der Kinder die Eltern zum Nachdenken bringt. Man freut sich über den Ausgang der Geschichte, weiß hinterher aber erst richtig, dass das Grau im Leben vieler Menschen doch regiert und klebt und Gefühle macht, die niemand aushalten kann, der noch ein paar Träume hat im Leben.

Nicole Weiligmann „Grün“, Einbuch Buch- und Literaturverlag, Leipzig 2015, 13,40 Euro.

 

 

Mit César Econda vier Tage in Paris

In der Welt von Gary, Breton und Dali auf der Suche nach dem eigenen Sinn im Leben

César Econda verrät nicht viel über sein Leben. Nur dass er dem Helden seines Buches, an dem er acht Jahre lang schrieb, doch sehr ähnlich ist: Schweizer, Ingenieurwissenschaftler, 35 Jahre alt und auf vertrautem Fuß mit Camus, Hesse und Dostojewski. Es ist lange her, dass das "Steppenwolf"-Fieber in deutschen Landen grassierte. Was nicht bedeutet, dass man sich nicht auch im 21. Jahrhundert so einsam fühlen kann.

Was Gründe hat. Auch wenn sie nicht immer alle klar zu benennen sind. Sind die gestrengen Väter schuld? Ist es der Druck der Gesellschaft? Das System einer Schule, die Außenseiter ablehnt, verachtet und niederdrückt? Sind die Probleme des frühen 19. Jahrhunderts noch immer die selben wie die des späten 19. Jahrhunderts? Es sieht ganz so aus. Nur dass man es um die vorletzte Jahrhundertwende irgendwie der “fin de siecle”-Stimmung zuschrieb. Nur einer war hellsichtiger. Und der kommt auch vor in Econdas Weg durch das moderne, so schön anonyme Paris: Siegmund Freud. Nebst weiteren Autoren, denen der Held der Geschichte begegnet ist und deren Bücher ihm vertraut wurden: Romain Gary, André Breton, Paul Watzlawick. Das ist auch schon wieder 30, 40 Jahre her, dass diese Namen in der gesellschaftlichen Debatte eine Rolle spielten. Indirekt taucht dieses beharrliche Nachdenken über unsere Existenz in einer überdrehten Konsumwelt auch bei Econda wieder auf durch Michel Houellebecq, auch wenn der selbst nicht im Buch vorkommt. Aber er war der Anreger, der den jungen Wissenschaftler dazu brachte, sein Buch unter Pseudonym zu schreiben.

Die Handlung passiert in vier Tagen. Vier Tage Ferien, die sich Econdas Romanheld genommmen hat, um sich vom Stress daheim abzulenken und einfach abzutauchen in der großen Stadt mit all ihren Attraktionen, berühmten Bewohnern, ihrer Kunst, den modernen, den alten, den von Problemen geplagten Stadtvierteln. Meist ist er mit der Metro unterwegs, wenn er nicht gerade versucht, Straßen und Plätze zu finden, die sich auch mit Stadtplan nicht unbedingt finden lassen. Und er genießt es, dass er allein da ist, niemandem Rechenschaft schuldet und die Konversation auf das Wesentliche beschränken kann.

Er ist zwar in der Wissenschaft erfolgreich. Aber menschliche Nähe hält er überhaupt nicht aus. Er weiß es. Was ihn von anderen Zeitgenossen unterscheidet. Augenscheinlich ist er auch hochbegabt. Doch an seine Kindheit und die Schule erinnert er sich aus der Perspektive eines Versagers. Und das Gefühl hat ihn auch im erwachsenen Alter nicht verlassen. Kaum eine Situation bringt ihn nicht an seine Grenzen – sei es das Einchecken im Hotel, das Einkehren in ein Restaurant. An seine Doktorprüfung erinnert er sich mit Grausen. Der kleinste Widerspruch versetzt ihn in Panik und sein Gehirn schaltet komplett in den Rechtfertigungsmodus: Was hab ich nur wieder falsch gemacht?

Da und dort fühlt man sich an andere Leidensgeschichten anderer Autoren, auch solchen aus dem Einbuch-Verlag erinnert. Nur reagieren ihre Helden zumeist anders – brechen entweder völlig aus, reagieren mit einer Flucht möglichst weit weg aus den als katastrophal erlebten Umständen. Oder sie gehen dran kaputt, leiden unter Depressionen oder sind stark sucht- oder suizidgefährdet. Der Held in Econdas Geschichte hat einen Vorteil: Er hat gelernt, die Dinge analytisch zu betrachten. Manchmal wird das eine Manie, wenn er sich in verwirrrenden Situationen selbst die sonderbarsten Rechenaufgaben stellt und die gleich noch im Kopf löst.

Doch in Paris passiert noch etwas anderes mit ihm, denn er hat die große anonyme Stadt ja ganz bewusst gewählt, um aus dem Alltagsstress auszusteigen. Bei seinen Fahrten und Spaziergängen hat er jede Menge Zeit, sein Leben Revue passieren zu lassen und dabei immer wieder der Frage nachzugehen, warum es ausgerechnet ihn erwischt hat, ob er damit wirklich eine Ausnahme ist und warum er – selbst wenn er die Dinge perfekt beherrscht – von einem kleinen Einwurf völlig verunsichert werden kann. Dabei rekapituliert er auch allerlei wissenschaftliche Grundlagen. Bis hinein in die Körperchemie: Mit all den Hormonen und was sie mit dem Menschen anstellen, damit der sich eifrig paart, weiß er Bescheid. Selbst die Tischnachbarn nimmt er im Kopf auseinander, analysiert ihren Ist-Zustand als Paar und ihre Zukunft in den nächsten Jahren, wenn die Hormone aufhören, Harmonie zu erzeugen und die sexuelle Anziehungskraft aufhört.

Was hat man eigentlich noch für ein Liebesleben, wenn man die ganzen Vorgänge dabei im Kopf permanent auswertet und nicht einmal ein Vollrausch reicht, den wissenschaftlichen Operator im Kopf auszuschalten? Was dann auch die wenigen möglichen Beziehungen unmöglich macht, in denen ein Außenseiter, als der er sich empfindet, einer Frau begegnet, die bereit ist, sich trotzdem auf ihn einzulassen.

Die mögliche Antwort, die der Held für sich findet, liegt im Gruppenzwang, den er für die Wurzel allen Übels hält. Menschen verändern sich, passen sich den Regeln einer Gruppe an und beginnen Dinge zu tun, die sie als Einzelwesen nie getan hätten. Wozu auch all die kleinen und bösen Schikanen gehören, die Gruppenmitglieder gegen andere, scheinbar schwächere Mitglieder der Gruppe ausüben, um sich selbst aufzuwerten, ihre Position in den Augen der scheinbar Starken zu verbessern. Eine Welt, die der Held nun nur noch von außen betrachtet – er will nicht mehr dazu gehören. Und er fühlt sich besser damit: “Vielleicht ist man unter dem Strich glücklicher, fühlt weniger Schmerzen, wenn man den Freuden und Frauen einfach aus dem Weg geht? Wenn man die Sehnsucht aufgibt, den richtigen Partner zu finden? Wenn man sich einfach nur abschirmt?”

Aber da er eifrig innere Monologe führt, ist der Leser ja dabei, wenn er von den simpelsten Situationen in Angst und Schrecken versetzt wird und innerlich regelrecht zu schreien und zu wüten beginnt. Ganz so glücklich ist er mit sich also nicht.

Aber geht es den Anderen besser? Oder gestehen sie sich ihr Leiden einfach nicht ein?

Fast ein Synonym für die Ängste der modernen Welt sind die Waggons der Pariser U-Bahn, in denen alle eifrig bemüht sind, nur ja keinen der Mitpassagiere anzusehen oder auf irgendwelche Kontaktversuche zu reagieren. Für den Helden dieser durchaus dissonanten Reise durch die berühmtesten Teile von Paris, liegt ein Urgrund der Panik in dem, was auch die Autoren des “fin de siecle” gern thematisiert haben – im Wissen um die Sinnlosigkeit des Lebens. Aber was macht man aus seinem Leben, wenn man darin keinen Sinn (mehr) sieht? Bringt man sich um? Das bringt auch Econdas Held nicht fertig, denn sauber rechnet er negative und positive Folgen gegeneinander auf. Er kennt auch die einschlägigen Schriften zum Selbstmord. Und er sieht, wenn er anderen Menschen so bei ihrem Leben zusieht, die vielen Versuche, sich mit allerlei Dingen einfach über die Sinnlosigkeit hinwegzutäuschen – sei es mit Drogen, mit Religion, mit Kindern, die man in die Welt setzt, um das Ärgernis einfach an die nächste Generation weiter zu geben.

Aber mal ehrlich: Selbst dieser verbiesterte Paris-Reisende schmunzelt, als am Ende auf der Heimfahrt im Zug die Kinder anderer Leute anfangen, den ganzen Waggon zu unterhalten.

Vielleicht ist der größte Denkfehler unserer Zeit (und wohl auch die größte Ursache der meisten Leiden), die eingebaute Erwartung, unser Leben müsste einen Sinn haben. Bibliotheken stehen voller solcher Sinn-Bücher. Und voller Heilsversprechen, die behaupten, einem den Sinn geben zu können für das Leben.

Ein gewaltiges Einfallstor nicht nur für Religionen, sondern auch Ideologien, Sekten, allerlei Gurus und Propheten. Vielleicht hat dieser namenlose Held aus der so frustrierenden Schweiz tatsächlich Recht, wenn er die meisten Zeitgenossen hilflos nach irgendeinem Gruppenanschluss suchen sieht, getrieben von der Panik, als Außenseiter keinen Platz und keine Anerkennung zu finden. Es gibt genug Stellen im Buch, da möchte man den inwendigen Grantler einfach sitzen lassen mit seinem sinnlosen Zorn. Und dann versteht man ihn wieder und ahnt, wie er darunter leidet, nicht Teil haben zu können. Aber woran eigentlich? An den besoffenen Gruppen, in denen er gar nicht sein will? An der Blaskapelle des Vaters oder einer Kirche, die ihm etwas aufdrängt, was sein Verstand ablehnt?

Will er denn der Clochard sein, der auch dann keine Freude hat, wenn er doch noch sein Bier bekommt?

Es ist, auch wenn es sich nicht so liest, doch auch wieder ein Sinnsucher-Roman. Nur dass der Sinn eben nicht im Kosmos schwebt, irgendwo eingewoben in ein göttliches Versprechen. Vielleicht ist das genau das Problem, dem sich die Menschen so langsam stellen müssen, dass der entsetzte Schrei “Gott ist tot” tatsächlich nur noch den Narren am Straßenrand gehört, die es einfach nicht fassen können. Und dass der ganze Rest von Selbstakzeptanz und Selbstbewusstsein unser Teil und unsere lebenslange Aufgabe ist. Was übrigens als trockene Analyse zwischendurch auch in diesem Buch mit vorkommt. Es ist ja nicht so, dass dieser reisende Außenseiter sich nicht vollgefressen hätte mit allem möglichen Wissen.

Immerhin  hat er – das weiß er auch, ein paar Handlungsoptionen, auch wenn er diese kurzen Ferien in Paris erst einmal ohne Ergebnis zu Ende bringt.  Jedenfalls ohne ein greifbares Ergebnis. Noch gibt es viel zu viele Gründe, keinen Selbstmord zu begehen. Irgendwie sind ihm die Anderen, so seltsam ihn ihr Handeln anmutet, doch irgendwie wichtig. Was ja schon mal ein Anfang ist. Die Anderen sind eben nicht nur die Hölle. Klammer auf: Viele sind es trotzdem. Aber bei denen muss man ja keine Freunde suchen. Klammer zu.

César Econda “Durchschnittliches Leiden”, Einbuch Buch- und Literaturverlag, Leipzig 2015, 13,90 Euro

 

 

Eine wütende Biografie aus dem dunkelsten Leipzig

Der Albtraum einer Kindheit in einer von Alkohol und Gewalt zerfressenen “Familie”

Es kommt ganz unauffällig in Weiß daher. Es ist auch keine kreischende Biografie, mit der der Leipziger Einbuch-Verlag nun die Bestseller-Listen rocken will. Auch wenn es für den kleinen Leipziger Verlag wieder einer dieser mutigen Vorstöße ist, die in großen Verlagen kein Controller zulassen würde: Die Lebensgeschichte einer jungen Leipzigerin, die wütend ist, richtig wütend.

Und anfangs denkt man noch: Das geht eigentlich nicht. So ungedämpft kann man doch die Wut nicht rauslassen auf die eigenen Eltern. Aber dann nimmt die junge Autorin ihre Leser mit in eine Kindheit, wie man sie im Leipzig der 1990-er Jahre eigentlich nicht vermutet hätte, eine Kindheit mit Eltern, die schon weit vor der Geburt der Kinder sämtliche Lebenskoordinaten verloren haben, beide dem Alkohol verfallen und schon seit Jahren betreute Klienten von Sozial- und Jugendämtern. Mehrfach wurden ihnen schon Kinder entzogen – die ältesten mit schwersten Behinderungen, die möglicherweise nicht nur in Alkohol- und  Tabakkonsum während der Schwangerschaft ihre Ursache haben, sondern auch in groben Misshandlungen des Mannes, den die Autorin irgendwann nur noch verächtlich den Erzeuger nennt.

Und obwohl die zuständigen Ämter um diese Karrieren wissen, handeln sie bis ins Jahr 2001 so, als könne man so eine Familie mit Ratschlägen, wechselnden Betreuern und immer wieder Hilfe in letzter Minute, wenn die Wohnungskündigung drohte, auf den richtigen Pfad führen.

Die Akte, die die Autorin letztlich einsehen kann, erzählt von einer Amtsbetreuung, die eigentlich alle Signale auf dem Tisch liegen hatte – und trotzdem nicht die richtigen Schlüsse zog. Man fühlt sich wohl zu Recht an einige dramatische Vorfälle in der jüngeren Leipziger Geschichte erinnert: Wenn Betreuer nicht einschreiten, obwohl sie um die massiven Störungen und Probleme der Eltern wissen, endet das oft genug auch mit dem Tod der Kinder.

Erst recht, wenn ein Mann wie der hier geschilderte Vater die Hauptrolle spielt, nicht nur völlig alkoholabhängig und faul, sondern auch noch ein Tyrann, wie er im Buche steht, einer, der seine Familie mit Gebrüll und Gewalt einschüchtert. Und nicht nur die eigene Frau hat er so gefügig gemacht, dass sie nicht einmal mehr ein Wort des Widerspruchs wagt. Auch die Kinder bekommen den Jähzorn und die schnell in Schläge ausartende Herrschsucht dieses Mannes zu spüren, der Monat für Monat das Geld der Familie versäuft.

Die Kinder müssen nicht nur in alten, von irgendwo spendierten Kleidungsstücken in die Schule – sie sind auch verlaust und erleben immer wieder Tage völlig ohne eine Mahlzeit. Und trotzdem schreitet niemand ein. Augenscheinlich bekommt die Lehrerin nichts mit, die Nachbarn hören wohl den täglichen Lärm aus der Wohnung. Protokolliert aber sind nur die gewalttätigen Ausfälle des Vaters gegen die Mutter, nicht die gegen die Kinder. Doch für die vergeht eigentlich kein Tag ohne Prügel. Und es kommt irgendwann auch, wie man es von Anfang an befürchtet, dass der Mann, der nicht einmal ansatzweise die Rolle des Vaters ausfüllt, sich auch sexuell an seiner Tochter vergreift.

Und das ist der Punkt, an dem man weiß: Dieses Buch ist ein ganz seltenes. Denn die Autorin schafft etwas, was die meisten Kinder, die so eine Lebenserfahrung hinter sich haben, niemals schaffen: Sie schafft es, über all das zu schreiben. Die meisten scheitern daran, verschließen es für ihr ganzes Leben in sich. Denn diese Art schwarze Pädagogik, wie sie Alice Miller nennt, formt den Charakter fürs ganze Leben und zerstört jede emotionale Basis. Sie legt die Grundlagen für Traumata, Panikattacken und Krankheiten, die die Betroffenen immer wieder in die Gefahr bringen, sich selbst zu zerstören. Ob mit Alkohol, Tabletten oder Zerstörungen des eigenen Körpers. Die früh erlebten Aggressionen durch die eigentlich wichtigsten Menschen im eigenen Kindheitserleben werden zur Aggression gegen sich selbst. Und helfen können am Ende auch nur ansatzweise lange, quälende Therapien.

Von denen die junge Autorin schon einige hinter sich hat. Doch das bewahrt sie nicht davor, unversehens von neuen Panikattacken heimgesucht zu werden. Was ihr augenscheinlich auch passierte, als der größte Teil ihrer Geschichte schon zu Papier gebracht war. Da genügte ein einzelner, nach Alkohol und Qualm stinkender Fahrgast in der Straßenbahn.

Auszüge aus der Akte des Jugendamtes am Ende des Buches erzählen von der Tragödie der Verwaltung, die mit den falschen Ansätzen über Jahre versuchte, eine Art “Rettung der Familie” zu bewerkstelligen, obwohl man über die Vernachlässigung der Kinder eigentlich Bescheid wusste.

Am Ende sind der Weg ins Heim und die Aufnahme in eine Pflegefamilie die Rettung für das Kind und auch die so wichtige Erfahrung, dass es tatsächlich Menschen gibt, die bedingungslos sorgen und lieben und Kindern Geborgenheit vermitteln können. Auch mit allen Problemen, die so eine Beziehung mit sich bringt. Denn die Aggression, die das gequälte Kind über Jahre erfahren hat, bricht sich auch in ihrer Pflegefamilie immer wieder Bahn.

Am Ende versteht man die ungebremste Wut. Da teilt man sie auch. Und man bekommt ein Gefühl dafür, wie tief verletzt Menschen ihr Leben lang sind, die so eine Kindheit erlebt haben. Und was wahrscheinlich passiert, wenn sich die jungen Erwachsenen diesen traumatischen Erfahrungen nicht stellen, sondern sie – mit den von den “Eltern” gelernten Mitteln – verdrängen.

Die Autorin hat sich gestellt – mit einem erstaunlichen Mut. Auch mit einer bestechenden Offenheit. Und eigentlich steckt auch ein Appell darin an unsere Gesellschaft, mit all der so gut geübten Schönmalerei einmal aufzuhören. Man kann solche “Familien” nicht reparieren, nicht mit Beratungen zur ewig leeren Haushaltskasse und nicht mit Tipps zur modernen Erziehung. Man kann nur die betroffenen Kinder so schnell wie möglich retten und aus diesen desolaten Verhältnissen herausholen.

Denn wenn das nicht passiert, sind es die betroffenen Kinder, die ihr Leben lang leiden. Und das erst recht da, wo andere Menschen gelernt haben zu vertrauen und sich sicher zu fühlen.

Annett Leander “Umarme mich – aber fass’ mich bloß nicht an!”, Einbuch Buch- und Literaturberlag, Leipzig 2015, 11,90 Euro

 

 

Heiner allein im Dorf

Eine etwas unfertige Geschichte aus der thüringischen Einsamkeit

Es gibt Bücher, die sind eigentlich noch nicht fertig. Dies hier ist so eins. Eigentlich soll es der erste Teil eines Romans in drei Teilen sein. Aber auch Romane in mehreren Teilen funktionieren nur, wenn sie das Spannungsmoment aufbauen und offen halten können. Erinnerungsarbeit ist etwas anderes.

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Und das, was der Thüringer Lorenz Kindel hier vorlegt, ist eigentlich Erinnerungsarbeit. Sogar eine zu einem nicht ganz unwichtigen Thema, jenem nämlich, das Politiker gern so ratlos als „demografische Entwicklung“ bezeichnen und ostdeutsche Dagebliebene heute gern mit dem alten Slogan von Helmut Kohl belegen: „blühende Landschaft“. Wirklich blühende Landschaften: Dörfer und Flecken, aus denen mittlerweile die letzten Bewohner verschwunden sind, leer gezogene Landschaften. So wie das Spindorf in Kindels Buch, in dem der Held Heiner versucht, sein Leben zu sortieren. Er ist der Letzte.

Eigentlich war seine Oma Elfriede die Letzte. Bei ihr hatten die anderen Dorfbewohner, als sie der Arbeit und einer besseren Zukunft hinterher zogen, ihre Hofschlüssel abgegeben. Doch Elfriede ist jetzt auch tot und Heiner ist eingezogen in ihr Haus, das ihm sowieso schon immer Rückzugsraum war – auch damals schon, irgendwann kurz nach der „Wende“, die Kindel ohne Anführungszeichen schreibt, während er die hingestorbene DDR nur als DäDääR bezeichnet. Selbst so etwas verrät, wie komplex das Gespinst ist, das der Autor hier weben will. Und wie schwer er sich damit tut, denn da geht es ihm augenscheinlich wie so vielen Autoren im Osten: Sie haben ein Problem mit dieser Vorgeschichte. Ein unverkrampftes Verhältnis sieht anders aus. Die DDR spukt durch die gesamtdeutsche Erinnerung wie ein unerwünschter Verwandter, der besoffene Alfons, der sich auf jeder Feier blamiert und daneben benommen hat. Die einen Autoren machen sich lustig über Stasi &. Co., die nächsten schreiben düstere Thriller drüber. Und wenn der Alltag mal auftaucht, dann tun die meisten Autoren so, als wäre das alles nur noch peinlich, lächerlich, als schäme man sich dafür und würde sich mit dem flehenden Kichern des Klassenclowns dafür entschuldigen, dass man dummerweise die falsche Kindheit im falschen Land erwischt hatte.

Dabei ist dieses nun immerfort getrötete „falsche Leben im falschen“ nur noch nervend. Was soll das?

Das Alles steckt auch in Kindels DäDääR. Und es macht einen guten Teil der Ratlosigkeit seines Helden aus, der nun in diesem verlassenen Spindorf sitzt und versucht, sein Leben zu rekapitulieren. Das tut er im Zwiegespräch mit sich selbst, ist ja sonst weiter keiner da. Die Gefahr, so in der Einsamkeit närrisch zu werden, ist ihm durchaus bewusst. Und auch ein wenig peinlich, wenn dann doch mal ein paar Touristen auf Rädern durchkommen. Denn das gebrochene Verhältnis bezieht sich nicht nur auf das Land, das 1990 seine große Entvölkerung erlebte, sondern auch auf seinen Beruf, den er nach der „Wende“ an den Nagel gehängt hat, weil er in einer Arbeit als Musiklehrer einfach keinen Sinn mehr sah. Seitdem scheint das Prekäre zu seinem Leben zu gehören.

Und man erfährt auch so nach und nach, dass es da mal eine Romy gab, von der der einsame Heiner eher störrisch erzählt, als wär’s nur eine etwas unglückliche Liebelei im letzten Sommer gewesen. Erst am Ende dieses ersten Teils seines Romans erfährt man, dass das mal eine Liebe fürs Leben war, dass beide auch verheiratet waren und mindestens einen gemeinsamen Sohn hatten. Das erfährt man quasi eine Sekunde vor Schluss. Es ist einer der Gründe dafür, warum man sich am Ende fragt, warum der Autor seine Geschichte nicht einfach runtergeschrieben hat, alles, was er in drei Teilen erzählen möchte.

Dann hätte man noch kürzen und straffen können und es hätte ein griffiges Buch aus der thüringischen Provinz werden können. Aber auch der Untertitel „Gespinste aus Thüringen“ deutet darauf hin, dass der Autor doch ein wenig zu viel der ganzen deutschen Moritatenliteratur gelesen hat. Deutsche Autoren halten Grübeln und Spinnen für wichtig, ummalen die Gedanken ihrer Helden gern ausführlich, laden Landschaften und Dörfer mit Geraune auf, überhöhen und lassen Bedeutungen schwängern. Das macht Geschichte sehr gespinstig. Keine Frage. Aber eigentlich schaden sie dem Roman, der Story. Der Leser wird zu recht ungeduldig und fragt sich: Wann geht’s denn nun los? Wann packt er seine Handlung am Faden und erzählt sie konsequent herunter?

Natürlich weiß man all die teuren Erfindungen der deutschen Erzählkunst zu schätzen, all diese Rückblenden, Einschübe, Abschweifungen, inneren und äußeren Monologe. Aber erfunden wurden sie in Zeiten, als Menschen noch mit der Postkutsche fuhren und der Taugenichts zu Fuß durch die romantischen Landschaften spazierte. Dieser alte romantische Blick auf Heimat, Dorf und Liebe scheint man nicht totzukriegen. Aber ist es nicht höchste Zeit, diese Verklärung endlich mal zu entsorgen? Verlassene Dörfer sind pittoresk, aber nicht romantisch, vergangene Lieben schmerzlich, aber nicht lyrisch.

„Lyrische Geschichten aus einem deutschen Raum“? Das ist wie DäDääR: Verklärung und Schminke. Eine naive Verklärung, die aber irgendwie passt zum Selbstbild der ostdeutschen Provinz. Alles ist schon geschehen. Nichts kommt mehr, nicht mal mehr der Bus. Nur Heiner ist noch da und wird nicht fertig mit seiner Geschichte. Und deshalb steht dann dieser Titel da, der so klingt, als müsste sich jeder erst ein Ich basteln. Sehr gespinstig. Und eher nichts für Leute, die sich in Thüringens Wäldern auch mal ein bisschen Action wünschen.

Lorenz Kindel „Das ICH ist eine vorübergehende Festlegung, Einbuch Buch- und Literaturverlag, Leipzig 2015, 12,90 Euro.

 

Unruhige Tage für Rentner Kuno Kropke

Drei Morde und ein alter Mann in einem gar nicht so verschlafenen Nest in Hessen

In Krimis sind meistens die Ermittler die Helden. Manchmal auch die Mörder. Aber um die am Rande Betroffenen kümmern sich Krimi-Autoren eher selten. Vielleicht, weil das eigentlich die ganz normalen Leute sind, die sich von all den Schreckensmeldungen in der Zeitung eher nur verängstigen lassen. Aber wie reagiert einer wie der Rentner Kuno Kropke, wenn ein blutiges Verbrechen seine Welt erschüttert?

Verängstigt war er schon vorher, denn Tag für Tag liest er seine Zeitungen und grübelt darüber, wie kriminell die Welt mittlerweile geworden ist – auch wenn er ab und an auch mal darüber nachdenkt, warum in den Zeitungen Mord und Totschlag derart breit ausgewalzt werden. Wäre da nicht seine realistische Lebensgefährtin Christa, er wäre wohl schon längst in den Kosmos des völlig wahnhaften Alten abgeglitten. Denn eigentlich bietet das kleine Nest in Hessen, in dem er lebt, nicht allzu viele Gründe dafür, die Welt als Albtraum zu begreifen.

Würde da nicht unverhofft ein kleines Mädchen anrufen und Onkel Kuno bitten, schnell, schnell zu kommen. Denn ihre Mama ist ermordet worden. Das Mädchen Anika versetzt den von seinem Medienkonsum reineweg wirren Kuno in Angst und Schrecken, auch wenn er die ersten Momente mit Leiche, Anika und Polizei ganz ordentlich meistert. Nicht allzu sehr geschockt, auch wenn die Tote Mechthild Popescu ihm keine Unbekannte ist: Sie hat in den Apotheken geputzt, die er noch kürzlich betrieben hat, und sie putzt auch regelmäßig in der Villa, die er mit Christa bewohnt.

Aber Christa ist weit weg – auf einer Reise in Chile. Er muss ganz allein zurecht kommen mit den Problemen, die der Todesfall jetzt aufwirft. Denn mittendrin in der Geschichte steckt er spätestens, als Anika klitschnass in seinem Haus auftaucht und ihn verdonnert, ja nicht zu verraten, wo sie ist. Ein selbstbewusstes Mädchen. Weiter hinten in seinem Roman, in dem Martin Lenz noch einige sehr interessante Persönlichkeiten aus Christas weitem Freundeskreis auftreten lässt, findet sich auch ein sehr freundliches Plädoyer des Autors für diese jungen, noch nicht eingeschüchterten Persönlichkeiten in der Grundschule, kluge Biester, denen eigentlich nichts fremd ist, was die Erwachsenen tun. Und auch Anika weiß, was gehauen und gestochen ist. Und da sie bei den diversen Putzjobs ihrer Mutter öfter dabei war, weiß sie auch, wem sie vertrauen kann und wem nicht. Und sie kennt Kuno. Besser als er selbst.

Es ist tatsächlich eine Geschichte, in der Martin Lenz eine einfühlsame Begegnung über den tiefen Graben der Generationen hinweg geschrieben hat. Denn wenn sich einer einigelt wie Kuno Kropke, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er genauso ein verunsicherter, lebensfremder, grantiger alter Kerl wird, wie er einem in den Abgründen der großen und der kleinen Provinz nur zu oft begegnet – vom Skandal-Geprassel der konsumierten Medien völlig überfordert, zunehmend panisch mit Blick auf die Welt, die Mitmenschen und die Jugend und die Ausländer sowieso.

Auch wenn er sich alle Mühe gibt, Verständnis zu zeigen – für Anikas rumänischen Vater, für den türkischen Müllmann, für Anikas Mama sowieso, denn ganz vorsichtig erinnert er sich daran, dass er mit Mechthild auch mal ein paar sehr verschämte Begegnungen hatte im Keller.

Natürlich gibt es auch einen ordentlichen Ermittler in diesem Krimi, Kommisar Pfitzer. Ist ja nicht der erste Krimi, den Martin Lenz geschrieben hat, auch wenn es sein erster im Einbuch-Verlag ist. 1933 in Halle geboren, hat er 1957 die DDR verlassen, war als Gymnasiallehrer in Hessen tätig. Seit 1993 ist er pensioniert und schreibt. Unter anderem auch Krimis. Krimis, in denen er seine hessische Wahlheimat zum Schauplatz macht, in denen er aber auch recht lustvoll die Charaktere seiner Ermittler zuspitzt, bis eine kleine Parodie draus wird. In diesem Fall ist der übereifrige und karriereversessene Ermittler im Team mal nicht der geschniegelte Wessi im Osten, sondern ein Thüringer in Hessen. Bei Lenz wird er für seinen Übereifer prompt bestraft.

Denn nicht nur Kuno Kropke hat eigentlich von den Verhältnissen in seiner nächsten Nachbarschaft keine Ahnung. Das hat er immer seiner Christa überlassen. Deren beste Freundin wohnt gleich gegenüber, ist Psychologin und kennt auch all die Kümmernisse der tragischen Helden in dieser Geschichte. Auch die des nun als Mörder verdächtigten Herrn Popescu, dessen Geschäftstätigkeit sich zwar als eine sehr dubiose herausstellt – aber seine Lebensgeschichte hat es in sich, und so scheint der Fall auch in die jüngere finstere Geschichte Rumäniens zu führen, erst recht, als ein zweiter Toter gefunden wird und ein dritter …

Doch während Pfitzer seine Arbeit macht und am Ende einen Mörder erwischt, mit dem sonst keiner gerechnet hat, braucht es bei Kuno ein bisschen mehr Geduld, ihm die ganze Geschichte beizubringen, bis er einigermaßen begriffen hat, was er all die Jahre nicht mitbekommen hat. Selbst Anika weiß mehr von der Welt und von ihrem komischen Onkel Kuno, als Kuno selbst. Es scheint also wirklich kein gutes Altersrezept zu sein, sich über die Welt reineweg aus Zeitungen und Abendnachrichten informieren zu wollen. Da wird man völlig närrisch, versteht aber am Ende gar nichts mehr, selbst wenn es die Journalisten versuchen, lang und breit zu erklären. Da lässt man dann die Tuja-Hecken wachsen, bis keiner mehr ins Haus gucken kann, und zieht den Kopf ein, wenn das Telefon klingelt.

Am Ende tut sich für Kuno doch noch eine völlig neue Welt auf, vor der er sich nun seit Tagen zutiefst gefürchtet hat. Doch an dieser Stelle ist Martin Lenz ein kleiner Spielverderber. Vielleicht ist auch der Kroatzbeerlikör schuld, den Kuno immer dann schnasselt, wenn ihm die Nerven durchgehen. Jedenfalls ist auf Seite 238 finito und Martin Lenz erklärt in kursiv, dass alles nur erfunden ist und keiner sich getroffen fühlen sollte, auch wenn er sich ertappt fühlt. Kann ja passieren in der hessischen Provinz. Oder anderswo. Alte, von Angst gebeutelte Männer mit dem Weltbild einer Maus gibt es überall.

Martin Lenz “Keine Schuld und keine Ahnung, Einbuch Buch- und Literaturverlag, Leipzig 2015, 13,90 Euro

 

Wenn die Urenkelin die Lebensgeschichte ihrer Uroma erzählt: Mama Luise

Ralf Julke
Katja Lenßen: Mama Luise.
Roman steht drauf. Das ist schade. Es ist kein Roman. Es ist mehr. Ein Novum sowieso. Denn so hat bis jetzt noch niemand über das große Thema Flucht und Vertreibung geschrieben. Ein lange Jahrzehnte belastetes oder verschwiegenes Thema. In der DDR zumindest. Bis ungefähr 1976. Da erschien Christa Wolfs Roman "Kindheitsmuster", der mit dem lange geltenden Tabu brach. Da begannen auch im Osten Viele, ihre Erinnerungen an die verlorene Heimat aufzuschreiben.
So muss es auch in der Familie von Katja Lenßen gewesen sein. Ihr Buch ist keine Erfindung, sondern basiert auf den Aufzeichnungen ihres Großvaters und den vielen Erinnerungen, die in ihrer Familie noch lebendig sind. Das ist noch in vielen Familien so. Noch, muss man sagen. Denn all jene, die ab 1944 die einstmals von Deutschen besiedelten Gebiete im Osten verlassen mussten, sind heute hochbetagt. Selbst die damals Jungen.Viele dieser Erinnerungen erschienen in den letzten Jahren - viele im Selbstverlag. Denn natürlich sind die Autoren in der Regel keine stilistischen Meister, gar professionelle Schriftsteller, die auch die Tiefe der Materials bewältigen. Und natürlich stehen Viele vor dem großen Dilemma: Wie überwindet man die hohe Hürde der eigenen Betroffenheit und erzählt eine Lebensgeschichte so, dass sie auch nachfolgende Generationen und völlig fremde Leser berührt und interessiert? Viele dieser Erinnerungsbücher schaffen diese Hürde nicht. Dieses hier schon. Denn das Novum daran ist, dass mit Katja Lenßen die Urenkelin das Leben ihrer Urgroßmutter erzählt - ohne sie je kennen gelernt zu haben. Denn sie wurde ein dreiviertel Jahr vor dem Tod von Uroma Luise geboren. Die Uroma konnte das kleine Baby noch bewundern. Aber tatsächlich konnte die heute 33-jährige Autorin die Geschichte nur erfahren durch die vielen Erinnerungen im Familienkreis und die Aufzeichnungen ihres eigenes Großvaters, der im Buch natürlich als jüngster Sohn von Luise Dargus auftaucht.
Bis auf die Vornamen Luise und Katja, so betont die Autorin, hat sie alle Namen verfremdet, hat auch viel Phantasie hinzugegeben zu der Geschichte, deren Fakten und Daten freilich alle dem realen Leben der Heldin entsprechen, die in Jonikaten in Ostpreußen 1895 geboren wurde und aufwuchs, während des ersten Weltkriegs Kindermädchen in Halle wurde und nach dem Krieg mit ihrem Jugendfreund Arthur eine Familie gründete und in Robkoje (heute Ropkojai) im damaligen Memelland einen Bauernhof aufbaute. Wo dann auch die Kinder Konrad, Oskar und Leni geboren wurden und aufwuchsen in einer recht einfachen Welt voller Arbeit. Heute gehört das winzige Dorf zu Litauen. Und am Ende des Buches wird Katja selbst an der Stelle stehen, an der einst der Hof der Urgroßeltern stand, den diese 1944 in allerletzter Stunde verlassen mussten. Oder durften. Denn die Front war schon sechs Wochen vorher zu hören. Eine Tatsache, die in vielen Flüchtlingsgeschichten wiederkehrt. Es waren ja die deutschen Machthaber selbst, die die Räumung der Gebiete bis zum letzten Augenblick verzögerten, dann aber dafür sorgten, dass die Trecks mit den Millionen Flüchtenden mitten hinein gerieten in die Kämpfe und die Front, die auch das Fluchtgefährt der Familie Dargus überrollt.Als längst der Kampf um Berlin tobt, hängt ein Teil der Familie noch mitten in Polen fest. Zwei Jahre dauert die Geschichte der Trennung, an deren Ende sich die Familie in einem Dorf namens Lüsse bei Belzig wiederfindet. Nicht alles, was den Flüchtenden unterwegs geschah, kann erzählt werden. Gerade Leni scheint da so einiges doch lieber auch vor den Eltern verborgen zu haben. Sie wurde später Ordensschwester in Westberlin.Doch das Ergreifende an dem Buch sind nicht einmal die Geschichten an sich, obwohl einige von ihnen alles haben, was packende Erinnerungen ausmacht. Was schon beim tragischen Tod von Luises Vater beginnt, Katjas Ururgroßvater also. Da und dort erinnern schon die Schilderungen dieser ein Jahrhundert zurückliegenden Ereignisse an die Erzählungen eines der größten Erzähler aus dieser Landschaft: Johannes Bobrowski, dessen Erzählungen bis heute wirken wie Berichte aus einer völlig fremden Welt. Einer Welt, die mit dem zweiten Weltkrieg und der Flucht der Millionen völlig verschwunden ist. Aber in vielen Familien sind diese Erinnerungen wach geblieben. Und Katja Lenßen schildert sehr einfühlsam, warum das so ist und wie lange es dauert, bis dieses Gefühl eines großen Verlustes verblasst, aufgelöst wird im Leben nachwachsender Generationen. Und dennoch als Unruhe bleibt, die selbst noch die Enkel umtreibt.

Man hat es doch glatt verpasst ...

Natürlich hat das auch mit den Erzählungen der Älteren zu tun, die ihr Leben und ihre verlorene Heimat wachhalten. Auch wenn sie ihren neuen Platz gefunden haben in einer Welt, die aus Sicht der Robkojer natürlich der Westen ist. Auch wenn es dann Städte wie Belzig, Leipzig, Potsdam sind, später Magdeburg, wo Oskar landet. Und auch in diesem neuen Land, das sich dann DDR nannte, endeten die dramatischen Ereignisse im Leben der Familie nicht. Hatte sich Luises Familie schon im Robkojen versucht, von jeder Politik fernzuhalten, so scheint auch alles, was in der DDR passiert, ohne diesen mittlerweile nervenden politischen Anstrich erzählbar zu sein. Man bekommt so eine Ahnung, dass künftig auch über diese 40 Jahre Teilung anders erzählt werden wird, als es derzeit meist noch passiert, wo kaum ein Erzähltext ohne das banale Klippklapp von Mitgelaufen oder Dagegen auskommt. Das wird schon in wenigen Jahren den größten Teil der Wiedervereinigungsliteratur völlig ungenießbar machen. Lesbar ist das Meiste schon jetzt nicht, weil das Wichtigste fehlt.Und das demonstriert Katja Lenßen geradezu mit Freude: die unbändige Lust am Leben, am Lebendigsein. Ein wenig geprägt vom katholischen Glauben der Urgroßeltern, wobei nicht immer klar ist, ob sie hier Familienerinnerungen aufgreift oder ihre Phantasie spielen lässt, mit viel Einfühlungsvermögen in die Haut ihrer Urgroßmutter schlüpft und der Erzählung ein großes Urvertrauen in die Güte Gottes zugrunde legt. Auch als eine wichtige Erklärung dafür, dass Luise all das, was ihr und ihrer Familie widerfuhr, so standhaft durchgehalten hat. Denn was auf den Flüchtlingstrecks 1944 und 1945 geschah, hatte mit Idylle und Menschenliebe ja nichts mehr zu tun. Die Flüchtenden aus dem fernen Ostpreußen und alle anderen, die sich auf ihrem Weg dazugesellten, erlebten ja nicht nur den Krieg, als er über sie hinwegrollte, sie erlebten auch eine entfesselte Gesellschaft, in der sich der jahrelang aufgestaute Hass austobte, die gesellschaftliche Verwilderung und die doppelte Vertreibung - denn während sich noch die Flüchtlingstrecks aus den eben noch deutsch besiedelten Gebieten gen Westen wälzten, wurden diese Gebiete schon von den aus Ostpolen vertriebenen Polen besiedelt.

So erzählt Katja Lenßen zwar stellvertretend für ihre Urgroßmutter deren Geschichte, erschafft aber wohl auch mit viel Liebe zu ihrer Heldin eine dichte, atmosphärische Lebensgeschichte, die auch nicht 1947 endet, als die kleine Familie wieder beisammen ist, sondern weiterläuft bis 1982, bis zum Tod Luises. Man erfährt, wie die Heldin und ihre kleine Familie, nachdem sie alles verloren haben, mit ostpreußischer Beharrlichkeit ihr neues Leben anpacken und sich eine neue Existenz aufbauen, aus dem Vorgefundenen das Beste machen und natürlich auch zutiefst erschüttert sind, wenn das Tragische wieder eingreift in ihr Leben.

Das sind die eigentlichen Romane, die Bestand haben werden, gerade dann, wenn ihre Hauptfiguren so lebendig werden wie Luise in Katja Lenßen geglücktem Versuch, die irgendwie immer offen gebliebene Familiengeschichte nun einmal wie eine große, herzliche Parabel auf das Leben zu erzählen. Ihre eigene Geschichte - die Begegnung als Baby mit der Urgroßmutter im Krankenbett - gehört dazu. Und am Ende weiß sie dann auch, warum die Geschichte immer noch rumorte im Familienkreis. Jetzt wird sie auf andere Weise weitergegeben - als Buch, eines der wichtigsten und emotionalsten im Programm des Einbuch-Verlages.

 

 

Mal ein echter Leipziger Bildungsroman: Eichenlaub oder die ermutigende Rolle des Rhinozeros

Ralf Julke
Philipp Weigelt: Eichenlaub.
Das Eichenlaub kommt später mal kurz vor, als Max in einer seiner vielen Krisen vorm Spiegel steht und nicht so recht weiß, ob er sich nun eigentlich einen Siegerkranz oder doch eher nur einen Kranz verwelkter Blätter verdient hat. Und ob es je etwas anderes geben wird. Er ist Student, studiert irgendwas mit Wirtschaftsmathematik, hängt Wochenende für Wochenende mit seinen Freunden ab. Und hat das Gefühl, in einem großen Brei von Sinnlosigkeit zu ersaufen.

 

Das soll vorkommen. Das Leben ist nicht einfach. Herauszufinden, was man mit seinem Leben einmal anfangen möchte, auch nicht. Und noch schwerer wird es, wenn es den Kommilitonen und Freunden genauso geht. Dann werden die wochenendlichen Einheizer und Absacker endgültig zum Ritual, die Wochen werden zu einer Schleife, in der Montag mit Trübsal beginnt und sich die Tage bis zum nächsten Vollsuff nur so dahinschleppen. Einziger Fixpunkt ist irgendwie noch die Vorlesung bei Professor X, der seinen Zuhörern augenscheinlich viel zu schwere Fragen stellt. Warum denn den Kopf zerbrechen, wenn man eh keinen Bock hat auf das alles?Wer noch in dem Glauben lebt, Studenten seien zielgerichtet strebende kleine Denkmaschinen, der wird hier eines Besseren belehrt. Zumindest im Leben von Max Mustermann ist es so. In hellen Momenten bekommt er schon noch mit, dass da irgendetwas schief läuft - er weiß nur nicht so recht, was. Und das Auftauchen eines blonden Mädchens in der morgendlichen Straßenbahn (ja, ja, die blonden Mädchen) ist zwar so eine Art Lichtblick, so ein hübscher Charlie-Brown-Aufhänger, an dem sich etwas Herzberauschendes entspinnen könnte. Aber Max Mustermann hat nicht nur einen benebelten Kopf, eigentlich ist er auch noch geradezu krankhaft schüchtern. Mit seinen Kumpels Mehmet, Tim und Tom kann er das mit verbaler Kraftmeierei noch schön überspielen, da wird die Nacht in der Disko auch dann noch erzählenswert, wenn man schon vor Mitternacht hackedicht war und die Mädchen nur noch angelallt hat. Aber wie kommt man dazu, diesen kleinen blonden Lichtblick da in der Straßenbahn kennenzulernen?
Aber ist das eigentlich die Geschichte? - Wer nicht allzu viel Alkohol verträgt, der sollte beim Lesen vielleicht doch ab und zu einen Spaziergang einlegen. Denn so einfach kommt dieser Max Mustermann aus seinen Schleifen nicht heraus. Mancher wird diese Schleifen wiedererkennen. Sie lauern in jungen Jahren ziemlich oft, gerade dann, wenn man eigentlich innerlich gegen alles rebelliert, was die Älteren machen, wenn einem die Welt und die ganzen gesellschaftlichen Regeln so ziemlich egal sind. Da will man feiern, einen drauf machen und eigentlich auch gar nicht wissen, was der Prof. da vorn erzählt. Wäre da nicht die nächste Klausur, bei der sich entscheidet, wer im nächsten Semester wieder antreten darf und wer es vergeigt hat.Was die Sache nicht leichter macht, denn mit so viel Frust im Kopf wird die Hürde noch höher und die innere Abwehr, sich für eine Klausur auch noch zu schinden, besonders groß. Hat diese den ganzen Alltag erfassende Lethargie auch was mit der Schüchternheit zu tun, die Max so hilflos macht gegenüber der geheimnisvollen Blonden, die sich gar nicht als so geheimnisvoll entpuppt, als er sie tatsächlich kennenlernt? Oder ist es nicht eher Juliette, die die Dinge in Bewegung setzt?Das ist so recht nicht klar, denn Philipp Weigelt ist konsequent in seiner Erzählung, schildert die Welt komplett aus der Perspektive seines eher getriebenen als selbstbewegten Max Mustermann, dem die Dinge eher passieren, als dass er sie beim Schopf packt. Und damit scheint er im Hörsaal von Professor X nicht der einzige zu sein. Nur dass er noch einer der Wenigen zu sein scheint, die mitbekommen, dass auch der sonst so überlegen und abgebrüht wirkende Prof. so langsam austickt und irgendwann den müde lauschenden Dasitzern mitteilt, dass er die Nase voll hat. Von ihnen. Dass er einfach keine Lust mehr hat, seine Vorlesungen zu halten vor Menschen, denen völlig egal ist, was er erzählt und was er will. Irgendwie ein Enthusiast, wie er wohl selten geworden ist im bologna-normierten Studienbetrieb.Den Hilferuf vernimmt Max wohl. Aber das reicht nicht, ihn aus seinem Tran zu holen. Die Probe-Klausur versaut er so gründlich, dass das persönliche Gespräch mit dem Prof. fast zwingend ist. Nur erlebt er hier einen Professor, der regelrecht laut wird, so enttäuscht ist er. Auch von Max.Und wer da noch dachte, dass eigentlich die Liebesgeschichte mit Juliette die tragende Story ist, der lernt hier mal was anderes kennen: einen Burschen, der eigentlich das Zeug hat, die Dinge in die Hand zu nehmen. Einladungen, den eigenen Kopf zum Denken zu benutzen, zu widersprechen und selbstständig Lösungen zu finden, hat es genug gegeben in den vielen fast vertranten Vorlesungen. Sie kamen nur nicht so recht durch. Immerhin sind ja Max und seine Freunde Jungs von heute, aufgewachsen im deutschen Freizeitpark, mit RTL, Facebook, Party und Alkohol. Wer will sich da denn bilden, wenn bloßes Auswendiglernen reicht? Was überhaupt ist Bildung? Was meint dieser Prof., der auch durch seine Liebe zu Goethe auffällt wie ein Mammut im Streichelzoo?

Das Ergebnis ist - Goethe lässt grüßen - ein alkoholgetränkter, manchmal zermürbender, am Ende aber erstaunlich an Tempo gewinnender Bildungsroman, in dem Max (Juliette sei dank) ein Stück weit seine Schüchternheit überwindet, sich am Schopf aus dem Tran zieht und seinem Prof. zeigt, dass an ihm auf jeden Fall kein kluges Kerlchen verloren gegangen ist.

Unterschwellig ist das Ganze natürlich auch eine emotionale Auseinandersetzung mit den billigen Idealen und Suchtpotenzialen unserer Zeit. Und der Kluft, die sich auftut zwischen dem billigen (und entmutigenden) Schematismus der Bologna-Studienreform und der Frage, die der Prof. Max geradezu ins Gesicht schreit: Was ist eigentlich Bildung?

Immerhin schreit er den Richtigen an, der auch mit Restalkohol im Blut noch ahnt, dass das keine rhetorische Frage ist, sondern dieser wunderliche Kauz wirklich noch seine Schüler erreichen will und mehr von ihnen will, als auswendig gepaukte Sätze.

Wenn es so einen Professor an Leipzigs heiliger Alma Mater tatsächlich noch gibt, dann wurde ihm hier ein schönes Denkmal gesetzt, ein Dankeschön-Denkmal aus den Drangsalen der jugendlichen Ratlosigkeit. Dafür steht dann tatsächlich nicht das güldene Eichenlaub, sondern der Dickhäuter, den Prof. X in seine letzte Vorlesung einführt in der Hoffnung, dass die stumm Dasitzenden vielleicht doch noch was begreifen: das Rhinozeros.

 

 

 

Wotans Schatten: Ein Roman aus den kreuzgefährlichen Randbereichen der modernen Verschwörungsmythen

Ralf Julke
Jo Hilmsen: Wotans Schatten.
Ein bisschen lassen in Jo Hilmsens zweitem Buch die us-amerikanischen Autoren Robert Anton Wilson und Robert Shea grüßen, deren Trilogie "Illuminatus!" noch heute immer wieder aufgelegt wird. Und das 40 Jahre nach ihrem Erscheinen, obwohl es ein wildes, anarchistisches, esoterisches Spiel ist mit den gängigen Verschwörungstheorien des 20. Jahrhunderts. Und die sind auch im 21. Jahrhundert nicht tot, sondern feiern grimmige Wiederkehr.

 

Und zwar nicht nur in seltsam weltfremden Montagsspaziergängen auf Dresdner Pflaster oder in einer neuen Partei, die ihre Angst vor Veränderungen als Alternative verkauft. Es ist, als drehe sich die Zeit im Kreis. Und je weniger Ordnung in der Welt scheint - oder in dem, was die vom Hype besessenen Medien draus machen - umso mehr neigen einige Menschen dazu, ihr Heil in alten Mythen und Verschwörungstheorien zu suchen. Vor allem in solchen, die eigentlich mausetot sind und an Irrationalität nicht zu übertreffen.Doch mit Irrationalität - man sieht es ja - lässt sich herrlich Politik machen. Vor allem am rechten und ganzen rechten Rand der Gesellschaft, wo das Wissen über die Welt durch Arroganz und Ignoranz ersetzt wird. Damit rechnen einige der zumeist ganz naiven Helden in diesem Roman von Jo Hilmsen nicht wirklich. Am ehesten noch der Berliner Journalist Daniel Winterstein, der einen recht dubiosen Freiherrn namens Graf von Wiltberg in seinem noblen Guthshaus in der brandenburgischen Pampa interviewt, weil er den Verdacht hat, dass der weißhaarige Herr nicht nur den Verschwörungstheorien um Neuschwabenland anhängt, sondern auch ein paar Fäden zieht in der Neonazi-Szene in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern.Nur: Wie kommt man dem Burschen bei, wenn der augenscheinlich (Geld macht Vieles möglich) gute Beziehungen in den Staatsapparat hat?
Eigentlich hat er kaum eine Chance, dem Burschen beizukommen, würden sich da nicht ein paar Dinge ereignen, die nicht nur Winterstein nach und nach einen tiefen und erschreckenden Blick in die Welt des Herrn Wiltberg ermöglichen. Ein seltsames Video fällt dem Altwarenhändler Karl Munkelt in die Hände, ein Aussteiger scheint aus dem Innersten des Zirkels zu berichten, in dem Wiltberg einem Wotan-Kult huldigt, der - wie so Manches aus der dunklen rechten Ecke - zusammengeschustert ist aus alten Germanenmythen, indischen Legenden und den dunklen Überlieferungen der Thule-Gesellschaft. Doch so ganz unbemerkt kam Munkelt nicht zu seinem Fund, so dass er ziemlich bald Besuch von breitschultrigen Schlägertypen bekommt.Und auch der Pfleger Benjamin Krause ahnt nicht, mit wem er es zu tun bekommt, als er nach einem Einbruch in seine Wohnung den Tipp eines sehr hanfverliebten Freundes annimmt, sich einfach mal als Kurier zu verdingen für einen geheimnisvollen Auftraggeber: Einfach mal eine Sendung nach Holland fahren, ohne zu wissen, was drin ist. Was soll's? Er ahnt nicht, dass ihn der Trip letztlich in die mongolische Steppe führen wird, wo er - blind von einem Brandereignis - den Herren Urban und Blumentritt hinterher trottet - und einem gut erzogenen Kamel. Soll ja keiner verloren gehen in seiner Geschichte, da passt Jo Hilmsen schon auf.Urban und Blumentritt, die sich ja auch im Titel so schön beschimpfen, sind zwei liebenswerte Bewohner des Heimes, in dem Benjamin am liebsten sofort kündigen würde. Am Ende retten die beiden etwas abgedrehten Herren Benjamin das Leben. Auch wenn im Prolog alles ganz, ganz finster aussieht.Und so ganz ohne rettende Engel geht es auch in dieser Geschichte nicht. Denn ein bisschen träumen darf man ja, dachte sich Jo Hilmsen, der in Altenburg geboren wurde, in Brandenburg und Berlin lebte, die Arbeit in Behinderteneinrichtungen kennt und seit 2005 in Leipzig lebt. Da kennt er auch die Berichte über die auf Sparflamme gekochte sächsische Polizei. Ein bisschen steht auch sein Kriminalkommissar Mewes für die polizeiliche Sparpolitik. Eigentlich ist er ja im Drogendezernat tätig, kennt deswegen Benjamins Kumpel Bernd bestens. Aber wie der Zufall es will, wird ihm auch noch alles andere übergeholfen, was am Ende mit diesem Fall zu tun hat, so dass der emsige Kommissar schon längst in Aktion ist, als Benjamin noch glaubt, einen tollen neuen Job gefunden zu haben, und Karl Munkelt, Daniel Winterstein und dessen Kollegin Nina auf eigene Faust recherchieren, obwohl sie schon wissen, mit was für gefährlichen Leuten sie es zu tun haben.Im Roman darf man das. Da darf man von so einer effizient arbeitenden Polizei träumen. In der Realität würde Kommissar Mewes wohl schon an der brandenburgisch-sächsischen Landesgrenze scheitern. Denn schnell muss es auch noch gehen. Denn der Dilettantismus seiner Helden wird natürlich bestraft. Das Böse kennt kein Pardon. Im Grunde ist Wiltberg einer dieser smarten und trotzdem völlig durchgeknallten Bösewichte, wie sie in guten Verschwörungsromanen immer die Fäden ziehen, auf den ersten Blick echte noble Gutsherren von altem Schlag, in denen alle Welt nur die Wohltäter sieht. Hinter einer reichen Fassade kann man alles verstecken. Wer sieht es schon, wenn er es nicht sehen will?
Titel können so irreführend sein ...

So weltfremd ist die Fiktion ja nicht. Manche Gegenden im nördlichen Bandenburg und in Vorpommern können ein Lied davon singen von diesen seltsamen Neusiedlern vom rechten Schlag, die sich in ihren Gemeinden als Wohltäter gerieren und da und dort auch gut bewachte Ferienlager gründen, in denen mal wieder andere Erziehungsmethoden gelten. Im Grunde gibt es genug Stoff in diesem Buch, der erschrecken ließe, wenn nicht gerade die letzten Jahre gezeigt hätten, wie leicht Menschen sich von den krausesten Behauptungen und Mythen lenken lassen und dann auch noch glauben, sie hätten eine neue Wahrheit gefunden, würden jetzt endlich sagen dürfen, was irgendwer verboten hat zu sagen.

Das Buch passt also erstaunlich sauber in die Zeit, auch wenn Hilmsen - wie Shea und Wilson - seine Freude daran hat, die wilden Verschwörungsphantasien aufzudröseln, etwas ernsthafter als die beiden Amerikaner. Denn ganz so lustig wirkt der Mythos von einer am Pol versteckten Herrenrasse ja nicht aus der neueren, deutschen Perspektive. Da wabert wieder was. Oder immer noch. Und es verbrüdert sich eifrig mit den nationalistischen Schlagedraufs aus der Nachbarschaft, die für ihre Länder genauso obskure nationalistische Legenden träumen.
Im zweiten Buch von Jo Hilmsen entwickelt sich diese Melange zu einer zuweilen sehr dramatischen wilden Jagd, bei der nicht wirklich klar ist, ob der Autor seine Helden am Ende der Geschichte alle wieder unversehrt einsammeln kann. Da und dort greift er zur liebevollen satirischen Überspitzung, denn ein wenig ist das Buch ja auch sein Beitrag zu all den heute so beliebten Veschwörungs-Romanen - man denke nur an den wilden Hype um den "Da-Vinci-Code". Es gibt augenscheinlich viele Menschen, die sich für solche Mysterien-Spiele begeistern. Und nicht alle nehmen sie als das, was sie eigentlich sind: gut gemachte Gedankenspiele mit einem gewaltigen Schuss Phantasie. Die Grenzen sind fließend. Und etliches, was Hilmsen seine Neuschwabenländler träumen lässt, stammt eigentlich aus alten Fantasy-Schwarten - wie hier aus Edgar Bulwer Lyttons "The Coming Race". Aber wie man weiß, konnten und wollten das auch schon im 19. Jahrhundert einige Leute nicht auseinander halten. Und im 20. und 21. ist das nicht anders. Im Gegenteil: Die Sehnsucht vieler Menschen nach einem gewaltigen Schuss Mystik und Esoterik in ihrem Leben scheint riesengroß. Und die Verführbarkeit, die Welt als mystische Veschwörungskulisse zu betrachten, auch.

In gewisser Weise versucht Jo Hilmsen ja diese neuen, alten Geister in seiner temporeich erzählten Geschichte zu jagen und zu bannen. Wohl wissend, dass es in der Realität mehr braucht als einen kauzigen Kommissar Mewes und zwei, drei tapfere Zivilisten, die den Kopf nicht einziehen, wenn sie merken, dass ein Typ wie Wiltberg sein Unwesen treibt.

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Ein SF-Roman mit Liebe, Action und grimmiger Hoffnung: Jennifer Lehrs "Stranger 2905"

Ralf Julke
Jennifer Lehr: Stranger 2095.
Es gab mal eine Zeit, da wäre so ein Buch als griffiges Taschenbuch in der SF-Reihe des Heyne-Verlages erschienen. Das war noch zu Zeiten, als Science Fiction nicht reineweg als kosmisches Ballerspiel und Heldenepos begriffen wurde. Als auch noch in Dystopien gekleidete kluge Gesellschaftskritiken hier ihren Platz fanden. Dies hier ist eine. Mitten aus einer Zeit, in der Dystopien die täglichen Abendnachrichten füllen.

 

Denn zumindest all jene, die noch nicht völlig weggerauscht sind im Irrsinn der Fernsehformate haben ja längst das Gefühl, dass einiges gewaltig schief läuft auf Erden. Dass wieder aufgerüstet wird für Kriege, deren Sinn niemand mehr versteht. Dass machtbesessene Männer in Ost wie West beginnen, sich ihre Staaten zurechtzumodeln wie die durchgeknallten Fürsten in Macchiavellis "Il Principe". Als stünde alles, was sich die Demokratien in West und Ost mühsam aufgebaut haben an zukunftsfähigen Strukturen, wieder zur Disposition, wenn nur ein durchgedrehter Präsident meint, er müsse wieder Heilige Kriege führen und das Böse ausmerzen.Irgendwie so muss es auch gewesen sein, bevor sich die Welt, wie sie Jennifer Lehr schildert, so entwickelte. Irgendwo in einem amerikanischen Labor wurde ein Virus entwickelt, der Soldaten in fast unbesiegbare Kampfmaschinen verwandelt. Und wie das so ist, wenn ein Waffensystem neue Schwellen überschreitet - ein Fehler genügt, und die ganze Sache gerät außer Kontrolle. Die so verwandelten Soldaten - die Stranger - geraten außer Kontrolle und beginnen die Erde zu tyrannisieren.Ein fast vertrautes Szenario.
Ebenso vertraut die Verwandlungen der noch freien Welt in eine Art Präsidialdiktatur. Wer nicht zu den noch Gutverdienenden gehört, der verdingt sich in der SDU, einer Art paramilitärischer Polizei, die nicht nur gegen die Stranger eingesetzt wird, sondern auch zu Sonderaktionen im Inneren. Die Grenzen werden ja fließend, wenn an die Stelle parlamentarischer Kontrolle die selbstherrlichen Präsidenten treten.Elizabeth Bontoja ist eine solche Kämpferin des SDU, so ein bisschen Lara Croft, aber nicht ganz so perfekt. Nun abgeordert, einen besonderen Stranger quer durch Eurasien zu begleiten, damit er im fernen Hongkong in einem Labor untersucht werden kann. Und wie das so ist mit einem einfachen Päckchen-Auftrag: Die Sache geht schief. Denn wenn eine Gesellschaft erst einmal kaputt ist, ist niemand mehr sicher vor Verrat. Die eigenen Leute können zum Feind werden, weil hinter den Kulissen ein Mächtiger die Strippen zieht.
Die Sache entpuppt sich also recht schnell zu einem Highway to Hell, als Gejagte landen die zwei mitten im Urwald und später in den Straßen Delhis. Natürlich überleben sie. Immerhin sind sie beide für solche Höllentrips ausgebildet. Und wie das so ist - natürlich kommen sich beide nah und zwischen SDU-Agentin und Stranger, der Schönen und dem Biest, entwickelt sich, was sich entwickeln muss.Aber: Jennifer Lehr erzählt es, wie es in so einem auf Tempo geeichten Roman erzählt werden muss: flott, unemotional, ohne Luft ranzulassen. Etwas, was man in heutigen 600-Seiten-Schwarten nur zu sehr vermisst, deren Autoren irgendwie alle bei Tolkien abgekupfert zu haben scheinen und sich seitenlang in Landschafts-, Dynastien- und Seelenbeschreibungen verlieren. Das Zeug scheint irgendwelche Leser zu faszinieren. Uns nicht. Geben wir zu. Denn wenn schon so erzählt wird, dann mindestens mit der Dynamik eines Robert A. Heinlein, der so am Rande vielleicht ein bisschen Vorbild war für diesen Stranger-Roman und die militärischen Protagonisten.Nur dass bei Heinlein in der Regel die Trauer fehlt über kaputte Gesellschaften und irre gewordene Präsidenten. Bei Jennifer Lehr schwingt das noch mit. Vielleicht auch, weil man dabei die Gegenwart des Jahres 2014 mitliest, diese rotzfreche Arroganz von Staatsministern, Geheimdienstchefs und abgehalfterten Ex-oder-Noch-Präsidenten, die nicht einmal einsehen, wie sehr sie die so mühsam erkämpften Demokratien schon zerstört haben. So sehr, dass man den Weg, den Jennifer Lehrs Eurasien gegangen ist, nicht einmal mehr als wirklich fremde Dystopie empfindet, sondern wie etwas, was schon morgen einfach kommen kann, weil 200 gekaufte Abgeordnete wieder brav ihre Hand heben. Man steht ja auf der richtigen Seite und hat Werte zu verteidigen. Auch wenn man die Werte längst wohlfeil verramscht hat.

Das Ergebnis ist dann möglicherweise so eine Welt, wie sie Jennifer Lehr als Hintergrund gewählt hat für ihre Flucht-Geschichte quer über den Kontinent, aufgeladen mit Spannung, denn wenn die Bösewichter auch noch den Zugriff auf die eigenen Sicherheitssysteme haben, wird jeder Schritt verräterisch, gibt es auch für Elizabeth und ihre Mission keinen Schutz mehr. Es ist ein bisschen wie bei James Bond (und da und dort zitiert Jennifer Lehr auch gern die zu Filmruhm gelangten Helden des Genres): Die Gegenseite hat immer einen Vorsprung und kann über Mannschaften und Material verfügen, das den Helden der Geschichte nicht zur Verfügung steht. Ohne ein paar Superman-Eigenschaften geht es nicht. Es ist ein Rennen gegen die Zeit (aus vielerlei, nicht unbedingt leckeren Gründen) und es gibt immer wieder die bekannten filmreifen Showdowns, die die Mission öfter an den Rand des Scheiterns bringen.

Mittendrin dann nicht nur eine, sondern zwei gefährliche Liebschaften, ein paar Blenden in diverse Ich-Perspektiven, die dann auch zeigen, dass es der Autorin nicht nur um Action geht, sondern um so alte wie ewig neue Themen wie Freundschaft, Vertrauen und diese ganzen Emotionen. Mit denen geben sich heute einige Zeitgenossen in all ihrer Abgebrühtheit nicht mehr ab, Jennifers kleine Mannschaft, die sich unterwegs noch ein bisschen vergrößert und ein bisschen ehrlicher ist als zuvor, aber schon. Der Held wird zum Menschen. Es ist die alte Geschichte. Aber sie macht einen Großteil der lesbaren Science Fiction aus. Oder um mal Jennifer Lehr selbst zu zitieren: "Die Hoffnung stirbt zuletzt."Auch deshalb könnte es sein, dass die gesellschaftskritische Science Fiction wieder im Kommen ist. Erst einmal in den kleinen, engagierten Verlagen, die sich noch trauen, nicht nur den Mainstream zu füttern.
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Seelenbruder: Ein hoch-emotionales Novellen-Debüt

Ralf Julke
Titel

Grit Kurth: Seelenbruder.
Ein wenig ist das, was Patrick Zschocher mit seinem Einbuch-Verlag macht, richtige Graswurzelarbeit - manchmal auch ein bisschen Glücksspiel. Erkennt man die Talente, wenn sie ihr Manuskript abgeben? Erkennt man das Besondere? Mit zwei Autorinnen hat er in letzter Zeit einen guten Griff getan: mit Hanna Montag und ihrem Roman "Ein Himmel voller Haie" und jetzt mit dem Buch "Seelenbruder" von Grit Kurth.
Bislang ist die 1969 geborene Grit Kurth vor allem mit Gedichten an die Öffentlichkeit getreten. Von Beruf ist sie Lehrerin, hat sich vom sächsischen Bildungswesen auch noch nicht entmutigen lassen. Geschrieben hat sie schon seit einer Weile. Nicht einfach nur so nebenbei. Das geht schief. Sondern aus Liebe zum Schreiben. Das ist eine Voraussetzung, die viel zu wenige Debütanten mitbringen. Ohne Liebe funktionieren Geschichten nicht. Das merkt jeder, der nach Metern von bestellter Fließbandware wieder einmal glücklich auf ein richtiges Stück Literatur stößt. Die es noch gibt. Man muss sie suchen mit der Lupe. Und in der Regel taucht sie auch in Bestsellerlisten nicht auf.
Manchmal landet sie in Zwischenwelten. "Seelenbruder" ist tatsächlich kein Roman, auch wenn's auf dem Cover so steht. Glücklicherweise nicht. Stoff und Geschichte sind genau das, was man klassischerweise eine Novelle nennt, im Grunde genauso klassisch eingefangen mit einem klar begrenzten Ort und einer streng limitierten Zeit. Denn Kurths Heldin Lina Förster liegt nach ihrem zweiten missglückten Selbstmordversuch in der Silvesternacht im Krankenhaus. Erst wenig später wird sie in ihrem Krankenzimmer auch eine Mitbewohnerin bekommen, keineswegs überraschend eine Lehrerin. Da ist sie schon ein Stück Weg gegangen - in ihre eigene Geschichte hinein, ihre Todessehnsucht und die Gründe dafür.

Was Lina von Anfang an nicht gelingt. Da sind nicht nur Landkinder giftig, wenn Mitschüler die Cliquen-Norm nicht erfüllen. Oder sich gar in einer Weise entwickeln, die der Dorfklatsch nicht einzuordnen weiß. Wie es Basti geht, dem das Lernen leicht fällt, und der dann doch sein Medizinstudium schmeißt, weil er seine Gefühle im Seziersaal nicht in den Griff bekommt. Dass er zurückkommt ins Dorf und lieber in der Autowerkstatt aushilft, versteht keiner. Am Ende finden sich die beiden Außenseiter, kommen aber dennoch irgendwie nicht zusammen. Und dann wirft auch noch ein Motorradunfall beide aus der Bahn, die Beziehung bekommt einen Knacks.

Stück für Stück arbeitet sich Lina in ihre Erinnerungen hinein. Stück für Stück wird die Geschichte aber auch eine Suche nach der Antwort auf die Frage: Wozu leben? Welchen Sinn hat es? Eine Frage, die auch Linas Bettnachbarin beschäftigt. Was passiert, wenn eine negative Diagnose auf einmal ein gut sortiertes Leben aus den Gleisen laufen lässt?Dass Linas Leben als Journalistin bei einer "Abendzeitung" so gut sortiert gar nicht war, erfährt man natürlich auch noch. Die moderne Arbeitswelt, die den übelsten Typen alle Freiheiten gibt, ihre Angestellten zu schikanieren, zu mobben und zu erniedrigen, hat auch längst in den Medien Einzug gehalten. Eine Gesellschaft, die derart rigoros die permanente Leistungs- und Einsatzbereitschaft abfordert, lässt kaum noch Raum für solche Dinge, die man mal Solidarität oder Kollegialität genannt hat. Schöne neue Arbeitswelt.Und wenn dann auch noch dieser Typus Eltern dazu kommt, den Lina mitbekommen hat, dann wird ein Leben ziemlich schnell zur Sackgasse. Wem vertraut man noch, wenn es für Schwäche nur Verachtung oder bestenfalls bittere Vorwürfe gibt?Da hat zwar die Psychotherapeutin keine guten Karten. Aber die kurzen, illusionslosen Gespräche Linas mit ihrer Bettnachbarin helfen augenscheinlich beiden, die so lange antrainierten Bremsen zu lösen. Etwas gerät in Bewegung. Und auch da bedient Grit Kurth recht geschickt die Technik der Novelle - sie erzählt nicht alles, fügt nur noch die letzten notwendigen Bruchstücke ein, damit verständlich wird, wie sehr ihre Heldin auch vermieden hat zu trauern und Abschied zu nehmen. Denn wie macht man das, wenn man niemandem mehr vertrauen kann? Wohin mit den Gefühlen, wenn man sie nicht zulassen darf, weil sie nur Hohn und Spott auslösen? Wohin mit den eigenen Ängsten?
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Und Grit Kurth erzählt auch nicht alles zu Ende. Das Wichtigste ist erzählt. Alles ist offen.

Der Geschichte ist dann noch ein Berg Gedichte angehängt. Aber die muss man nicht unbedingt lesen, auch wenn sie die Lebensgeschichte der Heldin ein bisschen ergänzen sollen. Wirklich gebraucht werden sie nicht. Und der Vergleich fällt auch eindeutig aus: In Prosa vermag Grit Kurth ihre Emotionen wesentlich konkreter und sinnfälliger zu gestalten als im Vers. Manchmal muss man sich einfach entscheiden für eins. In diesem Fall dürfte es für die Novelle sein.

 

 

 

 

Deutschlandsonate: Paul Hofmans versucht's mal mit einer Pulp-Fiction-Geschichte

Redaktion LIZ
Im modernen Buchmarkt ist (fast) alles möglich. Ein Online-Gigant kann Verlagen die Bedingungen diktieren, Autoren können alles im Selbstverlag herausgeben, Bücher können ganz und gar digital erscheinen. Und Autoren müssen nicht einmal von großen Auflagen träumen, wenn sie ihr Feierabendwerk gedruckt sehen wollen. Da Ergebnis ist dann manchmal sogar ein forsches Spiel mit Stereotypen oder gar gleich einem wilden Genre wie der Pulp Fiction.

 

Bestimmt hat Paul Hofmans vorher im Wörterbuch nachgeschaut, was das wirklich heißt. Aber es sieht ganz so aus, dass er es weiß. Paul Hofmans ist Niederländer, lebt in Rotterdam, schreibt er in seinem kleinen Vorwort, und er betont, das er Deutschland liebt, die klassische Musik und Science Fiction. Geht eigentlich nicht zusammen. Aber wer bei Science Fiction das Science weglässt und durch Pulp ersetzt, muss sich um Regeln oder Geschmäcker keine Sorgen mehr machen. Das Genre lebt vom wilden Draufloserzählen, von den unzumutbarsten Plots und unlogischen Sprüngen. Hauptsache, es gibt Action, es gibt schreckliche böse Aliens, fesche Mädchen, wackere Helden und am Ende eine Lösung wie aus den Comics der Superman-Ära. Es muss knallen, scheppern, ächzen. Im Grunde müssen solche Geschichten so geschrieben sein, dass man sie mit dicken bunten Sprechblasen, Explosionswolken, zischenden Raketen und Worten wie Ploff, Boing, Peng illustrieren könnte. So gesehen, ist das Cover recht brav. Die Heldin - eine Musiklehrerin aus Frankfurt - ist es auch. Wäre sie nicht an einem dieser schrecklichen Unwettertage, an denen es gießt und blitzt, unbedingt zur Schule geradelt, wäre sie auch nicht vom Blitz getroffen worden. Oder von einer Rakete von etwas überforderten Aliens, die eigentlich nur ein bisschen mit einem Zeittorpedo experimentieren und dabei vielleicht auch die Erde wegputzen, aber irgendwie kam der Blitz dazwischen. Und nun klemmt Jennifer irgendwie zwischen den Zeiten, hüpft zwischen drei Realitäten hin und her. In einer davon haben die Belgier ganz Europa erobert. Aber in jeder hat die junge Dame Schwierigkeiten, ihr plötzliches Auftauchen zu erklären.Was dann erstaunlich schnell diverse Polizisten und Armeeeinheiten auf den Plan ruft. In der Pulp Fiction gehört das zum Inventar - es wird geballert, bis alles platt ist. Da kannten auch die Autoren dieses Genres kein Pardon, als ihre Schnell-Schreib-Romane noch auf schlechtem Papier in die Welt geschleudert wurden.Aber im Jahr 2014 fängt man natürlich an, nachzudenken, denn da erlebt man ja in politischer Inszenierung quasi live mit, wie schnell schwer bewaffnete Polizeieinheiten und Armeeverbände heute wieder auf den Straßen sind, wenn durchgeknallte Präsidenten und Ministerpräsidenten der Meinung sind, sie müssten es den Leuten da unten beweisen. Oder der Welt. Oder dem Weltall.Tatsächlich waren ja all die grünen, blauen, gehörnten, behaarten oder schleimigen Alien-Monster nie etwas anderes als Verkörperungen der menschlichen Erfahrung, dass die Gefahr längst unter uns ist und sich machtgeile Männer durchaus vor laufender Kamera in menschenverschlingende Monster verwandeln könnten. Gerade dann, wenn ihre Sprüche am Mikrophon ganz nüchtern und pragmatisch klingen. Das hat ja weiland Douglas Adams sehr schön durchexerziert: Da stört ein Planet beim Bau einer kosmischen Schnellstraße? - Weg damit. So ungefähr ticken die Außerirdischen auch bei Hofmans, außer dass sie noch so ein gewisses Mitgefühl empfinden, als sie Jennifer dann kennenlernen. Am Ende muss Paul Hofmans schon einige künstlerische Zickzack-Kurven nehmen, um die Geschichte irgendwie noch so hinzubiegen, dass Jennifer wieder nach Hause kommt und in Ordnung.
Zwischendurch spielt Jennifer fleißig Mozart und Beethoven, ansonsten tut sie, was Frauen in solchen Stories eher selten tun: Sie bleibt cool und lässt sich auch von den durchgeknallten Offizieren und närrischen Aliens nicht beeindrucken. Entstanden ist so eine Art Geschichte, die herauskommt, wenn ein bunter Haufen leicht angesäuselter Freunde in einer wilden Nacht drauflosspinnen und sich gemeinsam eine Geschichte ausdenken, in der jeder bemüht ist, dem nächsten Erzähler eine möglichst unmögliche Erzählsituation zu hinterlassen. Was ja kein Problem ist, wenn man sich nicht mehr an physikalische Gesetze halten muss.Paul Hofmans erklärt zwar seine Motivation etwas anders. Das Ergebnis ist aber ganz ähnlich und natürlich eher nicht der erwartete Lobgesang auf Deutschland, dafür auf die Verrücktheiten der Pulp Fiction. Die es auch in Teilen jener Literatur gibt, die man gern Science Fiction nennt, weil Raketen und Zeitmaschinen drin vorkommen. Eine Zeitmaschine zaubert auch Hofmans aus der Tasche, mit der die Heldin und ihre Begleiter am Ende gerade noch in der richtigen Zeitschleife landen, um heil aus dem Experiment herauszukommen. Zwischendrin stolpert man über ganze Serien von Musikstücken, die Hofmans seine Heldin spielen lässt. Seine Befürchtung, den Leser ein wenig zuzuschütten mit diesen Informationen, ist berechtigt.An den etwas sprunghaften Erzählstil gewöhnt man sich. Am Ende bleibt das übliche "Und nun?" Nein, geändert hat sich nichts. Pulp Fiction bleibt Pulp Fiction. Wer eine emotionale Vorstellung von diesem Genre bekommen möchte, muss einfach mal an einem langen Regensonntagvormittag den Kindern im Wohnzimmer zuhören, wenn sie einen der üblichen Kinderkanäle im TV konsumieren. Ein Gekreisch, Geheule, Rumsen, Krachen, Explodieren, ein Quietschen und Drohen. Gewalt und Zerstörung sind die Norm und nicht die Ausnahme. Die derart übergossenen Kinder verwanden sich hinterher meist in übelgelaunte und aggressive Aliens und ihre Eltern wundern sich zu Recht, dass sie mit den Biestern nicht reden können am Mittagstisch.In gewisser Weise zeigt die Pulp Fiction in bunter Sinnlosigkeit, wie durchgeknallt die Menschheit eigentlich ist. Wer das Werk von Paul Hofmans liest, bekommt also so eine Art Kinder-TV-Sonntag-Vormittag zum Lesen. Dazu essen kann man Gummitiere, Brausebonbons und eine Tüte lappige Chips von gestern. Wer freilich schon Kopfschmerzen hat, sollte besser das Genre Pulp Fiction meiden.

 

 

 

 

Raus aus dem falschen Leben: Ein Himmel voller Haie

 

Ralf Julke 04.05.2014

TitelHanna Montag: Ein Himmel voller Haie.

 

Wie fühlt man sich, wenn sich der eingeschlagene Bildungsweg als völlig falsch herausstellt? Wenn die Erwartungen der Eltern irgendwo über einem schweben und die Aussicht auf den nächsten Tag nur deprimiert? Anna geht es so. Zwischen sich und der Welt scheint eine gläserne Wand zu stehen. Die anderen leben ein ganz anderes Tempo, selbst beim Essen bestrebt, ja den Anschluss nicht zu verlieren.
Nur einer scheint es ganz ähnlich zu halten wie Anna: Matty. In der Mensa sitzt er Anna gegenüber und rührt seinen Tee im Glas um, als dürfe man auf gar keinen Fall mit dem Löffel die Glaswand berühren. Zwei Seelenverwandte treffen sich und gehen in Annas Geschichte eine stille Symbiose ein - noch nicht Liebe, schon gar nicht Partnerschaft. Vorsichtig gehen sie miteinander um. Nur ja nicht an die Dinge rühren, die da irgendwo wabern. Es könnte etwas Schreckliches passieren. Aber was nur?Anna verrät es auch dem Leser nicht, auch wenn sie mit fast unerbittlicher Genauigkeit erzählt, wie es ihr geht, wie ratlos sie sich fühlt in dieser Situation, in der die Erwartungen auf ihr lasten. Der Erfolgsdruck sowieso, denn wenn einen Eltern heutzutage schon mal zum Studium schicken, dann wollen sie ja auch Erfolge sehen. Nicht irgendwelche Blümchentestate, sondern Abschlüsse in Fächern, mit denen man hinterher Geld verdient und Karriere macht.
Das braucht sie gar nicht auszusprechen. Es hängt ja in der Luft. Jeder Politiker erzählt es. Und nicht nur an der Uni Halle wird in etlichen Fakultäten genau diese Atmosphäre des permanenten Wettbewerbs herrschen, des zwingenden Erfolges und der Verachtung für alle, die es nicht schaffen. Eine Atmosphäre, wie sie einem heute ja auch schon aus zahlreichen Medien entgegen wabert. Als sei das ein normaler Zustand. Als zerfräße er nicht unsere Gesellschaft von innen heraus, verwandelte er die einen nicht in vom Ehrgeiz zerfressene Erfolgsmaschinen und die anderen in Verlierer, die das Treiben nicht mitmachen. Nicht mitmachen wollen, weil sich alles in ihnen sträubt.Und richtig eng wird es, wenn man darüber mit niemandem mehr reden kann, auch mit den Eltern nicht, weil sachliche Gespräche am Familientisch schon lange nicht mehr möglich sind. Nur Oma Pauline versteht, was Anna sucht und warum Anna alles hinschmeißen will. Den Exmatrikulationsantrag hat sie schon geschrieben. Aber was dann? Was tun?

Es wird ein harter Sommer für Anna, denn nicht nur Oma Pauline verliert sie, auch Matty ist nicht da, als es ihr so richtig dreckig geht. Die Briefe an ihn versteckt sie in seiner Wohnung, während Matty mit seiner Band auf Tournee ist. Briefe, die Anna auch den Leser nicht lesen lässt. Da ist sie eigen. Denn wirklich Vertrauen hat sie nur zu ganz wenigen Menschen. Nicht genug. Das erfährt der Leser erst nach diesem dunklen Sommer, als Matty die Briefe findet und endlich erfährt, was los ist mit Anna. Zumindest einen Teil davon. Genug, um die Welt ein wenig zu verändern und auch den Kreis, der sich um Anna bildet. Denn nicht nur ihr geht es so, dass sie sich völlig auf der falschen Spur fühlt. Bei Matty wusste sie es schon. Nicht umsonst bevorzugt er die Musikerlaufbahn. Aber dass auch ihr sonst so strenger und auf Ordnung bedachter Vermieter Johannes austickt, das überrascht dann beide. Auch Johannes hat nur versucht, den Erwartungen eines schweigenden und über allem schwebenden Vaters gerecht zu werden.

Es könnte schon jetzt der Anfang einer Geschichte des gemeinsamen Ausbruchs werden. Aber so weit ist zumindest Anna noch nicht. Da ist noch etwas, was sie keinem erzählt hat, und es ist eine fast überstürzte Fahrt nach Italien nötig, damit auch diese Hülle noch fällt und - neben Annas Krankheit - auch ihre Neigung sichtbar wird, alles loszulassen, aufzugeben, sich aus dem Leben fallen zu lassen, ohne Gegenwehr. Das überfordert dann auch ihre Begleiter. Und Hanna Montags Geschichte könnte durchaus tragisch enden. Denn wo bleibt dieses Stückchen Zuversicht, wenn man nicht einmal mehr den Moment festhalten will oder diese Freundschaft zu zwei Gleichgesinnten, die auch Liebe sein könnte?

Italien klingt fast wie ein Signal. Auf weiten Strecken hat Hannas Geschichte dieselbe schöne Strenge, wie sie auch die Ausreißergeschichten von Andrea de Carlo haben. Mit denselben Zweifeln, Hoffnungen, Unzulänglichkeiten. Jede Situation ist hinterfragbar, jede Beziehung ein kompliziertes und undurchschaubares Gespinst, was eben noch war, kann schon der nächste Moment in Frage stellen.Doch während de Carlos Helden am Ende zumeist akzeptieren, dass die Dinge nicht greifbar sind, geht Annas Geschichte ein klein bisschen anders aus. Sie spielt ja zum großen Teil nicht ohne Grund in Ostdeutschland, in Halle, wo die Verhältnisse eben noch nicht erstarrt sind in den Bildern der permanenten Jagd nach Anerkennung, Erfolg und sauberer Fassade. Da ist noch was möglich. Und möglicherweise wird gerade Halle zum nächsten Leipzig, wenn die Saubermänner in Leipzig ihr Werk vollbracht haben. Das befürchten in Leipzig wohl zu recht immer mehr Menschen.Anna, Matty und ihre Freunde, allesamt Aussteiger aus der sinnlosen Jagd nach Karriereerfolg, versuchen am Ende zusammen einen neuen Anfang, probieren aus, was geht, wenn sich ein Häuflein Unangepasster zusammentut. Jetzt zumindest wissend, wie gefährdet alles ist. Aber auch, dass die wirklichen Anfänge nur außerhalb der rasenden Maschine zu finden sind. Aber so konnte es Anna ja auch in Oma Paulines Kriegstagebuch schon lesen: Die kräftezehrende Heimkehr durch ein kaputtes Land schafft man nur, wenn man Weggefährten hat, die wissen, wie dreckig es einem geht. Und die bei einem bleiben, wenn es hart auf hart kommt.

Ein Aussteigerbuch irgendwie, das tatsächlich ein Einsteigerbuch ist. Auch für jene, die darüber verzweifeln wollen, dass ihnen der Sprung auf die Erfolgsmaschine einfach nicht gelingen will. Patrick Zschocher vergleicht das Buch mit Salingers "Franny und und Zooey". Und auch das trifft zu. Und am Ende muss man die Geister einer auf Karriere getrimmten Welt wohl wirklich zum Teufel jagen, wenn man überleben will. Oder gar, wenn man sein eigenes Leben will und nicht das, das andere von einem erwarten. Die Entscheidung, das weiß Anna am Ende, ist ihre eigene. Das ist dann die Szene mit dem Himmel volle Haie. Aber das ist in diesem Fall kein bedrohliches Bild.

 

 

 

Der Bundesrepublikpalast: Die wehmütigen Erinnerungen eines abgerissenen Hauses

 

Ralf Julke
28.12.2013

BundesrepublikpalastTino Schreiber: Der Bundesrepublikpalast.

 

Die Idee ist ganz witzig: Der Autor schlüpft in die Rolle des legendären Palastes der Republik und erzählt seine Geschichte vom Bau bis zum Abriss, eingebettet in die heftigen Debatten um Erhalt und Entsorgung. Die erste und wohl auch letzte Autobiographie über "Erichs Lampenladen" oder den "Palazzo Prozzo", wie er einst auch genannt wurde. Kein ganz leichtes Vorhaben.
Wie erzählt man so etwas aus der Perspektive eines höchst umstrittenen Bauwerks? Was für einen Charakter hat so ein Bauwerk? Und kann es Schmerzen empfinden? Oder ist es gar parteiisch? - Dass der Autor nicht ganz frei ist von Emotionen, kann er nicht verleugnen. In Berlin wogten über Jahre die Kämpfe um Erhalt oder Abriss, auch wenn die maßgebliche Politik seit den Asbest-Befunden aus dem September 1990, als die letzte DDR-Volkskammer panisch aus dem Gebäude flüchtete, als wäre der verbaute Asbest eine tickende Zeitbombe, von Anfang an auf komplette Entsorgung setze. Und Recht hat Tino Schreiber natürlich, wenn er sich - als betroffener Palast - darüber beklagt, dass diese Entsorgung von Anfang an auch doppelt gemeint war - als Entsorgung einer asbestbelasteten Immobilie, und als Entsorgung eines wesentlichen Symbols der DDR und ihrer einstigen Partei- und Staatsmacht.Und damit auch einer auch nur denkbaren und gefürchteten Alternative zu den alten Mottenkisten Realsozialismus (wie Schreiber es nennt) und Kapitalismus. Natürlich ging es seit 1990 permanent um Deutungshoheit. Nicht nur über das Kapitel DDR und was es eigentlich im Kontext der deutschen Geschichte bedeutet und bewirkt hat. Auch um die Verortung der neuen Bundesrepublik, die durch die Vereinigung 1990 entstand. Welches sind denn nun ihre originären historischen Wurzeln? Was davon wird im Berliner Stadtbild sichtbar gemacht - und was muss verschwinden?Wäre es nur die Debatte um die Asbestbelastung des 1973 bis 1976 in einem auch für DDR-Verhältnisse wahnsinnigen Tempo hochgezogenen Prestigebaus, das Ganze wäre längst kein Thema mehr. Doch früh schon war die Abrissdebatte auch mit der Forderung verquickt, an dieser Stelle das alte, im 2. Weltkrieg zerstörte und dann 1950 endgültig abgetragene Hohenzollernschloss wieder aufzubauen und damit auch deutlich zu machen, wie sehr sich heutige Politik auf Glanz und Gloria der alten Preußen bezieht. Was peinlich genug ist. Schreiber benennt aber auch die ebenso auffälligen Konservierungen der noch existierenden NS-Protzbauten, von denen einige wieder von der Bundesregierung genutzt werden.Die oft genug sogar staatlich besoldeten Befürworter des Schloss-Wiederaufbaus mag er nun gar nicht. Auch nicht ihre Behauptung, nur der über die Jahrhunderte entstandene Kasten der preußischen Monarchie könnte Berlin die benötigte neue Mitte geben.
Dass sich die Diskussion auf die Asbest-Belastung des Palastes der Republik fokussierte, findet Schreiber ebenso unanständig. Denn bis zum Ende der 1970er Jahre wurde Asbest weltweit als feuersicheres Dämmmaterial verbaut. In der Bundesrepublik wurde seine Verwendung erst 1979 verboten. Die DDR hatte schon vorher darauf verzichtet - aber die 32-monatige Bauzeit des Republikpalastes ließ auch die alles bestimmende Partei zwei Augen zudrücken. Um den Bau bis zum 9. Parteitag der SED fertig zu bekommen, war jedes Mittel recht - und die Aufhebung der Planwirtschaft sowieso.Was so beiläufig daran erinnert, dass auch die einstigen Herren der DDR bei Großprojekten jegliches Maß verloren.Offiziell erzählte man den DDR-Bürgern von 485 Millionen Mark, die das Bauwerk gekostet habe, der DDR-Bauminister konnte 800 Millionen beziffern - aber da auch kräftig wichtige Bauteile für teure Devisen importiert wurden, können es auch über 1 Milliarde gewesen sein. Aber das Bauwerk war auch der sichtbar gemachte Versuch, ein fürs internationale Ansehen präsentables modernes Gebäude zu schaffen. Und das war es wohl auch. Mitsamt der Krankheit der Zeit - eben der Verwendung von 5.000 Tonnen Spritzasbest.Andere international bekannte Gebäude aus dieser Zeit wurden deshalb nicht abgerissen, sondern saniert - die UNO-City in Wien, das Internationale Congress Centrum in Berlin, der Pariser Tour Montparnasse. Auch im World Trade Center in New York City war Asbest verbaut worden - der noch immer in den Mauern steckte, als die beiden Zwillingstürme am 11. September 2001 zusammenstürzten. Eine Liste all der präsentablen Bauten aus dieser Zeit, in denen Asbest bis heute verbaut ist, würde sehr lang werden.100 Millionen Euro kostete allein die "Asbestsanierung" des Palastes der Republik von 1998 bis 2003. Übrig blieb ein Rohbau, der bis 2006 noch einmal eine Aufsehen erregende Zwischennutzung als "Volkspalast" erlebte. Dann kamen die Abrissfirmen, denn der endgültige Abriss und der folgende Neubau einer Replik des alten Schlosses waren schon 2001 vom Bundestag beschlossen worden. Auch das so ein ganz spezielles Thema unter der Überschrift "Großprojekte", denn dass ein Wiederaufbau des Hohenzollernschlosses in all seinen Details nicht bezahlbar wäre und wohl weit über 1 Milliarde Euro gekostet hätte, das hatte auch die amtlichen Schlossbefürworter zum Nachdenken gebracht.

 

Man suchte dann eifrig nach einer neuen Mehrzwecknutzung, die sehr zum Erstaunen Tino Schreibers doch tatsächlich in Vielem der Mehrzwecknutzung des Palastes der Republik als Tagungs-, Kongress- und Kulturhaus ähnelte. Ergebnis war ein "Humboldt-Forum", das die Kubatur des alten Preußenschlosses aufnimmt, aber nur drei Straßenfronten und den einstigen Schlüterhof rekonstruiert, die Schauseite zur Spree wird modern nachempfunden, das Innenleben des Bauwerks wird sowieso komplett modern.

Im Juni 2013 legte Bundespräsident Joachim Gauck den Grundstein für den Neubau, der nun wohl mindestens 670 Millionen Euro kosten wird. 590 Millionen Euro stellt der Bund zur Verfügung, 80 Millionen Euro für die Fassadenrekonstruktion sollen durch Spendengelder gesammelt werden. Ursprünglich sollte schon 2011 Baubeginn sein, jetzt geht es wohl 2014 los. Aber wie gesagt - es ist ein amtliches Großprojekt. Da werden einige Leute gespannt sein, wie sich die Kosten entwickeln.

Vieles von dem erzählt Tino Schreiber freilich nicht. Zu tief sitzt in ihm die Verletzung über den Abriss des Palastes der Republik, der für seine Zeit und DDR-Verhältnisse sowieso natürlich ein kleines technisches Wunderwerk war. Nach einer Auseinandersetzung mit der Fehde Palast vs. Schloss taucht Tino Schreiber in die knapp 30 Jahre Geschichte des Bauwerks ein, erzählt von den Bauarbeiten und den Einweihungsfesten, von den Parteitagen und Volkskammersitzungen, den Theateraufführungen und den Aufsehen erregenden Konzerten im Palast. Zumindest aus (Ost-)Berliner Sicht muss der Bau tatsächlich eine große Attraktion gewesen sein. Vielleicht sieht man die Sache aus dieser Perspektive ein bisschen anders als etwa aus sächsischer Perspektive, denn die Ressourcen, die hier freigiebig verbaut wurden, fehlten logischerweise andernorts.

Noch in den 1970er Jahren verschärfte sich ja die Versorgungssituation in der DDR spürbar. Und besonders schmerzlich empfanden die Bürger, wie sehr ihre Städte verfielen. Hinter dem Spitznamen "Palazzo Prozzo" steckt ein geharnischtes Stück Kritik an der Politik der alleinseligmachenden Partei.Ganz spart Schreiber mit dieser Kritik nicht. Er lässt etliche der einstigen Angestellten und Gäste im Palast zu Wort kommen, die durchaus auch erzählen, wie seltsam ihnen die zunehmend zur Selbstbeweihräucherung verkommenen Parteitage vorkamen. Besonders seltsam der 7. Oktober 1989, als die Staatsführung im Palast den 40. Jahrestag der DDR zelebrierte, als wenn draußen nicht Hundertschaften von Polizei gestanden hätten, die Tausende Demonstranten abhielten, dem Palast auch nur zu nahe zu kommen.Aber auch das strenge Sicherheitsregime im Palast wird thematisiert mit all seinen peinlichen Auswüchsen. Und auch die hohen Kosten des laufenden Betriebs werden erwähnt, denn das Riesenbauwerk brauchte nicht nur ein großes Personal von den Reinigungsbrigaden bis hin zu Haustechnik und Servicekräften für die zahlreichen Restaurants und Cafés, es musste auch permanent und aufwändig repariert werden, auch dafür war der Staatspartei jede Summe recht. Und es wurde auch während der 13-jährigen Betriebszeit des Palastes schon fleißig geklaut, was nicht niet- und nagelfest war - von Handtüchern mit den Initialien "PdR" bis zum Besteck.Schreiber hat seinen historischen Exkurs reich mit Zitaten von Zeitzeugen und aus den Medien der Zeit gespickt, so dass der Leser auch einen Eindruck von der öffentlichen Darstellung des Kolosses in den jeweiligen Zeitschichten bekommt. Bis hin zu den Schlagzeilen zum jüngeren Schlossstreit.

 

Schreibers Position ist durch die gewählte Hauptperson natürlich deutlich. Das Wort Autobiographie trifft es wohl am besten, Polemik oder Streitschrift wäre auch nicht ganz falsch. Ein Roman ist es wirklich nicht. Dazu hätte es einiger handelnder Protagonisten und eigenständiger Handlungsstränge mehr bedurft. Aber für alle, die gern nachlesen wollen, wie emotional die Debatte um den Palast und seine Entfernung geführt wurde, ist Schreibers Buch natürlich eine aufwühlende Lektüre. Fast möchte man gleich selbst ein Transparent malen und losrennen und irgendwie dafür oder dagegen protestieren.

Aber das wird wohl nichts nützen. Wenn sich ein paar Staatssekretäre erst einmal in den Kopf gesetzt haben, dass etwas weg muss, dann kommt es auch weg. Die demokratischen Beschlüsse dafür organisiert man sich schon. Und wenn man Geld braucht für einen neuen Protzbau, dann findet sich auch das - und wenn man dafür Schulden aufnehmen oder die Steuern erhöhen muss. Da ähneln sich politische Sachwalter irgendwie immer. Ob das neue Schloss, das dann nur noch von außen so aussehen soll, seinen Zweck erfüllt und Berlins historische Mitte wieder bereichert, ist dann eine ganz andere Frage. Die gewählte Dimension des Bauwerks spricht eigentlich dagegen. Aber so ist das ja meistens mit Großprojekten.

 

 

 

 

Lausbubengeschichten aus der Lausitz: Die Karasekbande

 

Ralf Julke
24.12.2013

Die KarasekbandeKlaus Singwitz: Die Karasekbande.

 

Wer kennt sie nicht, diese ganzen Familienpatriarchen, die die vertrauten Festtagsrunden jedes Mal aufs Neue in Spannung versetzen mit dem Versprechen, sie würden ja irgendwann mal was aufschreiben über ihr abenteuerliches Leben. Wenn sie mal dazu kommen. Da würden die lieben Angehörigen aber staunen. Der Regelfall ist: Sie tun es nie. Weil sie sich die Zeit nie nehmen. So bleiben Tausende Geschichten unerzählt. Aber wie würde so ein Erinnerungsbuch dann aussehen?
Wie eines all der sehr ähnlichen Erinnerungsbücher sonst? Sehr wehmütig, wieder mit diesem kleinen wehleidigen Unterton: Wir haben damals noch was erlebt … ach, wie schön war die Zeit ... die nicht gesagte Klammer mit eingeschlossen: Was könnt ihr jungen Leute da überhaupt je erzählen? Und wie?Letztere Frage ist spannend, gerade dann, wenn man als Junge in einem kleinen sächsischen Nest wie Seifhennersdorf aufgewachsen ist, in der Oberlausitz. In den Jahren nach dem Krieg, als sich auch dieser Landstrich berappelte und die Menschen mit Fleiß wieder ein lebenswertes Leben aufbauten. Fängt man dann wieder mit FDJ und Partei und dem ganzen Klumpatsch an? Und gerät dann wieder in die beiden Extreme, mit denen das Leben im Osten (medial) gefiltert wird, als gäb's nur stramme Begeisterung oder totale Verdammnis?Da stutzen nicht nur all jene, die ihre Kindheit hier verbracht haben und wesentlich reichere Erinnerungen daran haben. Die auch den Blick über Zeitenumbrüche haben und die vor allem eine ganz eigene Erzähltradition lieben wie Klaus Singwitz: die der Lausbubengeschichten, an denen die deutsche Literatur eigentlich reich ist - von "Max und Moritz" über "Die Heiden von Kummerow" bis zu "Ottokar Domma". Solche sind das hier auch. Sie handeln in den späten 1950er, frühen 1960er Jahren. Das ist - so betrachtet - auch schon wieder ganz lang her, der Lausbube Klaus ist heute selbst schon Opa. Er arbeitet als Koch im fernen Norwegen und erzählt nun seinen Enkeln mit einem Augenzwinkern aus seiner Lederhosenzeit und von all den Streichen, die er allein oder mit seinem Freund Werner zusammen ausgeheckt hat. Und was ist eine Zeit der Lausbubenabenteuer ohne Bande? Also gründeten die beiden eine, benannt nach dem berühmtesten Räuber der Lausitz, Karasek. In Seifhennersdorf gibt es ein Karasek-Museum.

 

Aber ein Blick in Johannes Karaseks Biografie zeigt auch, dass das Räuberleben wohl so toll nicht war. Und das Leben davor, in dem Karasek mehrmals aus einer dieser von Knüppeln regierten Armeen der Zeit desertierte, erst recht nicht. Das Ende war dann auch kein schönes.So gesehen ist die "Karesekbande" auch eher eine Klammer für all die Streiche und Abenteuer, an die sich Klaus Singwitz aus seiner Kinderzeit erinnert, echte Lausbubenstreiche, die so auch sein Vater und sein Großvater hätten erleben können und wohl auch erlebt haben. Nur der Großvater darf die Streiche nicht erzählen, weil es ihm die Großmutter verboten hat, und der Vater will sie nicht mehr erzählen, denn durch sein Leben geht der 2. Weltkrieg wie ein Riss. Das Trauma spürt auch der Junge. Was dem Vater eine gewisse Strenge gibt. Und selbst in diesen mit jeder Menge Humor erzählten Geschichten beiläufig spürbar macht, wie sehr die verheerenden Kriege des 20. Jahrhunderts ganze Generationen traumatisiert haben.Die Welt, in der Klaus aufwächst, ist noch eine Welt, in der Milch in Kannen aus dem Milchladen geholt wurde, Raufereien auf dem Schulhof tatsächlich noch Raufereien waren, Eiskugeln für 10 Pfennig ein Erlebnis und schöne neue Turnschuhe ein Abenteuer, das auch gefährlich ausgehen konnte. Es ist auch eine Zeit, in der in vielen Haushalten noch Eisschränke standen, sich kleine Knirpse in Lehrerpulten verstecken konnten und manche Familien nicht für jedes Kind ein Bett hatten. So wie es Werner geht, für den der Lehrer der Klasse eine regelrechte Sammelaktion organisiert, bei der selbst der Kopf der gegnerischen Räuberbande, Kalle, sein Kopfkissen spendiert - und dafür selber Ärger bekommt mit seinem Vater.
Viele Erlebnisse verknüpfen sich für den Autor mit seinem Klassenlehrer, der sich hingebungsvoll seinen Kindern widmet und ihnen auch Raum gibt, Dinge wie Freundschaft, Hilfe und Gemeinsamkeit zu lernen. Und dem aber trotzdem nicht erspart bleibt, mit seinen kleinen Strolchen so manchen Ärger zu erleben - den er dann aber jedes Mal auf unkonventionelle Weise löst. Erstaunlich auch die Geduld, die die Eltern mit ihrem oft genug zerrupften, geteerten oder in Panik verfallenen Lausbuben erleben. Alles muss er ausprobieren, immer neue Abenteuer heckt er aus, überall treibt ihn die Neugier hin - auf die Suche nach Karaseks Höhle, zum Pinkelexperiment an den elektrischen Weidezaun oder auch mal mit der Fackel in den Kuhstall, um auszuprobieren, ob man die Fürze einer Kuh in Brand setzen kann.Und anders als sein Großvater hat er sich vorgenommen, diese Geschichten alle zu erzählen. Auch weil die Enkel was draus lernen können. Denn dramatisch wurde so manches Abenteuer ja nur, weil Klaus vor Scham alles verschwieg und damit alles noch viel schlimmer wurde. Darf man seinem Vater 50 Pfennige aus der Jackentasche mausen? - Der Lausbub Klaus steht verzweifelte Ängste aus, auch weil 50 Pfennige in seiner Welt noch etwas anderes bedeuteten als heute 50 Cent.

 

Man spürt beim Lesen die Freude des nunmehr keineswegs mehr lockenköpfigen Klaus, seine Lausbubenabenteuer für die Enkel aufzuschreiben. Doch wie das mit liebevoll erzählten Lausbubengeschichten so ist: Viele einstige und neuere Lausbuben werden sich darin wiedererkennen, gerade auch, weil Klaus ein bisschen so ist wie alle - manchmal auch schrecklich naiv und blauäugig. Das ein oder andere Abenteuer hätte auch ganz anders ausgehen können.

Und manchmal fühlt man natürlich mit, in was für eine peinliche Situation sich der kleine Möchtegern-Räuber da nun wieder hinein geritten hat. Und es dürfte auch so manchen heutigen Enkel in pure Aufregung versetzen, wenn es um die Lösung geht: Wie kommt er da nur wieder heraus? - In anderen Kinderbüchern setzt es nach solchen Streichen eine ordentliche Tracht Prügel. Und der Vater von Klaus hat so etwas wohl noch erlebt. Aber der Lehrer Richter, der für Klaus so eine wichtige Rolle spielt, steht auch für einen Umbruch der Erziehung in Deutschland, der im Osten einige Jahre früher stattfand als im Westen.

Ein echtes Lausbubenbuch, das die Zeit, in der die Geschichten handeln, sehr einfühlsam aus der Perspektive des kleinen Räubers erzählt, den auch der große Opa im fernen Norwegen nicht verleugnen möchte. Im Gegenteil. Die Großväter müssen ihre Geschichten weitergeben, findet er. Auch weil beide was draus lernen können - die neuen Lausbuben und die alten.

 

 

 

 

Was braucht der Mensch auf Erden? - Bernhard Künzner versucht's mal in 30 Minuten …

Ralf Julke
24.05.2013
30 Minuten ...

Es gibt sie tatsächlich noch - die Deutschen, die etwas gründlicher über das Leben, das Universum und den ganzen Rest nachdenken, sich mal ausklinken aus dem Immer-Unterhalten-Werden. Computer aus, Fernseher aus, ein halbes Stündchen die Augen schließen. Bernhard Künzner versucht's zumindest mit 30 Minuten. Aber es wird ein bisschen mehr.

So ungefähr zwei, drei Tage, auch wenn er sein Buch in lauter Minuten-Kapitelchen packt. Der Beginn ist ein Gedankenexperiment: Wie fühlt man sich, wenn man völlig nackt an einem leeren Sandstrand irgendwo weit weg von der Zivilisation landet? Wie fühlt sich das an in den ersten Minuten und dann ein bisschen später, wenn man gemerkt hat, dass man sich an so einem Strand nicht wirklich Gedanken um den Terminkalender des nächsten Tages machen muss? Aber natürlich merkt man da schon, wie tief unser durchorganisierter Alltag in uns sitzt, eng verwoben mit der permanenten Angst, Termine zu verpassen, Aufgaben zu vermasseln, den "Chefs" nicht zu genügen. Manche sind ja geradezu gehetzt von diesen Ängsten. Und ihre "Chefs" tun alles dafür, dass diese Angst nicht nachlässt.

Was ja bei Manchem dann zu diversen unerwarteten Schrecksituationen im Urlaub führt, wenn der Körper und der Geist nicht abschalten können und man auch noch Tage nach Urlaubsbeginn aus dem Schlaf schreckt, von Panik getrieben, weil man glaubt, etwas Wichtiges verpasst zu haben. Und nicht viel besser ist oft der Moment, wenn diese manifeste Alltagspanik nachlässt und auch die Seele begreift, dass jetzt tatsächlich Urlaub ist - und einer von der anderen Panik erfasst wird, dass nämlich auf einmal lauter ungenutzte und unverplante Zeit da ist. Zusätzlich zu der lieben Familie, die einem dann auf einmal schrecklich nah ist. Das ist zumeist der Punkt, an dem ein ganzer Familienurlaub zur Tragödie wird. Unter anderem, weil man sich dann oft genug nackt und bloß und sprachlos gegenüber sitzt.

Auch deshalb fahren viele Familien lieber in ein durchorganisiertes Hotel-Ressort als an einen einsamen Strand am Atlantik. Man ahnt schon, was passieren könnte.

Ein paar der Ängste thematisiert Künzner, der sie wohl auch kennt. Er lebt ja selbst so ein fremdbestimmtes Leben in einem Büro. Er kennt die Versagensängste, die so sehr an die Geschichten Kafkas erinnern. Wo Menschen in Hierarchien einsortiert sind und an ihrer Arbeits- und Einsatzbereitschaft immer neu gemessen werden, wird jeder neue Tag zu einem Rennen gegen die Panik. Einer wie Künzner aber fängt dann irgendwann auch an nachzudenken über das, was wirklich wichtig ist. Auch wenn es erst einmal nur ein Traum ist, in dem er beginnt, seine Traumwelt zu erkunden und sich einiger Dinge zu vergewissern, derer man sich in der reglementierten Gegenwart nicht mehr versichern kann - der Freude am einfachen Dasein, der Mühe, sich ein unbekanntes Stück Welt zu erkunden, des Reichtums des Lebens, das man da entdeckt. Selbst eine sprudelnde Quelle kann zum Freudentanz führen, das Einssein mit der Natur zum Erlebnis.
So weit, so Robinson. Aber Robinson bleibt es nicht. Denn wer sich an Defoes berühmtes Buch erinnert, weiß, dass die Geschichte eigentlich damit endet, dass Robinson mit dem Schiff, dessen Meuterei er geholfen hat niederzuschlagen, nach 35 Jahren in seine Heimat zurückkehrt und ein gemachter Mann ist, weil sich jemand liebevoll um seine brasilianischen Plantagen gekümmert hat. Der Zivilisationsschock bleibt aus.Aber die Fragestellung, die an diesem Punkt dran wäre, eigentlich auch. Denn im Zustand des Paradieses - und den hat Robinson Crusoe ja auf seiner Insel in gewisser Weise erreicht - muss man sich nicht mit der Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens beschäftigen. Die wird erst drängend, wenn man in einem Leben fest klemmt, in dem man seinem Naturzustand fern ist. In modernen Gesellschaften ist das für die Meisten der Fall. Und noch während der Held von Künzners Traum-Geschichte glaubt, alles sei gut, nur vor Raubtieren müsse er sich schützen, landet er in einer Folge von beklemmenden Albtraum-Szenen, die alle zu unserer modernen Zivilisation gehören: einer vom Krieg verheerten Stadt irgendwo im Osten, einem Büro, in dem die ganze Versagens-Panik über ihn hereinbricht, bevor er in einem großen Schloss in Irland landet und einer kleinen Arbeiterwohnung irgendwo im letzten Jahrhundert. Wo er dann aber seine geliebte Elvira neben sich hat und das Gefühl bekommt, dass es eigentlich um etwas ganz Simples geht: Liebe und Nähe. Die Fähigkeit, Verbindung zu den nächsten Menschen aufzunehmen.
Womit er quasi durch die Hintertür zurückkehrt in die Realität: Denn dass die Gegenwart so trist und abweisend ist, hat viel damit zu tun, dass eine Menge Leute Zielen und Visionen nachjagen, die irgendwo jenseits des Horizontes liegen, aber nicht das tun, was ihnen gut tut. Und schon gar nicht bedingungslos lieben. Auch nicht sich selbst.Aber wie soll jemand, der nicht einmal sich selbst mag, andere Menschen mögen, gar lieben? - Das Meiste, was üblicherweise als "Liebe" verkauft wird, ist reiner Missbrauch und Ersatz. Und an dieser Stelle bringt Künzner auch ein Quäntchen Religionskritik. "Jeder würde sich gerne lieben und sich geliebt fühlen, aber irgendwann wurde der Menschheit eingeredet, schlecht zu sein. Sich selbst zu lieben erschien ihnen hochmütig ..."Wer Menschen ein schlechtes Gewissen macht, bekommt Macht über sie. Auch in den intimsten Beziehungen. Das ist der eigentliche Sturz aus dem Paradies. Für Künzner ist es nach diesen 30 Minuten wie eine Erlösung. Für andere wird es vielleicht eine Entdeckung sein. "Wozu sollte es gut sein, den Menschen diese unendlichen Möglichkeiten, ihr Leben zu leben, zu gewähren, wozu sollten wir die Fähigkeit besitzen, die wunderbarsten Gedanken zu hegen, wenn wir doch nur geborene Loser sind?" Gute Frage, nicht wahr?Wer sich immer nur für einen Verlierer hält, wie kann der lieben? (Mal ganz abgesehen von der Frage, wie viele Leute aus lauter Unfähigkeit zur Liebe zu Junkies der Macht werden, in der Gewalt über andere versuchen, ihr Selbstbild aufzuwerten? - Oh, sprechen wir schon wieder über Napoleon? - Natürlich nicht ...)
Das Gegenteil von Liebe - so Künzner - ist nicht Hass, sondern Angst. Und der Ausweg, so stellt er fest, liegt bei jedem selbst. Wie will einer mit seinem Leben ins Reine kommen, wenn er nicht bedingungslos liebt? - "Welch armer Mensch, der das noch nie getan hat!"Das Buch ist nicht wirklich eine Handlungsanweisung zur Veränderung der Welt. Aber ein schönes Gedankenspiel über eine der wichtigeren Fragen, die man sich stellen kann – sonntags früh, kurz nach dem Aufwachen.

 

 

 

 

 

Vitamin B 17: Eine andere Krebstherapie - aber auch ein paar Gedanken über das eigentliche Problem

Ralf Julke
21.05.2013
Vitamin B17

Mit Krebs ist nicht zu spaßen. Krebs ist kein Spaß. Vielleicht ist die moderne Zivilisationskrankheit Krebs die Kehrseite unserer Spaßgesellschaft. Die keine spaßige ist, auch wenn sie alles, was wichtig ist, in einen Spaß zu verwandeln scheint. Nicht nur Regina Rose fragt wohl zu recht, welche Rolle unsere moderne Lebensart für die Ausbreitung der "Volkskrankheit" Krebs hat.
Sie ist Heilpraktikerin, steht also auch den üblichen Formeln der klassischen Medizin recht skeptisch gegenüber. Denn wo die diversen "Reformen" im Gesundheitswesen dazu geführt haben, den Patienten zur Durchlaufware zu machen, ist auch etwas Wesentliches verloren gegangen oder zur Seltenheit geworden: der Freiraum des Arztes, sich mit den Lebensumständen und der Persönlichkeit seiner Patienten umfassender zu beschäftigen. Gerade die modernen Zivilisationskrankheiten haben viel mit unserer Art zu leben, uns zu ernähren, zu arbeiten und Erfolgen hinterherzujagen zu tun. Der Preis für eine auf Effizienz getrimmte Gesellschaft ist ein Mehr an Krankheitsbildern, die Folge dieser Verengung und Einspannung sind - vom Burnout über die folgen falscher Ernährung bis hin zu Suchtmittelmissbrauch und der Überforderung des Körpers mit karzinogenen Einflüssen.Davon gibt es mittlerweile so viele in unserer Umgebung, dass eine eindeutige Ursache für die jeweilige Krebserkrankung selten gefunden werden kann. Natürlich gibt es auch die in der Natur vorkommenden Karzinogene. Dass Menschen überhaupt an Krebs erkranken, ist keine neue Entwicklung der modernen Zivilisation. Menschen reagieren unterschiedlich auf all diese Einflüsse. Doch je stärker das Immunsystem unter "Beschuss" kommt, umso wahrscheinlicher ist es, dass es zur Geschwulstbildung kommt. Und dem ein oder anderen Arzt oder Heilpraktiker fällt auch auf, dass der Krebs gehäuft bei Menschen zum Ausbruch kommt, die in besonderen kritischen Belastungsphasen in ihrem Leben stecken.
Was Regina Rose hier schildert, ist in erster Linie eine Krebstherapie, die nicht so im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung steht. Meist wird nur über die drei klassischen Behandlungsverfahren berichtet: Resektion (Entfernung des Geschwürs), Chemotherapie und Bestrahlung. Wobei die meisten Autoren nähere Informationen über die Chemotherapie weglassen. Denn jeder Patient bekommt in der Regel einen anderen "Cocktail" verpasst, der der Art seiner Erkrankung (hier stand eben noch die gar nicht so freudsche Verschreibung Er-Kränkung) und vor allem auch seinem Alter angepasst ist.Inwieweit die von Regina Rose empfohlene Krebstherapie mit "Vitamin B 17" unbedenklich ist, kann ein medizinischer Laie wie unsereins natürlich nicht einschätzen. Um ein Vitamin geht es auch nicht wirklich, sondern um ein Glycosid namens Amygdalin, das unter anderem in Pfirsichkernen, Mandelkernen und Apfelkernen vorkommt. Man kann versuchen, diesen Stoff direkt aus den natürlichen Quellen, hier also Pfirsichkernen - zu gewinnen, wie es Regina Rose tut. Es gibt auch eine chemisch hergestellte Substanz namens Laetril, die dem Amygdalin ähnlich ist. Vor dem Bezug von Laetril insbesondere aus mittelamerikanischen Quellen warnt Regina Rose aber.
Der Wikipedia-Beitrag zu Amygdalin warnt überhaupt vor Amygdalin, insbesondere wegen des Blausäureanteils. Aber die Skepsis, die Regina Rose gegenüber der Pharmaindustrie hegt, die mit Krebstherapien richtig gutes Geld vertritt, kann man natürlich teilen. Denn wie so oft scheint auch hier zu gelten, was Paracelsus als Grunderkenntnis mehrfach benannte: Jedes Gift ist ein Heilmittel - es kommt auf die Dosis an.Auch die klassisch angewandten Therapieformen haben oft drastische Nebenwirkungen und stellen das Immunsystem der Patienten auf eine harte Probe. Andererseits sind viele Menschen verzweifelt auf der Suche nach einer Therapie, die ihnen hilft.Und manche Ärzte und Heilpraktiker geben ihnen dann auch ein Heilsversprechen. Was sie nicht dürfen, was sich aber viele Patienten dringend wünschen. Die Angst vor dem Krebs sitzt tief. Er wird als Fremdkörper empfunden. Nicht als Zeichen oder Signal des Körpers, dass etwas im eigenen Leben nicht stimmt. Da unterscheidet sich der Krebs nicht von vielen anderen Zivilisationskrankheiten.Vielleicht ist es nicht einmal die Therapie selbst, die das Wichtigste ausmacht, sondern das, was Heilpraktiker in der Regel den üblichen Fach- und Spezialärzten in Deutschland voraus haben: Sie gehen noch auf den ganzen Menschen ein, seine Persönlichkeit, seine Lebens- und Ernährungsgewohnheiten. "Du musst dein Leben ändern", schrieb Rilke. Das gilt in der Regel auch für die Menschen der Moderne, die in unaushaltbaren Umständen keine Abwehrkräfte mehr haben.
Regina Rose beschreibt es so: "Jeder Patient, der zur Behandlung in meine Praxis kommt, wird von mir als individuelle Persönlichkeit wahrgenommen und behandelt. Es mag seltsam anmuten, eine Selbstverständlichkeit zu erwähnen. Leider ist es heute durchaus nicht die Regel, Patienten als das zu sehen, was sie sind - nämlich Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Wünschen." Und Lebenssituationen, muss man hinzufügen.Nicht ohne Grund geht Regina Rose auch auf "Die richtige Ernährung" ein, das gehört zur Therapie - aber auch zur Vorbeugung. Und was hier unter der "Checkliste Anti-Krebs-Lebensmittel" auftaucht, gehört in der Regel auch zu einer sonst "normalen" gesunden Ernährung. Das Wort "Bio" taucht übrigens recht häufig auf, denn die meisten Lebensmittel aus der industriellen Fertigung enthalten selbst reihenweise gesundheitsschädigende oder gar karzinogene Zutaten. Dafür fehlen viele Dinge, die in Obst, Gemüse, Getreideprodukten, Eiern, Fischen aus natürlicher Erzeugung enthalten sind - und die seit Jahrtausenden Grundbestandteil der menschlichen Ernährung waren.Aber auch der Rat, dass Patienten ein Recht darauf haben, sich von ihren Ärzten und behandelnden Heilpraktikern ausführlich auch über die Folgen jeder Behandlung aufklären zu lassen, ist wichtig. Die "Risiken und Nebenwirkungen" der Medikamente und Therapiemethoden stehen in der Regel recht winzig in der Beilage. Oder die Betroffenen erfahren erst davon, wenn es schon passiert ist.Das Thema Krebs wird unsere Gesellschaft noch recht lange begleiten. Bislang haben sich Forschung und Medizinindustrie vor allem auf die "Bekämpfung" konzentriert, fast gar nicht auf die Vorbeugung und die Rolle der modernen Lebensumstände bei der Verbreitung von Krebs. Von einer intensiven Beratung der Betroffenen von ihrem behandelnden Arzt rät Regina Rose deshalb auch nicht ab, im Gegenteil.
Und eigentlich stehen die wichtigsten Botschaften eher nicht in den Textteilen zur "Vitamin B17"-Therapie, sondern davor, wenn es schlicht um die so wichtige Beziehung zwischen Behandelnder und Patienten geht: "So erscheint es mir sehr wichtig, die Therapie so persönlich wie möglich zu begleiten. Ich möchte meine Patienten und deren Ängste und Sorgen kennenlernen. Zu mir kommen die Patienten nicht nur, um sich eine Spritze abzuholen. Ich achte sehr darauf, meine Patienten sowohl körperlich als auch seelisch zu kräftigen. Es ist unmöglich, das in einer Woche zu leisten!"Manche erfahren wohl so sogar zum ersten Mal, dass ihr Körper keine Maschine ist, sondern ein wesentlicher Teil ihres Selbst, das es zu "stärken" gilt. Etwas, was in der modernen Abfertigungs-Medizin kaum noch Platz hat. Aber auch die guten Ärztinnen und Ärzte wissen, dass es eigentlich genau darum geht. Und dass die beste Prävention genau diese Stärkung ist - durch bessere Ernährung, gesunde Bewegung, ein menschlicheres Leben und Arbeiten und einen pfleglichen Umgang mit der eigenen Psyche.

 

 

 

 

Auf der Grenze zwischen Traum und Kindheit: Kleine schwebende Geschichten über Liebe, Teufel und das Beinah

Ralf Julke
15.05.2013
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Es sind verträumte Geschichten, die Linni Lind erzählt. Geschichten zwischen Traum und Wachsein, ein bisschen surreal, ein bisschen märchenhaft. Eher kleine Prosastücke als ausgewachsene Geschichten, dicht an der Grenze zum Gedicht. Kleine Botschaften aus der stillen Provinz. Dinge, die man am besten kurz vor Sonnenuntergang liest. Wenn einem so ein bisschen versonnen zumute ist.
Auch wenn einen die Dinge des Alltags eben noch aufgeregt haben. Die ganzen Veitstänze von hörigen Politikern, von Wirtschaftsbossen und Radikal-Sanierern. Welche Macht geben wir der Wirtschaft, heißt es in einer Geschichte - und es folgt ein fast schwebender Ausflug in die griechische Mythologie und zu den Tränen der vierzehnfachen Mutter Niobe, Tochter des Tantalos, deren Kinder von neidischen Mitgöttern getötet werden. Die griechische Mythologie ist ja voller solcher grausamen Erzählungen, deren Hintergründe tief in der Geschichte verschwinden.Manche Geschichten sind Kindheitsgeschichten, wobei nie recht klar ist - sind es die eigenen, selbst erlebten aus Zeiten, als die Frage nach dem Jetzt ("Wann ist endlich Jetzt?") durchaus unfassbar war und nicht zu begreifen. Geschichten über Jungen, die voller Phantasie sind und nicht stillsitzen können, wenn in der Schule Aufmerksamkeit gefragt ist - der Kopf hört ja nicht auf, an Astronauten zu denken, wenn der Lehrer unbedingt volle Konzentration verlangt. Es gibt diese Kinder ja. Sie fallen auf, weil sie mit ihren Gedanken immer woanders sind, herumzappeln, abschweifen. Moderne Pharmafirmen haben daraus ein Krankheitsbild gemacht: AD(H)S.Aufpassen soll Waldemar, der eben doch gerade entdeckt hat, dass sein Name eine Botschaft ist aus Wald und Mar. Und Mar ist Märchen und Erzählung. Das weiß man doch. Und wenn man es weiß, bleibt ein Bindestrich zwischen Wald und Mar. Wird Waldemar zum Strich-Jungen. Die Sprache hilft bei der Flucht.
Und ist das - ein paar Jährchen älter, ein anderer Waldemar, dem Elternhaus entflüchtet und voller Träume von Liebe? Der die Begegnung mit einer sommersprossigen Schönen in der U-Bahn schon fast fertig malt zu einer richtigen Begegnung. Doch dann entfleucht er doch wieder mit verschlossenem Lächeln in die Einsamkeit seiner Studentenbude, wo ihm der Computer verkündet, dass kein Mensch weit und breit jetzt eine Botschaft für ihn hat.Linni Lind tastet sich vor in die grauen Übergänge unseres Wachseins, die Räume unserer Zweifel und Ungewissheiten. Natürlich sind das unfassbare Räume. In denen alles Sehnsucht ist und nichts Erfüllung. In "Der Wunsch" wird das gar zu einer einzigen langen Bilderfolge in Schwarz und Weiß, in der die Liebessehnsucht zwischen Tag und Nacht und Mittagshitze schwelt - mit Verheißung und fast rührenden Begegnungen in diesem Beinahe, das alles möglich erscheinen lässt. Sie könnte kommen, sie könnten sich in die Augen sehen ... Gedankenspiele.Manchmal durch ein flüchtiges Notat aus der Wirklichkeit geerdet. Wie in "Tödliche Höhe", wo die Beschreibung des Auftritts eines Hochseiltänzers sich verknüpft mit dem Hang der Menschen, mit anderen in die selbe Richtung zu laufen, wenn es alle tun. Angelockt vom Spektakulären, auch wenn es die Explosion einer Atombombe ist. Nicht nur Jungen tauchen auf in diesen Zwischenweltgeschichten. Auch Mädchen. Sie haben ja dieselbe Phantasie und können sich noch in den Hasen einfühlen, der vor ihnen auf dem Teller liegt. Sie haben ihn erstarren sehen im Sprung, als der Schuss aus der Flinte des Vaters ihn traf. Kann man sich in einen Hasen verwandeln? Oder in einen Vogel?
Und wer ist eigentlich der Typ an der Seite des Dr. Faustus? Was tut der Teufel? Was kann er und warum ist er so bescheiden, und will nur eine Seele? - Manche Dinge werden recht seltsam, wenn man sie aus kindlicher Perspektive betrachtet. Da hat man eigentlich nicht die Angst, dass einen der Teufel holt, sondern eher, dass die Dinge sich auflösen, hinter den Dingen eine andere Welt auftaucht, in der alles noch viel mysteriöser ist.Autorin und Illustratorin ist Linni Lind. Sie lebt tief im Hessischen, was garantiert kein Zufall ist. Das ist die Landschaft, in der die Helfer der Grimms die meisten Märchen gesammelt haben. Auch Rainer Lind, der Maler, kommt vor in der letzten Geschichte, die eher wieder so eine versonnene Betrachtung ist über das, was man in einem Rorschachtest alles so entdecken kann, wenn man sich die kindliche Phantasie noch bewahrt hat. Aber wir sind ja alle erwachsen. Und wer erwachsen ist, erzählt keine Märchen mehr, nicht wahr?

 

 

 

 

Die Rückkehr des Wassermannzeitalters: Jorge auf der Suche nach der Weltenformel

Ralf Julke
31.12.2012
Der Medizinradkrieger

T. C. Wilde: Der Medizinradkrieger
Wie viele Bücher über den Versuch einer Selbstfindung wurden hier eigentlich schon besprochen? 10, 50, 100? - Es ist, als meldeten sich nun die Kinder der 68er zu Wort und haben nun die selben Träume, den selben Groll und die selben Ausbruchsvisionen. Und die selben Bücher gelesen - Carlos Castaneda natürlich. Und unumgänglich und immer wieder: "On the Road" und alles andere von Jack Kerouac.

Es ist, als käme die westliche Gesellschaft nach einem großen Umweg wieder zurück ins Wassermannzeitalter. All die großen Lösungsansätze der letzten Jahrzehnte haben sich als Fehler erwiesen. Der Mensch ist so ratlos wie zuvor - und entdeckt in den esoterischen Selbstfindungen der Eltern oder gar schon Großeltern eine Fluchtmöglichkeit aus dem nur noch als sinnlos zu interpretierenden Dilemma. Die Esoterik-Regale in den Buchhandlungen platzen aus den Nähten.

Selbst große Autoren der jüngeren Weltliteratur scheinen auf dem Sonnenweg zu sein - wie Paulo Coelho, den T. C. Wilde gleich mehrfach erwähnt in diesem Buch, in dem er seinen Helden Jorge auf die Suche nach sich selbst schickt. Dabei bereist der Leadgitarrist der erfolgreichen Band "The Emirates" das "Medizinrad", das ihn fast um die ganze Welt führt - an alle möglichen Orte, die in der modernen Esoterik- und Schamanenliteratur immer wieder eine Rolle spielen: den Amazonas-Urwald, den eisigen Norden Alaskas, das okkulte Indien mit seinen Buddhas und Hippie-Kommunen, Afrika mit seinen geheimnisvollen Medizinmännern, und auch den europäischen Norden - im Norden Finnlands erlebt Jorge seinen Sonnentanz.

Der Autor verspricht nicht nur am Ende des Buches, dass er sich mit dieser Art Leben selbst identifiziert - er scheint es auch so zu leben: 1967 in Hessen geboren, ausgebildeter Lehrer, aber dann doch lieber Aussteiger, einer, der wie sein Buchheld auch mal eine Auszeit nimmt, um auf die Suche nach sich selbst zu gehen. Die Auszeit für dieses Buch hat er sich augenscheinlich irgendwo in der Stille Brandenburgs genommen.

Es kommen viele skurrile Gestalten drin vor. Eine Aussteigergruppe, die mit ihren Jeeps durch Afrika gondelt und die Freiheit genießt, nirgendwo wirklich zu Hause zu sein, diverse Schamanen, ein Dämon, ein Engel, zwei besoffene Russen, ein hilfsbereiter finnischer Tankwart usw.Gäb's die Klassiker in New-Age-Regal nicht, man fände sich in einer bezaubernd fremden Welt wieder. Aber seit Leute wie Jack Kerouac ernsthaft über die Möglichkeiten nachgedacht haben, aus einer fremdbestimmten und genormten Lebenswelt auszubrechen und irgendwo in diesem ganzen Schlamassel sich selbst zu finden, ist das nicht mehr wirklich neu. Und nicht nur das immer wieder neu aufgelegte "On the Road" sollte man lesen, auch wenn es das Drama dieser Sinnsuche bis heute am intensivsten zeigt. Noch viel intensiver schildert Kerouac seine Rastlosigkeit und die Suche nach einem tieferen Sinn in dem Erzählungsband "Gammler, Zen und hohe Berge". Und wer sich das schon zugemutet hat, der hat ziemlich sicher daneben auch die Illuminaten-Trilogie von Robert Anton Wilson stehen, in der man dann eigentlich alles findet, was in der New-Age-Bewegung und allen esoterischen Folgewellen eine Rolle gespielt hat.Denn ohne ihr Gegenstück - das dunkle Reich der Verschwörungen - hat auch das sonnige Hippie-Zeitalter nicht auskommen können. Manchmal sind es irdische Verschwörungen, manchmal kosmische Mächte, die in das Schicksal der Sonnenkinder hineinpfuschen. Bei T. C. Wilde sind es "Die Grauen", eine finstere Verschwörertruppe aus dem Weltall, die verhindern will, dass die Sirianer und Orionleute in den Besitz der Weltformel gelangen, die ausgerechnet ein gerade auf Sinnsuche durch die Welt reisender Musiker namens Jorge besitzen soll.Womit man dann auch noch die unübersehbare Nähe zur bislang besten Persiflage auf die große Sinnsuche der Beat-Generation hat: Douglas Adams' "Per Anhalter durch die Galaxis". Und die ist - das wissen alle, die es auch nur einmal versucht haben, es ähnlich zu machen - kaum zu toppen.
Womit man bei einem Grundproblem ist, um das Autoren im späten New-Age-Zeitalter nicht herum kommen: Die Klassiker sind schon geschrieben. Und die Erzählmuster sind teilweise so stark, dass sie alle Erzählversuche, die ihnen folgen, zwangsweise ins selbe Schema pressen.Was freilich nichts daran ändert, dass es wieder eine Menge Menschen gibt, die sich mit den Entwicklungen unserer modernen Gesellschaften nicht mehr arrangieren können oder wollen oder beides, die nach neuen (oder alten) Wegen suchen, sich wieder eins mit sich, der Welt und ihrer Liebe zu fühlen. Was natürlich die Suche nach Menschen voraussetzt, mit denen sich das machen lässt. Manche versuchen es mit Drogen - aber das funktioniert auch nach der 100. Erzählung nicht. Noch nicht ein einziger Drogen-Begeisterter hat es geschafft, auch nur ansatzweise etwas aus seinem tollen Rauschzustand zu erzählen, das man mit klarem Kopf nicht auch erleben könnte. Sinnvoller sowieso.
Was natürlich keineswegs überflüssig macht, nach Alternativen zur ihrerseits selbst vom Rausch besessenen Gesellschaft zu suchen (oder was sind Konsumwahn, Raserei, Arbeitswut und Gier anderes als Räusche? Ersatzbefriedigungen für ein nicht gelebtes eigenes Leben?). So betrachtet, ist die New-Age-Bewegung fester Bestandteil einer Welt, die den Rausch als tägliches Ritual installiert hat.Ist die Ausflucht also gar keine? Das bleibt eine offene Frage. Die Traumprinzessin bekommt er natürlich am Ende. Aber unsereins denkt dann immer gleich an Tucholsky und die schöne Frage: Was kommt eigentlich nach dem Happyend?
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Auf der Grenze zwischen Gerichtsbescheid und großem Kino: "Filmriss"
Ralf Julke
07.01.2013
Johannes Wierz: Filmriss.

Johannes Wierz: Filmriss.
Es ist schon erstaunlich, welch großer Teil der täglichen Erlebnisse der mitteleuropäischen Großstädter sich nur in ihrer Phantasie abspielen. Zumindest hat man den Eindruck, wenn man sich so in die Welten deutscher Romanschreiber vertieft. Mit Johannes Wierz hat sich ein Bonner Schriftsteller ins Programm des Einbuch-Verlages in Leipzig verirrt. Wobei verirrt wohl eher das falsche Wort ist.
Man findet zueinander in diesen seltsamen Zeiten, in denen nicht nur so genannte "Social Media"-Plattformen anfangen, die Welt nach eigenem Gutdünken zu filtern, sondern auch ein großer Versandbuchhändler manche nicht wirklich nachvollziehbaren Filter eingebaut hat, die die angezeigten Suchergebnisse für die Online-Leseratten aufbereiten, ohne dass sie wirklich merken, nach welchen Kriterien das geschieht.Wer Autorenname und Buchtitel nicht eindeutig weiß, wird nicht immer fündig. Und wenn er sie nur halb weiß, bekommt er Berge von Artikeln angezeigt, die mit dem Gesuchten nur andeutungsweise etwas zu tun haben. Die Sache mit einer wirklich logischen und (be)sucherfreundlichen Bücherplattform ist noch lange nicht geklärt.

 

Johannes Wierz: Filmriss.

Johannes Wierz: Filmriss.
Foto: Ralf Julke
Noch vor Weihnachten verkündete der Einbuch-Verlag deshalb, dass er seine Bücher nicht mehr im Online-Versandladen einstellen werde. Es ist ein weiteres Puzzle-Stück hin zu einer Landschaft, in der die Verlage und Autoren sich enger zusammenschließen und eigene Vertriebsnetzwerke aufbauen. Was gerade da Sinn macht, wo beide noch gern experimentieren. Was der Einbuch-Verlag gern tut. Was dann auch einige eher ungewöhnliche Buchprojekte in sein Portfolio spült.
Wie dieses hier, in dem Wierz eine Idee ausprobiert - eine richtige Kopf-Idee. Sein Held ist Musiker und Komponist. Noch nicht allzu weit zurück liegt seine schönste und erfolgreichste Zeit als Komponist für einen erfolgreichen Pop-Song für eine schwedische Sängerin, den er ihr augenscheinlich nach einer schönen Nacht im Hotel einfach geschenkt hat. Ganz abgesehen von einem ganzen Song-Album, das dann auch noch in den Charts Erfolg hatte. Ein richtiger Geschäftsmann ist der Bursche also nicht - was verständlich macht, dass er ziemlich glücklich war, als ein cleverer Ungar eine Zeit lang dafür sorgte, dass er Aufträge für gut bezahlte Werbeclips bekam. Er wurde nicht einmal misstrauisch, als ihn der clevere Ungar dafür mit Barschecks bezahlte.

Man ahnt so ein wenig, warum es die Leipziger Stadtverwaltung deshalb für so wichtig erachtet, die Leipziger Kreativszene in Kurse nach dem Motto "Wie manage ich mich selbst" zu stecken. Was natürlich wieder Blödsinn ist. Manager sind nicht kreativ. Das beißt sich. Und führt bestenfalls zu genau dem, womit der deutsche Kunst- und Musikmarkt sowieso schon überschwemmt ist: professionellem Müll, an dem ein paar Leute sich goldene Nasen verdienen.

Natürlich kann in so einem Roman nicht geklärt werden, wie wirklich kreative Leute aus der Misere herauskommen. Mittlerweile sind ja hunderte Romane zu diesem Thema entstanden. Das Drama beginnt in der Regel kurz nach dem Platzen der Blase - wenn der clevere Geschäftsmann sich ins Ausland verdrückt und das Finanzamt beim Künstler anruft und ihm andeutet, dass die Sache mit der Steuer für die zurückliegenden Jahre überhaupt noch nicht geklärt sei. Finanzämter behandeln Kreative wie Manager. Politiker mittlerweile auch. Das Problem wird sich also weiter verschärfen.

 

Johannes Wierz: Filmriss.

Johannes Wierz: Filmriss.
Foto: Ralf Julke
Und natürlich weiß der Held nicht wirklich, wie er aus der Misere herauskommen soll. Die Geschäftsbeziehungen sind perdu. Woher soll er das Geld nehmen? Als dann noch ein Schreiben vom Gericht kommt, nimmt er sich noch eine Galgenfrist, geht in sein Lieblings-Café und beschließt, dort zu bleiben, bis der Tag herum ist. Was er dann auch tut an seinem Tisch, im zunehmend phantasievollen Zwiegespräch mit Aschenbecher und Zuckerstreuer. Dabei flackern ein paar Erinnerungen an seine so ruhmlos gescheiterte Karriere vorbei, vermischt mit ein paar echten und vielen fiktiven Gesprächen mit dem Personal des Lokals und einigen Gästen. Und mit Filmsequenzen, die sich immer wieder in seine Gedanken schieben - etliche davon Klassiker der Filmgeschichte.Ein durchaus eigenes Feld, das durchaus Potenzial zu einer literarischen Aufarbeitung hat. Denn Filme wie "Pretty Woman", "E.T.", "Casablanca" oder "Der Rosarote Panther" sind ja nicht nur Allgemeinwissen und Kulturgut - einige Szenen und Figuren daraus sind längst so präsent, dass sie Teil unseres Lebens zu sein scheinen. Manchmal muss es gar nicht der große Hollywood-Film sein - selbst uralte Vorabendserien wie "Flipper" oder "Die Leute von der Shiloh Ranch" flackern dem beharrlich im Café Sitzenden durch den Kopf, während er sich immer wieder ein neues Getränk bestellt, zwischendurch mal kurz nach Hause eilt, um sich umzuziehen und dabei einen Stromschlag im Bad zu erhalten. Wobei man nie so recht weiß: Tut er's wirklich? Oder kommt hier schon wieder die nächste Filmsequenz, in der sich der Held gedanklich in Dr. Mabuse oder Gary Cooper verwandelt?
Auch die Begegnungen mit seinen ehemaligen Band-Kumpanen Charly (der in einer Klapsmühle einsitzt) und Heini (der Taxi fährt) gehören in diese Grauzone, auch wenn sich diese Begegnungen am Ende des Romans auf einmal selbst zu einer filmreifen Handlung verdichten, bei der sich der Leser ein bisschen wie in einer "James Bond"-Verfilmung fühlen darf - mit einem dramatischen Überfall auf das nun von einer Werbeagentur besetzte Café, einer rasanten Flucht und einer Nebelszene auf dem Flughafen, wo alles endet wie weiland in "Casablanca".Was in jenem amtlichen Schreiben stand, dessenwegen der Erzähler den Gang in sein Café antrat, erfährt der Lese dann nicht mehr. Es ist irgendwie wie in so vielen Filmen: Irgendwas bleibt unerzählt. Und noch während die Polizisten das Rollfeld betreten, beginnt der Abspann. Der steht bei Wierz freilich gleich vorn im Buch: als kleine Auswahl seiner Filmhelden in den diversen Nebenrollen des Buches.
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Wenn eine Geschichte noch nicht erzählt werden kann: Wo die Vögel schlafen
Ralf Julke
12.01.2013
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Sebastian Brinkmann: Wo die Vögel schlafen.
Kann man mit 24 Jahren eigentlich schon Romane schreiben? Hat man das Zeug dazu? Oder fehlen einem dazu eigentlich noch die Erfahrungen? - Gute Frage. Mancher Autor der Weltliteratur würde die These natürlich leicht widerlegen. Da ist auch schon der erste lange Erstling ein Meisterwerk. Es bleibt trotzdem eine recht kritische Frage - gerade weil Veröffentlichen heute so einfach geworden ist.

Das geht digital noch flotter als auf Papier. Mit mehr als 10.000 Autorinnen und Autoren aus 89 Ländern und über 100.000 Beiträgen wirbt die Plattform e-Stories.de, die für etwas ambitioniertere Autoren sogar Dienste im Lektorat und fürs Marketing anbietet. Seit er 19 war, ist der in der Nähe von Münster lebende Sebastian Brinkmann dort aktiv, veröffentlicht dort kurze Texte. Geboren ist er in Telgte. Da denkt man natürlich an Günter Grass' "Treffen in Telgte".

Aber das ist nicht ganz die literarische Welt, in der der junge Westfale zu Hause ist. Und mit 26 ist man noch jung. Da prägen einen oft noch die Leseerlebnisse der Kindheit, all die Abenteuer-, Märchen- und Fantasy-Bücher, mit denen die Jugendbuchabteilungen heute zugestopft sind. Und wer diese Welt kennt, weiß, dass Joanne K. Rowlings "Harry Potter"-Bände mit zum Besten gehören, was die Abteilung zu bieten hat. Genauso wie die Bücher von Michael Ende oder Otfried Preußler.Darunter gibt es ein durchaus eindrucksvolles Reich von Autorinnen und Autoren, die mit gängigen Mustern durchaus spannend erzählen können. Und darunter steht breit und wuchtig ein Berg des Trivialen, in dem es wimmelt von Vampiren, Geistern, Prinzessinnen, verkannten Kindern aller Art, bösen Hexen, finsteren Zauberern, Drachen, pfiffigen kleinen Pfadfindern, tapferen Mädchen und einsichtsvollen sportlichen Jungen, die auf der letzten Seite den immer verkannten kleinen, pickligen Jungen mit Tränen in den Augen in ihre Mannschaft aufnehmen. Wo ja kleine picklige Jungen immer hin wollen.
Man wird all das nicht wirklich leicht los. Manche Autoren schaffen es ihr Leben lang nicht. Viele Leser ebenfalls nicht. Mancher kann von den beliebten Mustern gar nicht lassen, zieht gern immer wieder aus mit dem Helden so eines Buches, die eben noch im geschützten Raum ihres Elternhauses ein bisschen Ärger hatten und auf einmal in eine Welt geraten, in der Wölfe und Schattenmänner hausen, die Tiere sprechen und der finstere Mummelmann den Nebel über das Dorf im Wald geschickt hat, das er beherrschen will. Aber dazu braucht er die Phantasie der Kinder, denn nur wenn die Kinder an den Schwarzen Mann glauben, ist er mächtig ...Er lebt in einer finsteren Burg, hat lauter schattenhafte Helfer, die Burg muss erobert werden, denn in der Burg hält er nicht nur die Kinder gefangen, sondern auch das Licht, ohne das er keinen Schatten hätte. Die Kinder tun sich mit den Tieren des Waldes zusammen, der Mann im Mond spielt mit. Und Rastaban, der Junge, den es in das Nebelreich verschlagen hat, zeigt sich dabei nicht nur als tapferer, mutiger Junge, der erfolgreich gegen den Mummelmann und seine Schattenmänner kämpft, er kommt dabei auch dem Problem auf die Spur, das ihn eigentlich quält ...Es ist wirklich nicht leicht, sich aus diesen Erzählmustern zu lösen. Erst recht nicht aus diesem Muster vom tapferen Jungen, der im Kampf gegen einen bösen, mächtigen Widersacher nicht nur Freunde findet, sondern am Ende auch die tiefe Erkenntnis über sich selbst ... übrigens ein ur-amerikanisches Muster. Die Hälfte aller Hollywood-Filme lebt von diesem Muster.Hinter der Fantasy-Geschichte steckt hier eigentlich eine Abschiedsgeschichte. Deswegen heißt das Buch dann auch "Wo die Vögel schlafen" und nicht "Rastaban besiegt den Mummelmann".
Und Abschiedsgeschichten sind keine leichten Geschichten. Sie haben mit tiefen Gefühlen von Schuld, Trauer und Verunsicherung zu tun. Erst recht, wenn Kinder so etwas erleben. Und da braucht es wohl tatsächlich die große Erfahrung eines reiferen Lebens, um das stimmig und plastisch erzählen zu können. Manchmal stört dann einfach auch all das, was man da so in jungen Jahren in sich hineingelesen hat. Der Kopf ist voller Gestalten, flotter Dialoge, romantischer Kulissen. Sie sind ja auch noch durch Kino und Fernsehen omnipräsent. Da ist es nicht leicht, sich so herauszunehmen, wie es ein Roman eigentlich braucht - und auch das Eigene zu trennen vom Angelesenen, Gehörten und Gesehenen. Denn was so überbordend allgegenwärtig ist, das sind ja die einfachen Stereotype, die simplen Muster für eine Welt voller Helden.Aber so ist ja das Leben nicht. Das Erzählenswerte schon gar nicht. Die Nuancen merkt man erst, wenn man sich wirklich herausnimmt und das Dauergeplapper abstellen kann - was heute noch viel schwieriger ist als im letzten oder vorletzten Jahrhundert. Aber zugegeben sei: Die Zeit und die Konzentration wird kaum noch jemandem gewährt. Und die Leichtigkeit, mit der man heute Texte veröffentlichen kann, verführt dazu, das Schnelle zu bevorzugen. Doch die Leichtigkeit trügt.
In diesem Roman steckt eine gute Geschichte, die noch zu schreiben wäre. Wahrscheinlich sogar eine Kurzgeschichte. Aber die sind ja bekanntlich noch viel schwerer zu schreiben.Das andere ist dann eine einfache Fantasy-Geschichte, die auch ein illustriertes Kinderbuch ab 8 Jahre oder so abgeben könnte. Manchmal ist die schwerste Wahl für Autoren, sich zu entscheiden. Manchmal muss man sich diesen Ruck einfach geben: Aus eins mach zwei. Hat ja keiner gesagt, dass Schreiben ein einfaches Handwerk ist. Auch wenn es hier bestimmt schwer fällt, denn wie schreibt man die Geschichte, die einem wirklich weh tut und auf der Seele brennt? - Gerade solche Geschichten brauchen eine Menge Zeit zum Reifen.
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Die Schotten sind schuld: Ein Handbuch für professionelle Text-Arbeiter

Ralf Julke
27.12.2012
Die Schotten sind schuld

Patricia Appel: Die Schotten sind schuld.
Die Welt ist voller Texte. Nicht nur journalistischer oder literarischer. Es gibt eine große weite Welt der Texte, mit denen Leute schlicht etwas verkaufen wollen. Das geht kurz und knackig mit Werbesprüchen. Das geht aber auch hektoliterweise mit Broschüren, Flyern, Werbebriefen, Newslettern, Online-Präsentationen, Pressemitteilungen ... Aber wer textet das alles? Im besten Fall Leute, die es können. Für die hat Patricia Appel ihr Buch verfasst.
Es ist ein Ratgeber, ein "Handbuch für Texter, Werbetexter, Autoren, Unternehmer und Marketingverantwortliche", ein Buch über das, was die Berliner Onlineredakteurin, Werbetexterin und Autorin selber tut. Es ist ihr Arbeitsfeld, mit dem sie sich nach eigener Aussage seit über 20 Jahren beschäftigt. Da sammelt man Erfahrungen, vor allem mit den Dingen, ohne die eine Arbeit nicht funktionieren kann. Zuallererst mit dem Geld, diesem seltsamen Vehikel, mit dem man normalerweise Leistung honoriert.Böses Wort. Das klingt ja wie abgeschafft, seit moderne Fixdenker selbst in höchsten Ämtern behaupten, man könne die Wirtschaft dadurch ankurbeln, dass man die Honorierungen senke. Aber jeder, der das Wagnis Freiberufler eingegangen ist, weiß, wohin das führt. Nicht nur zu Selbstausbeutung, sondern auch zu einer Abwärtsspirale, bei der auch Kreativität und Leistungsvermögen ratzfatz in den Keller rauschen. Und Patricia Appel kann das auf ihrem Feld jede Woche beobachten. Denn natürlich herrscht in einem Land, in dem jeder, der etwas verkaufen will, auch professionelle Texte braucht, ein harter Wettbewerb um die Aufträge. Von beiden Seiten. Die einen wollen möglichst viele lukrative Aufträge, die anderen wollen möglichst viel Leistung. Manche für möglichst wenig Geld.
Und so gibt es nicht nur alle möglichen Leute, die ihre Textarbeit anbieten - manche für so wenig Geld, dass sie entweder noch einen anderen Job haben, mit dem sie die Miete bezahlen, oder eine wohlwollende Unterstützung von der Arbeitsagentur. Denn in manchen Bereichen ist auch hier das Preisniveau so heruntergespielt, dass die Anbieter am Monatsende maximal 400 oder 800 Euro erlösen, auch wenn sie täglich zwölf Stunden Texte produzieren.Aber auch auf diesem Markt gilt - und Patricia Appel wiederholt es oft genug: Weniger ist mehr. Und wirklich Erfolg hat man nur mit Qualität. Und - was einige Leute auch gern vergessen: Qualität hat ihren Preis. Und wenn er so liegt, dass eine gut beauftragte Texterin davon auch gut leben kann, ist er nur fair.Und wer sich selbst managen muss, der lernt auch die Fährnisse des Marktes kennen. Der muss auch lernen, sich selbst zu vermarkten. Wer selbst nicht professionell für sich wirbt, wird auch keine professionellen Aufträge bekommen. Was nicht heißt, es müsse teuer sein. Das raten einem nur schlechte Berater. Aber gut muss es sein und seriös. Patricia Appel erklärt recht genau, worum es geht. Wie es geht, das muss jeder für sich herausfinden. Denn auch das Milieu der Texter lebt von der persönlichen Handschrift und möglicherweise auch von der Spezialisierung. Das gilt auch für die Bereiche, die zum Kernarbeitsfeld von Patricia Appel gehören.
Und sie lässt das eigentlich Wichtige nicht aus: den Kunden. Den Einheits-Kunden gibt es sowieso nicht. Aber wie komplex das Feld dieser Menschentypen sein kann, fasst die Autorin in ein paar sehr eingängige Kategorien - vom Traumkunden über den Schmarotzer bis zum Kreativen. Wer damit nicht umgehen und die Typen zu unterscheiden lernt, kommt aus den persönlichen und finanziellen Problemen nicht heraus. Manche Kunden sind pflegeleicht - vor allem, weil sie wissen, was sie wollen, und weil sie die Leistung, die sie kaufen, zu schätzen wissen. Andere sind schwieriger im Umgang - aber oft genügt ein bewusst professioneller Umgang mit ihrer Kritik, und das Miteinander kann durchaus erfolgreich sein. Und dann gibt es die Typen, auf die man in jedem Geschäftsfeld trifft: die Leute, die Leistungen ohne Gegenleistung haben wollen, die die Arbeit der Freien verachten, sich einfach aneignen und dann auch noch behaupten, sie hätten alles selbst gemacht.Es gibt diese Kunden, die eigentlich keine Kunden sind. Auch als freier Kreativer muss man schnell lernen, sie zu meiden. Sie schaffen Ärger und Kosten und fressen wertvolle Zeit. - Es ist wirklich ein echtes Handbuch aus der Arbeit einer Textautorin, die ihre Erfahrungen gesammelt hat. Eigentlich sind es zwei Handbücher in einem - das eine hilft all jenen, die als freie Anbieter lernen wollen (oder müssen) wie man das Metier managt. Und das andere sind Ratschläge zur Professionalisierung der Text-Arbeit selbst.
Bis hin zum Aufbau eines Newsletters und einer Pressemitteilung. Immerhin die Dinge, die auch in Zeitungsredaktionen ständig im E-Mail-Fach landen. Wobei es ganz bestimmt noch ein paar mehr Regeln gibt, nach denen Journalisten die Mail stantepede in den Papierkorb verschieben.Den größten Teil des Buches widmet Patricia Appel ganz der Arbeit von Textern und Werbetextern. Nur 20 Seiten am Ende widmet sie dann auch noch den Autoren literarischer Texte. Und im Wesentlichen beschränkt sie sich auch hier auf die Geschäftsbeziehung des Autors zum Verlag. Wohl wissend, dass die Verlage geschwemmt werden mit Manuskripten, die niemand braucht und keiner wirklich lesen will.Eigentlich fehlt tatsächlich mal - neben den 48 aktuell verfügbaren Büchern zum Thema "Wie werde ich Autor" - ein echter Ratgeber für all die vom Schreiben Besessenen. Motto: "Was brauche ich eigentlich, um je ein Autor werden zu können?"Das verraten die meisten Ratgeber nämlich nicht. Dass man nicht einfach die Fabeln berühmter Bestseller kopieren darf, ist schon mal das erste Handicap, das Patricia Appel erwähnt. Sie hat mit dem Thema am Rand zu tun, denn bevor sich alle diese Begabten auf die Verlage werfen, suchen sie meist noch Hilfe, ihr Konvolut irgendwie in Form zu bringen, zu glätten und die schlimmsten rechtschreiblichen, grammatikalischen und stilistischen Fehler auszumerzen. Profi-Texter eben. Wenn sie Pech haben, geraten sie an den Falschen, der für 1 Cent je Wort dieselben Fehler macht.Aber natürlich stimmt der Ratschlag: Die professionellen Grundlagen des Textens sollte auch ein belletristischer Autor beherrschen. Plus noch ein paar anderer Dinge, die auf diesen knappen 20 Seiten natürlich keinen Platz finden.
Aber für all die, die mit Texten für Firmen, Websites, Mailings, Pressemitteilungen usw. ihr Brot verdienen wollen, ist das Buch voller wichtiger Basistipps. Und selbst den anderen - den Unternehmern, Marketingverantwortlichen und vielleicht auch mal ein paar Wirtschaftspolitikern - zeigt es anschaulich, dass auch die ach so kreativen Freien in erster Linie hart arbeitende (Selbst-)Unternehmer sind.Und wer die Schotten sucht, findet sie diesmal nicht unter dem Stichwort Geizhals, sondern unter „Slogan“.
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Minus von James Cook

Ralf Julke

Minus

Nudeln kochen kann der Bursche, der sich so einprägsam James Cook nennt. Doch wer nun ein Reisetagebuch in die Südsee von ihm erwartet hat, bekommt etwas, was verpackt ist wie ein flotter Jugend-Roman, aber keiner ist. Buchumschläge können irritieren. Aber wie verpackt man einen Roman, in dem der Held aus Zeit und Leben fällt?

So passiert's dem Helden Fabian, der eines Morgens noch gut gelaunt mit seinem Kaffee am Frühstückstisch sitzt - und Sekunden später zeugt eine große Kaffeepfütze auf den Fliesen davon, dass Fabian wohl nicht mehr in seinem Körper steckt. Seine hübsche Frau Maren beugt sich verzweifelt über den 42-Jährigen.Und der beobachtet das verwundert - aus der Kellerperspektive, wo das gelandet ist, was er eigentlich noch ist. Es ist ein bisschen wie in den Welten des Philip K. Dick, der seine Leser damit fasziniert, die vorhandene Welt als brüchig, fragmentarisch und durchaus diffus zu schildern. Zumeist sind bei ihm allerlei finstere Firmen und Gestalten unterwegs, die aus reiner Profitgier alles tun, den nicht so zahlungskräftigen Mitmenschen die Existenz unterm Hintern wegzuziehen.Ganz so gesellschaftskritisch wird's bei Cook nicht. Eher philosophisch. Wie man das von Autoren aus Deutschland so kennt. Sie sinnieren so gern über die Brüchigkeit des Lebens und der Welt und die Unzuverlässigkeit unserer Wahrnehmung. Und manchmal werden sie romantisch dabei. Was passiert hinter den Dingen, die wir wahrnehmen?Cook versucht zwar, eine kleine Zeitverschiebung als Begründung für seine Geschichte immer wieder einzuflechten. Aber eigentlich braucht er das nicht. Denn die Welt, in der Fabian landet, funktioniert auch ohne physikalischen Erklärungsansatz. Natürlich ist es "absolute Phantasie". Was kann so einem aus der Zeit Gefallenen eigentlich passieren, wenn er über keinen Körper mehr verfügt und eine etwas vorlaute Ratte sein neuer Wegbegleiter wird. Auch so eine Art Führer durch die andere Welt, die er nun kennenlernt, eine Welt, die eher ein Brei ist, in dem sich die Lebewesen - von Baum bis Ratte - als farbige Wolken sichtbar machen.
Gleichzeitig hängt dieser Fabian auch noch irgendwie an seiner Schönen, auch wenn die sich schon am Tag seines Todes mit seinem bis dahin allerbesten Freund einlässt, der sich gar nicht als so selbstlos erweist, wie Fabian einst dachte in seinen ahnungslosen Zeiten auf Erden. Ein wenig spielt er deshalb die nächsten acht Jahre die Rolle des allgegenwärtigen rächenden Geistes, um als siegreicher Geist dann noch ein paar triumphale Jahre an der Seite seiner nun einsamen Geliebten zu verbringen. Irgendwie geschenkte Zeit, die ihn nachher umso verstörter zurücklässt. Denn was kommt dann?Irgendwie wohl doch der Schritt in einen neuen Zustand, ein neues Dasein, sehr farbig, sehr diffus. Ein neuer literarischer Versuch, den Fluss des Lebens in Bilder zu fassen. Dahinter steckt - wie kann es anders sein - natürlich der Versuch, das Vergehen und Vergänglichsein zu begreifen. Was ja immerhin eins von den Dingen ist, die der Mensch bei aller Logik nicht wirklich fassen kann. Wohin stürzt man, wenn man aus der Welt stürzt? Gibt es ein Anderswo oder gar ein Danach? Oder leben wir gar nur in einem besonderen Zustand, wie sich Fabian von Ratte erklären lassen muss, einer Welt-Wahrnehmung, die nur dadurch entsteht, dass wir als Menschen permanent am Erzählen sind. Wenn nicht hörbar mit dem Mund, dann inwendig im eigenen Kopf auf jeden Fall. Oder gibt es Menschen, die tatsächlich schweigen können - auch für sich?Fabian scheint das noch gar nicht bemerkt zu haben. Aber es ist Teil dieser Geschichte, die eigentlich vom Erzählen erzählt. Und von dem ganz menschlichen Drang, alles zu benennen, zu erklären und zu bewerten. Die Zeit gehört dazu. Bis auf die Tausendstel-Sekunden hinunter durchdekliniert, als ließe sich das Vergehen besser begreifen, wenn man es in lauter kleine Scheibchen schneidet.Ein Buch für Leute, die sich vor philosophischer Fantasy nicht fürchten und alltägliche Helden wie diesen Fabian auch mal ein Stück in traumhafte Landschaften begleiten wollen, da und dort mit flüchtigen Berührungen mit unserer, der "richtigen" Welt, die immer seltener werden, aber trotzdem zuweilen geradezu rührend sind. Das hier ist eben keiner der üblichen Fantasy-Helden, eher eine Type wie Arthur Dent, dem das Ganze passiert, obwohl er in keiner Weise darauf vorbereitet war. Und der sich durchaus wundern kann über einen Eintrag in sein Kondolenzbuch, der nun gerade nicht von seiner schönen Maren stammt: "Schade, ich mochte dich."
Um Liebe geht es natürlich auch in diesem Buch. Ist ja auch eines der großen Rätsel: Was bindet uns so aneinander? Und ist jede Liebe wirklich Liebe? Oder doch nicht oft genug auch eher das Gegenteil, wie Ratte weiß?Also kein Buch für Leute, die gar nicht philosophisch veranlagt sind. Für Mathematiker übrigens auch nicht. Der Titel führt in die Irre. Da war der Autor zu verliebt in die Sache mit den Tausendstel-Sekunden. "Ratte und Fabian" wäre ein durchaus treffender Titel gewesen. Und der innere Buchgestalter wickelt das Buch auch gleich mal in dunkles Rot. Den Titel setzt er in Dunkelblau. Und unten auf die Ecke des Covers setzt er eine kleine philosophische Ratte. Das würde passen irgendwie. Und die Buchhändler wären wohl etwas eher geneigt, den Band etwas näher bei Philipp K. Dick zu platzieren.
James Cook "Minus oder Das Märchen Zeit", EinBuch Verlag, Leipzig 2012, 12,90 Euro.
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Ein (Un-) Glück kommt selten allein von Sandra Panagl

Ralf Julke

Ein (Un-) Glück kommt selten allein

Noch ein Mädchenbuch. Man staunt ja, was in Leipziger Verlagen so alles verlegt wird. In jüngster Zeit also vermehrt Bücher von Mädchen für Mädchen. Auch wenn die Mädchen in der Regel schon deutlich über 18 sind. In diesem Fall sogar noch ein wenig älter. Petra, Sybille und Kerstin sind alle drei eigentlich schon gestandene Frauen, erfolgreich im Beruf, im Haushalt und in der Bewältigung der üblichen Familiendramen.

Sie sind seit ihrer Schulzeit befreundet, treffen sich regelmäßig, können sich noch darüber wundern, dass aus ihren hochfliegenden Träumen der Jugendzeit nichts wurde. Aber warum nichts draus wurde, erzählen sie auch. Sie sind ja nicht ohne Grund in Österreich aufgewachsen, das in so Vielem den Lebensschablonen von Deutschland (West) ähnelt. Man findet einen tollen Kerl, gründet Hausstand und Familie und schränkt die Suche nach einem Arbeitsplatz aufs nähere Umfeld ein. Das geht alles ruckzuck. Das geht auch bei Mädchen in Ostdeutschland ruckzuck. Die Klassenbeste wird Buchhalterin, die Fröhlichste bekommt vier Kinder und die Bissigste wird immerhin noch taffe - pardon: toughe - Managerin in einer Werbebude.Hinter welcher von den Dreien steckt die Autorin?Natürlich ist das Leben mit 40 nicht vorbei. Aus Mädchenromanen werden Frauenromane. Jetzt hat man das alles - Haus, Mann und den Rest der Träume. Manchmal gibt's einen blauen Brief und dumme Auskünfte vom Arbeitsvermittler. Manchmal flattern auch noch Schmetterlinge im Bauch, wie es Sibylle passiert, die sich in einen jungen flotten Fotografen verliebt. Während es bei Petra, die ihren Job verloren hat, mächtig zu kriseln scheint und bei Kerstin alles irgendwie in Butter ist, nur ein bisschen chaotisch wegen der Kinder.
Die Damen im besten Alter erzählen die Geschichte jeweils aus ihrer Sicht. Jede ist mal dran, ein bisschen über die anderen herzuziehen, aus der Jugend und dem eigenen Alltag zu plaudern. So entfaltet sich so langsam eine Geschichte, die - wenn noch dazu Schnee läge - die ideale Vorlage für eine ORF-Weihnachtsromanze wäre. Denn die wichtigste Grundregel für einen Frauenroman lautet: Am Ende wird alles gut und das letzte Kapitel kommt mit Konfetti, Sekt und Kerzen auf der Torte. Kommt es auch.Vorher geht vieles drüber und drunter, bekommt der schöne Florian eine Bratpfanne über den Kopf (weil Sibylle vergessen hat, ihren Freundinnen die Sache mit Florian zu verraten), Helmut verlässt wütend das gemeinsame Heim (weil ihm Kerstin einen zwei Jahre alten Seitensprung nicht verraten hat) und Manfred treibt sich mit der Nachbarin herum (was die drei Freundinnen dazu animiert, ihm detektivisch nachzuspionieren). man sieht die Szenen richtig vor sich - das Wiener Café, die verkleideten Ladys im Auto, der bratpfannengeschädigte Herr Florian auf dem Kanapee, die dramatischen Szenen, als Sibylle den Artikel in der Zeitschrift liest, die ihren Florian beim Knutschen mit einer blonden Schönheitskönigin zeigt ...
Man sieht: Die Märchen aus dem französischen Feenland sind alle noch lebendig. Nur die Prinzen sind irgendwann füllig und bärtig und leider, leider treu geworden. Das Leben ist nicht mehr aufregend, nicht mehr rosarot oder golden. Was nun? Was anfangen damit? - Um den 40. Geburtstag von Petra verknotet sich das alles ein wenig, gerät etliches durcheinander. Aber am Ende gibt es - wie im Märchen - drei Überraschungen.Man hätte sich das Buch also auch hübsch eingewickelt vorstellen können in Rosa oder Hellblau wie die Romane von Hera Lind. Kann ja noch nachgeholt werden. Vorstellbar wären auch schöne Werbefotos von exquisiten Kleidungsstücken, einem frisch rasierten Damenbein oder einer zufriedenen Genießerin im Wellness-Hotel. Kommt alles drin vor. Auch die Pizza, die es auf den Umschlag geschafft hat. Aber an der Stelle vermisst man irgendwie doch Meg Ryan, so wie in "Harry und Sally", völlig überdreht und durch den Wind und dann flennend am Telefon.

Aber auch das kann ja noch kommen. Die wirklich guten Geschichten beginnen ja - frei nach Tucholsky - immer erst nach dem Abspann. Wenn man weiß, wer für die Beleuchtung zuständig war, die belegten Brötchen und den Stunt mit der Sahnetorte (kommt auch drin vor). Das Typische für Frauen- und Mädchenromane ist: Sie hören mit den vielen Taschentüchern beim Happyend auf. Irgendwie wollen Mädchen wohl wirklich nur das Eine: Dass alles, alles gut wird.

Und was sagt Theobald Tiger dazu? - "Na, un denn –?"

 

 

 

 

Hinterzimmerei von Vera Luchten

Ralf Julke

17.07.2012
Hinterzimmerei

Hinterzimmerei.
Das Buch hätte auch schön in blutrot eingewickelt sein können, in piratenorange oder hellblau. Mit einem Äskulapstab drauf oder einem Stethoskop, denn „Hinterzimmerei“ ist nur auf den ersten Blick ein Roman. Auf den zweiten ist es eine Pathologie der Parteienklüngelei. Nicht der ganzen. Aber auch wenn die großen Volksparteien ausgenommen scheinen, wird ihnen das, was Vera Luchten hier schildert, so fremd nicht sein.

Ort der Handlung ist ein fiktives Städtchen irgendwo im Westen der Republik. Der Hans im Glück, der sich hier in der Politik versucht, heißt Heiner van der Velden, Dozent an der örtlichen Universität, Theologe und Suchender. Das passiert. Wer Ansprüche an sich und seine Welt hat, der möchte sich einbringen. Erfahrungen in einer Bürgervereinigung hat er schon gesammelt. Jetzt will er in die Politik, liest sich vorher genau die Parteiprogramme durch. Macht ja auch nicht jeder. Und dann stellt er den Mitgliedsantrag bei einer jener kleinen Parteien, die gern den Sprung in die Stadtparlamente, Land- und Bundestage schaffen wollen. Im Buch heißt sie schlicht die Partei.

Und Heiner kommt, wie es aussieht, gerade recht, der kleinen Truppe den Weg in den Stadtrat zu bahnen. Er wird gewählt. Und damit beginnt das Drama. Denn das war so nicht geplant. Jedenfalls nicht von dem kleinen Häuflein, das ihn eben noch in einem verlorenen Hinterzimmer einer Gaststätte aufgenommen hatte und so stolz war darauf, dass er sich in die Arbeit stürzte, Wahlprogramme schrieb und dem Häuflein ein Gesicht gab. Dass er nun Anspruch erhebt auf sein Mandat und nicht einfach zurücktritt davon, sogar den Fraktionsvorsitz beansprucht für sich, kommt bei den anderen gar nicht gut an - deren Vorgeschichte er erst im Laufe der Zeit erfährt.

 

Es ist wohl kein Zufall, dass manche vagen Spuren in dieser Geschichte auf eine eher linke Partei hindeuten. Bis hin zu den seltsamen Akteuren, die den Kreisverband des fiktiven Städtchens Oberhausen bestimmen - etliche davon mit ostdeutscher Herkunft, was zumindest eine eigenartige Gemengelage ergibt. Denn was machen diese Gestalten im fernen Westen, wenn sie dort doch nur von ALG II und 400-Euro-Jobs leben? So recht astrein ist gerade die Herkunft der Spitzenkandidatin, die dann auch noch das Mandat für den Bundestag erobert, wohl nicht.Am Ende wird Heiner natürlich ausgebootet - nach Strich und Faden und nach allen Regeln der Kunst und der Strippenzieherei. Da kann er noch so fleißig sein, so gut kommunizieren, wie es ihm gegeben ist, Freunde um sich sammeln und öffentliche Sympathien gewinnen. Es nützt ihm nichts.
Für den Leser ist es ein Lehrbuch. Und mancher wird sich beim Lesen schon der ersten Seiten sagen: Warum tut er sich das an? Warum bleibt er bei diesem Haufen von Leuten, die weder etwas tun noch etwas ändern wollen? Denen auch der tatenfreudige Heiner egal ist. Mancher wird auch beim Lesen nicken und sich bestätigt fühlen: Hier liest er Gründe genug, warum es gut war, in keine Partei einzutreten.Ob das, was Heiner erlebt, nur auf linke Parteien zutrifft, darf bezweifelt werden. Parteien sind keine Freundeskreise, sondern Machtmaschinen. Diese Ernüchterung kehrt schnell ein. Samt der Frage: Ist es in anderen Parteien andernorts anders? - Wohl nicht. Vielleicht nicht so grell, so böse und dumm, wie hier geschildert. Es sind nicht immer nur die Macht- und Postengierigen, die es in Parteien treibt. Manche wollen tatsächlich Dinge verändern und der Welt im Großen und Ganzen etwas Gutes tun.

 

Doch die Wenigsten sind selbstlos. Auch nicht in der Politik. Diese Geschichte hier ließe sich auch in blau, schwarz, grün oder gelb schreiben. Es wird geklüngelt und gemobbt. Und es liest sich über weite Strecken wie tatsächlich erlebt. Schreibt hier eine, die so etwas hinter sich hat? - Kann wohl sein. Sie ist nah dran. Die Wut knistert noch zwischen den Seiten. Was für einen Roman nicht gut ist, wie man seit Flaubert weiß. Es verwandelt die Autorin nicht in ihren Helden. "Madama Bovary, c'est moi." Das ist die große schwere Arbeit, die aus der beispielhaften Geschichte einen mitreißenden Thriller machen könnte.Das ist schwer. Gerade, wenn man sich mit den Feinheiten des deutschen Parteienrechts und all den Paragraphen beschäftigt, mit denen Leute in diesem Land Karriere und Politik machen. All den Dingen, mit denen sich auch Heiner eingehend befasst - bis er ganz am Ende begreift, dass er dagegen keine Chance hat, dass all die Paragraphen nur jenen nützen, die Politik als Netzwerkerei und Postengeschacher verstehen. Und dass es natürlich all jene wie magisch in die Politik zieht, die genau so denken - in Kategorien der Macht. Das macht auch den Parteien, wie sie sind, das Arbeiten schwer. Selbst das so wichtige Suchen nach Kompromissen. Denn kaum sind sie gefunden, bildet sich mit lautem Getöse am Ende der Abgeordnetenbank ein neuer Arbeitskreis, stellt alles in Frage und macht einen Lärm, dass das ganze Land glaubt: Jetzt haben sich die Mehrheitsverhältnisse wieder völlig umgekehrt.
 Hinterzimmerei
Vera Luchten, Einbuch Verlag 2012, 14,90 Euro
Als hätte nicht schon Jonathan Swift darüber geschrieben. Aber Liliput ist überall. Oder war's Brobdingnag? - Egal. Die Geschichte handelt zwar irgendwo nahe der westlichen Grenze, wurde von einer Schwäbin aufgeschrieben, könnte aber auch von einer Berlinerin über einen Wahlverein in Meck-Pomm geschrieben sein.Und was bleibt nach dieser dicken Dosis Ernüchterung über Politik im Einzelnen und Lilafarbenen? - Vielleicht der Trost, dass Politiker nicht anders sind als andere Menschen. Und das Wissen, dass man ein dickes Fell und gute Netzwerke braucht, wenn man in menschlichen Entscheidungsgremien auch nur das Geringste erreichen will.

 

 

 

 

 

Ich koche nie für zwei. Oder: James Cooks kleines Studinudelkochbuch

Ralf Julke
30.07.2011
Jamestitel

Kleines Studinudelkochbuch.
Wenn in Leipzig ein neuer Verlag seine Arbeit aufnimmt, kommt nicht der OBM mit dem Spaten vorbei. Denn für gewöhnlich braucht ein Verleger keine neue Werkhalle oder ein modernes Logistikzentrum in einem neu erschlossenen Gewerbegebiet. Ihm genügt meist eine geräumige Wohnung mitten in der Stadt, ein ordentlicher Computer und - naja - eine kleine Küche wäre auch nicht schlecht. Zum Nudelkochen auf die Piratenart.
Der Einbuch Buch- und Literaturverlag Leipzig ging im Februar mit seinen ersten Büchern an den Start. Darunter ein schmales Buch, das möglicherweise einigen jungen Leuten helfen könnte, von Fast Food loszukommen und sich an das Ungetüm zu wagen, das in der Küche neben der Spüle steht - den Herd. Da kann man Töpfe draufstellen und Wasser drin kochen lassen. Und dann? Wie bekommt man dann ohne Katastrophe und großen Zeitaufwand leckere Nudelgerichte zustande?Mancher macht dann die Entdeckung, dass ihn ein gewöhnliches Kochbuch zum Grübeln bringt. Wann sind Nudeln bissfest? Was ist genug Salz im Wasser? Wann schüttet man die Nudeln rein? Und wie bekommt man sie wieder raus, ohne dass sie matschen oder verkleben?Nahrungszubereitung ist - wenn man das noch nie getan hat - eine kleine Kunst. Muss aber keine Wissenschaft sein. Manchmal fehlt nur ein Bursche wie James Cook, der in diesem Studinudelkochbuch das macht, was man sich von Kochbuchschreibern manchmal wünscht: Er erzählt wirklich locker und hübsch der Reihe nach, wie das funktioniert mit dem Topf, dem Wasser, den Nudeln und dem Herd. Für ganz gewöhnliche Menschen, die das noch nie gemacht haben. Eins nach dem anderen, so, wie er es selbst macht. Schön hemdsärmelig. Ist ja seine Küche. Hier kann er das alles so machen, wie es ihm gefällt. Nur mit dem Aufräumen hat er es nicht so.
James Cook ist natürlich ein Pseudonym. In einem kleinen Beileger ("Die James Cook Short-Story") erzählt der Nudelkoch die Geschichte hinter dem Namen, verrät, dass er eigentlich aus einem Dorf nahe Chemnitz kommt, eigentlich Karl-Marx-Stadt, so hieß die Stadt noch, als er jünger war und Ärger mit der Polizei bekam, weil er schon damals herumstreunte als Beschatter. Heute hat er schon ein paar graue Haare, erzählt, dass er arbeitslos ist und allein wohnt und immer noch Leute beschattet. Am liebsten junge Frauen. Ein Großstadtpirat, der erfahren will, was passiert - dass die jungen Mädchen dann auf Wiesen landen und mit richtigen Männern herumknutschen, ist - so findet er - eigentlich keine Geschichte.
Verständlich, dass er da keine kleine Köchin zu Hause hat, die ihm die Tagliatelle arrabiata, die Spaghetti Milano oder das Chili con Carne zaubert. Aber wer allein lebt, lernt das irgendwann alles selbst zu machen. Und wenn man den Dreh erst mal raus hat, dann ist das alles ganz einfach. Dann kann es jeden Tag Nudeln geben. Mit immer neuen Zutaten, Soßen, oder gar überbacken mit Spinat und Schinkensahne.Und damit man nicht vergisst, dass hier ein Seemann beim Kochen ist, gibt es Salz und Pfeffer nicht als Prise (denn das ist ja bekanntlich unter Piraten eine geraubte Schiffsladung), sondern als Brise.
"Ich koche nie für zwei", erklärt der Nudelkoch zwar bei jedem Rezept. Eben weil er James Cook ist. Aber die Rezepte gibt's trotzdem für zwei. Es ist schon vorstellbar, dass das Ausprobieren der hier versammelten zehn, elf Nudelrezepte so manchem jungen Großstadtpiraten hilft, eine begeisterte Seemannsbraut zu finden. Denn eigentlich mögen ja junge Frauen auch Seemänner, die was Leckeres kochen können. Vielleicht erwarten sie dann nur noch das kleine Bisschen mehr, was der selbsternannte Beschatter James Cook nicht so mag: dass der Koch hinterher auch noch abwäscht, aufräumt und die Herdplatte wieder sauber macht.Dann macht das Nudelkochen am nächsten Tag nämlich auch wieder Spaß. www.einbuch-verlag.de"James Cooks kleines Studinudelkochbuch", Einbuch Verlag, Leipzig 2011, 8,88 Euro

Strandtrift von Jo Hilmsen

Sieben rabenschwarze Geschichten von Jo Hilmsen: Strandtrift

Ralf Julke
24.10.2011
Strandtriftneu

Strandtrift.
Jo Hilmsen, 1966 in Altenburg geboren, lebt in Leipzig und legt mit "Strandtrift" sein Baby vor. Das ist - auch wenn der deutsche Buchmarkt jedes Jahr über 90.000 neue Titel ausspuckt - nicht wirklich einfach. Die Texte so veröffentlichen, wie sie der Computer ausdruckt, das kann jeder. Aber schon die Suche nach einem Lektor und einem Verlag ist ein Abenteuer geworden.
Viele Verlage haben ihre Lektorate abgeschafft, verkleinert oder ganz ausgelagert. Klingt nach irgendeiner technischen Serviceabteilung - aber das sind im Grunde die Leute, die den Autoren die Texte renovieren, manchmal auch sanieren, mindestens aber korrigieren und sortieren. Denn das Meiste, was sich Leute mit Berufung am PC so ausdenken, ist erst einmal nur für sie selbst zwingend genial. Auch das Herumreichen der Texte im Freundeskreis hilft in der Regel nicht. Wer da als Freund oder Freundin seine wirkliche Meinung äußert, riskiert eine Feindschaft fürs Leben. Selbstgeschriebene Texte sind eben Babys. Und Autoren in Deutschland sind an der Stelle besonders verletzlich. Sie glauben sogar, der Beruf eines Schriftstellers sei so etwas wie eine Priesterweihe und sie selbst auserwählt.Das macht das schlechte Beispiel, das deutsche Gymnasiallehrer aus dem Geniekult des 18. Jahrhunderts gemacht haben. Das macht auch das gloriose Freundesdenkmal von Schiller und Goethe (mit Lorbeerkranz in der Hand) vorm Nationaltheater in Weimar. Und deutsche Lehrbücher sind immer noch vollgestopft mit dem Unfug, den sich Literaturprofessoren vor 150 Jahren ausgedacht haben - unterschwellig klingen da Worte wie Sendungsbewusstsein und Botschaft mit. "Was will der Dichter uns damit sagen?", fragt so mancher Deutschlehrer noch heute und wundert sich nicht, dass nicht die ganze Klasse entsetzt den Schulraum verlässt.Auch Jo Hilmsen leidet ein wenig unter der Krankheit. Davon handelt die letzte seiner hier versammelten sieben Geschichten. Da sitzt der Ich-Erzähler in einem Obdachlosenasyl und begegnet Whiterabbit, einem jungen Burschen, der noch nicht - wie die anderen - nach Alkohol, ungewaschenen Klamotten und Pisse riecht, und der ihn mitnimmt auf eine phantasievolle Erweckungstour, bei der es um den Umgang mit der eigenen Phantasie und den Zugang zu den eigenen Erzählgründen geht. Es ist - naja - eine typische Autorengeschichte.Vielleicht hätte Heike Prassel, die Jo Hilmsen bei Romansuche.de als Lektorin betreut hat, ihm besser raten sollen, die Geschichte wegzulassen. Eigentlich ist er längst weiter. Seine Geschichten holt sich der studierte Reha-Pädagoge aus dem realen Leben. Oder aus dem, was viele Menschen heute als reales Leben erleben.
Es sind kleine Einsamkeiten. Anti-Höllen, wenn man die Definition von Jean-Paul Sarte nimmt: "Die Hölle sind immer die anderen." Vielleicht meint er auch das Selbe: Die Verunsicherung des modernen Menschen in den kleinen Einsamkeiten, die er sich geschaffen hat. Leibniz hätte wohl von Monaden gesprochen - und wäre heute wohl ein gefragter Fernseh-Philosoph. Die moderne Welt der Jagd nach Geld, Erfolg und Anerkennung macht ihre Jäger einsam. Und sie macht alle zum Jäger. Und jedes Gebiet des Lebens zum Jagdgrund.
So wie es Friedrich-Leander in "Die Geschichte vom traurigen Sonntag" erlebt, der auf der Flucht vor einer Krise in seiner Partnerschaft irgendwo bei Marburg strandet, weil sein alter Mercedes den Geist aufgibt. Nach Marburg ist er geflüchtet, weil er auf einmal den Einfall hatte, seine große Jugendliebe aufzusuchen. Kommt ja vor, wenn einen die Freundin immer wieder mit der "Verflossenen" triezt. Dass Friedrich-Leander dabei endlich auf die Spur einiger finsterer Vorgänge aus der Zeit seiner Jugendliebe kommt, gibt der Geschichte einen Kick, der sie nicht nur auf ein anderes Gleis befördert, sondern den Sonntag auch sehr überraschend anders enden lässt.
In tiefe seelische Abgründe steigt auch die Geschichte "Wunder geschehen". Hier hat ein 39-Jähriger mit der Trauer um seine Frau zu kämpfen, die seit zehn Jahren in der Psychiatrie betreut wird, weil sie nach dem Tod der gemeinsamen Tochter in Amnesie verfiel. Dass das Erwachen aus dem Vergessen nicht unbedingt die Lösung aller Verwirrungen ist, muss Georg Kampen am Ende dieser Geschichte ebenfalls erfahren.Was Hilmsens Geschichten davor rettet, in den Abgründen des so beliebten inneren Monologs zu versinken, ist seine Fähigkeit, für ganze Szenen aus dem inneren Kämmerlein herauszutreten und auf Distanz zu gehen zu seiner Figur. In "Wunder geschehen" sind es einfühlsame und lebendige Szenen mit seiner neuen Liebe Clarissa, die den Helden aus seiner Grübelei herausreißen. Dass er in neue Abgründe stürzt, als ihm seltsamerweise mitten im schönsten Griechenland-Urlaub mitgeteilt wird, seine Frau sei geheilt aus der Klinik entlassen, ist - aus der ernsthaften deutschen Sicht auf die Unausweichlichkeit aller Verhängnisse - ansatzweise zu verstehen.Vielleicht stimmt diese fast manische Erzählstringenz mit unserer Haltung zum Leben überein. Vielleicht passt der innere Monolog, den deutsche Groß-Autoren bis zum Exzess getrieben haben, einfach wie die Faust aufs Auge zur deutschen Grübelei. Die Dispute führen wir alle im Kopf. So geht es ja auch "Horst im Glück", einem besessenen Sammler, dessen Wohnung längst mit Gerümpel, das er aufhebenswert fand, vollgestopft ist. Sein Spaziergang führt ihn fast automatisch auf die Müllhalde der Stadt - und der Verlust der dort gefundenen Flaschen mit essigsaurem Wein wird für ihn zur gedanklichen Lebenskatastrophe.Und auch der Erzähler aus "Strandtrift" gehört nicht unbedingt zu den geselligen Zeitgenossen. Der Fund eines verlassenen Liebesnestes in den Dünen und das Lesen dort gefundener E-Mail-Ausdrucke werden für ihn zur Aneignung einer völlig fremden Geschichte und zum Beginn des Wartens auf eine völlig fremde Frau.
Selbst ein Skatturnier ("Das Turnier") wird für den jungen Helden zu einer seltsamen Erfahrung - auch wenn er hier nur in die schrullige Gesellschaft Altenburger Skatbrüder gerät, in der ein kleiner Streit über ein paar Skatregeln zu einer Auseinandersetzung mit Unterstellungen und Handgreiflichkeiten eskaliert. Aber auch das erscheint dem Leser wie der Besuch in einer völlig in sich geschlossenen Monade - da köcheln die Vorurteile, Aversionen und Nickligkeiten vor sich hin, der Neue gerät in eine Welt, in der die Regeln eingeschliffen und die Rollen für immer und ewig verteilt sind.Der Leser bekommt also durchaus sieben erstaunliche Geschichten aus der modernen Welt der Monaden. Auch die Geschichte der zum Küssen unfähigen Helen ist ja eine. Und dass sie sich am Ende liest wie ein moderner Kriminalroman aus Deutschland oder Schweden, lässt zumindest vermuten, dass sich der moderne Kriminalroman tatsächlich sehr intensiv mit der Monadisierung des Menschen in der heutigen Welt beschäftigt. Dass Helens Vater ein echter deutscher Besserwisser war, der auch noch glaubte, ein guter Zuchtmeister zu sein, gehört dazu: Die Welt des Kriminellen beginnt ja nicht irgendwo am jenseitigen Ufer, wo die Immer-schon-Kriminellen leben. Sie beginnt in den kleinen Folterkammern, die manchmal als Familie erscheinen.Der Einbuch-Verlag, der Jo Hilmsen in sein junges Programm aufgenommen hat, hätte das Buch auch ganz unsentimental in Schwarz einbinden können - einen roten Blutstropfen aufs Cover und vielleicht mit einem Titel der Art "Sieben rabenschwarze Geschichten." Auch wenn nicht alle rabenschwarz enden - aber auch die Geschichten, die es nicht tun, haben die Anlage dazu.Jo Hilmsen "Strandtrift", Einbuch Buch- und Literaturverlag, Leipzig 2011, 12,90 Euro

Kumpane Räuber und Genossin von Norbert F. Schaaf

Kumpane, Räuber & Genossin: Ein turbulenter Roman über einen turbulenten Herbst

Ralf Julke
15.08.2011
Kumpane

Kumpane, Räuber & Genossin.
Die Mauer mal beiseite. Trotz aller Jubiläums-Titelblatt-Serien dieser Tage. Auch wenn noch Reste des Ungetüms da und dort herumstehen - die politische Teilung Deutschlands ist seit 21 Jahren Geschichte. Und zwar tiefste Geschichte. Man wird sich dessen erst wirklich bewusst, wenn man so ein Buch liest, wie es Norbert F. Schaaf geschrieben hat - über die Kumpane, Räuber & Genossen anno 1989.
Eigentlich hätte er's nicht schreiben dürfen. Das verbietet der neudeutsche Anstand. Jedenfalls nicht so, nicht wie üblich von oben herab, wie man das eigentlich erwartet von einem "Wessi". Um einmal diese Formulierung aus dem Hinterzimmer des Boulevards zu verwenden (die vor 1989 eigentlich niemand verwendet hat - da hatte man noch Achtung voreinander - oder Mitleid für die "Brüder und Schwestern"). Dann kam der Rausch auf der Mauer. Und dann kamen die Brüder und Schwestern und wollten auf einmal die gleichen Rechte und Freiheiten. Das ist bis heute nicht verwunden. Wie denn auch? Man war ja nur in Schwaben fleißig und gescheit. In Preußen hat man sich die Mauer andrehen lassen. Das gehört bis in alle Ewigkeit mit Verachtung gestraft.Zumindest wird man das Gefühl nicht los, wenn den in Uckermark, Altmark und Lausitz Lebenden 20 Jahre lang in immer neuer Litanei erzählt wird, wie die Sicht auf die Dinge richtig ist.Man kann's nicht mehr lesen.Und ist erstaunt, dass ein alter Bundeswehrsoldat es schafft, in eine Rolle zu schlüpfen, die man ihm nicht zutraut. Norbert F. Schaaf wurde in Bad Neuenahr geboren. Das ist im Rheinland, südlich von Bonn. Bei der Bundeswehr war er Soldat mit "NATO-Certificate", war also bei mindestens einem Auslandseinsatz dabei, wenn man das so recht versteht als Zivilist. Dann war er EDV-Operator, Bankkassierer und Zugführer - ein ziviler wahrscheinlich. Er macht seine Biographie ein wenig zum Kreuzworträtsel. Heute lebt er in Koblenz. Also immer noch am Rhein.
Bei epubli hat er kürzlich ein weiteres Buch herausgebracht: "Afghanistan Horsegirl". Das hier ist sein erstes. Der Leipziger Einbuch-Verlag hat es staunend übernommen, denn darin schreibt Schaaf nicht über Afghanistan und auch nicht über das Rheinland, sondern über die DDR. Über deren letztes Stündchen. Er schlüpft in fremde Rollen: in die von ein paar Ost-Berlinern, die den Herbst 1989 erleben am eigenen Leib.Natürlich stimmt es da und dort nicht ganz. Das kann auch einem Ostberliner Autoren so gehen. Wie war denn das Wetter genau am 9. Oktober und am 9. November? War's kalt, hat's geregnet? Auch bei anderen Details kann man sich irren: Wurde Margot Honeckers Geburtstag in Berliner Schulen mitten in den Ferien mit einer FDJ-Feierstunde begangen? Wahrscheinlich nicht. Aber es passt so schön. Wie soll man sonst diesen ganzen FDJ-Kostüm-Karneval szenisch ins Bild setzen? Vor allem, wenn man ihn nicht selbst erlebt hat?Aber Schaaf hat sich beschäftigt mit dem Thema. Man merkt, dass es ihn fasziniert hat. Gerade, weil es längst Geschichte ist. Da darf man anfangen, die Vorgänge und ihre stupiden Helden mal nicht mehr so ernst zu nehmen. Sondern anzuverwandeln. Auch den "Ossi" als fremdes Wesen, das er nicht ist. Was zumindest die Eingereisten wissen, die sich nicht an Bayern- und Schwabenstammtischen einigeln, sondern raus trauen. Unter das Volk, das unleidige. Das, das schon bei Schiller vorkommt. Im Wilhelm Tell zum Beispiel. Selbst der Spruch ist bei den Klassikern geklaut: "Wir sind ein Volk." Nämlich ein einig' Volk von Brüdern. Die Schweizer haben das längst begriffen. Die Deutschen noch lange nicht.Den Satz "Wir sind das Volk" findet man bei Schiller noch nicht. Nur so was Ähnliches in seinem rebellischen Jugenddrama "Die Räuber". Deswegen ist dieses Stück seit 230 Jahren so beliebt: Es changiert zwischen der Verzweiflung des Vogelfreien und der Sehnsucht nach geordneten Verhältnissen. Die der Moor natürlich nicht wiederherstellen kann, nachdem er seine Geliebte umgebracht wird.
Schaaf lässt seine Buchhelden "Die Räuber" spielen - mitten in diesem Herbst 1989 in Ost-Berlin. Damit beginnt das Buch: Mit einer bejubelten Premiere in einem alten Saal. Solche Stücke gab es im Herbst 1989: Man mischte die laufenden Ereignisse munter in die gespielten Klassiker - und brachte ein begeistertes Publikum zu stehenden Ovationen. In Leipzig genauso erlebt wie am Deutschen Theater in Berlin. Eine Zeit, in der alles möglich schien. In der sich die alten Dunkelmänner aber auch noch herumtrieben. So recht klar war ja anfangs nicht, ob die Alten das Machtruder nicht doch wieder an sich reißen würden. Leute, die dafür agitierten und weiterhin auf ihren Posten waren, gab es genug. Einige von denen sind heute noch und wieder in Amt und Unwürden. Aber darüber will Schaaf in einem weiteren Buch schreiben.In diesem hier endet alles, wie es 1989 auch endete: Das sozialistische Damenkränzchen, das in Vandalitz seinen esoterischen Spielzirkel betrieben hatte (und das den Mord an einer bizarren jungen Schönen auf dem Gewissen hat), zählt seine Devisen und wartet auf den besten aller Rechtsanwälte und Oberst a.D., um die weitere Geldanlage zu klären, in Michaelas Leben ist eine irdischere Liebe eingekehrt, nachdem sie fast dem kriminellen Herrn Klozcowski in die Fänge geraten war (den die Ermittlungsbehörden - es gab auch damals zwei - als Herrn Poniatowski kennen - die Namen, die Schaaf sich ausgesucht hat, sind sprechend). Und die drei Jungen, die ganz unverhofft den Klassiker ihres Lebens spielten, sehen völlig neue Möglichkeiten vor sich ... Die Welt ist offen. Was macht man draus?Dabei hat Schaaf ein Händchen bewiesen für die Vielzahl von Verkettungen und Verbandelungen, die zwischen seinen Helden bestehen - die Guten sind mit den Bösen auf diffizilste Weise verwandt, der tägliche Alltag (vom "Hamwanich" bis zum Wäschewaschen und Zimmeruntervermieten) ist eng verwoben mit dem, was man so politisches Leben nennen kann. Noch sitzen Geheimdienstler, Polizisten und Funktionäre auf ihren Posten - aber natürlich wird trotzdem demonstriert und diskutiert und gelebt.Schaaf baut keine stringente Handlung, sondern blendet vom Spätherbst zurück auf die Ereignisse davor, schaut seinen Figuren über die Schulter bei dem, was sie tun. Das Kränzchen der abenteuersüchtigen Genossinnen könnte beinah aus einer Geschichte von Ilf und Petrow stammen. Der raubeinige Erdmann Jansen ist eher ein Held aus dem Brecht-Opus. Auch das passt. Denn über diesen Osten und sein herbstliches Ende gibt es viele Geschichten, nicht nur eine. Viele Sichtweisen. Die euphorischen und die pompösen, die trockenen und die aufgeschäumten. Alle sind gültig. Alle zusammen ergeben erst das, was man Geschichte nennen kann. Und es darf sich durchaus gestritten werden über das Genre dieses Herbstes: Tragödie? Komödie? Farce? - Das beliebteste Stück dieses Herbstes war Christoph Heins "Die Ritter der Tafelrunde". Das zitiert Schaaf. Genauso wie er einen deutlichen Hinweis auf seinen geliebten Brecht gibt. Und bei Schiller bedankt er sich herzlich für "Die Räuber".Es ist trotzdem kein leichtes Lesen, denn Schaaf will viel und dicht erzählen. Er hat auch seinen Thomas Mann auswendigst gelesen. Bis in die überbordenden Sätze hinein. Das schafft Spielraum. Die Bilder und Vergleiche purzeln nur so. Sein Deutschlehrer wird seine Freude haben. Nur: Zum Schnelllesen eignet sich das nicht. Eher zum Vorlesen. Da haben die Zuhörer ihren Spaß an den Worten, die Schaaf in die Sätze packt. Worte aus so ungefähr 300 Jahren deutscher Erzähltradition, von Schiller bis Brecht. Mit Satzkonstruktionen, bei denen noch heute Deutschlehrer sanftest erröten: "Es hatten sich noch über Erdmann Jansens Erwartungen hinaus nicht nur die Seelen der jungen Menschen an Schiller Pathos entzündet."
Jeder Satz ein Juchzer. Etwas mehr Brecht, etwas weniger Mann wäre vielleicht nicht schlecht. Denn eigentlich ist die Handlung eine flotte. Der Leser fällt nur immer wieder in Verwirrung, weil ganz ohne Vorwarnung die Szenerien wechseln und die Zeiten. Das sortiert sich nicht leicht. Auch wenn man sich darüber freut, wie hier einer in Rollen schlüpft, die ihm geografisch eigentlich fern sind. Er schafft es besser als so mancher, der in den letzten Jahren das Volk mit einem "Wende-Roman" erschlug. Und er gibt diesem auswirbelnden Land eine Farbe, die passt. Eben nicht: Knast. Nicht Mauer. Es ist ein bisschen wie das NÖP-Russland von Ilf und Petrow, ein bisschen Bauernroman, ein bisschen Operette, auch ein bisschen Courths-Mahler, denn das war die DDR in ihrer Biederkeit ja auch.Die Mischung macht's, darf man als Bilanz feststellen. Deswegen hieß die beliebteste Kaffeesorte der DDR auch "Melange". Und die beliebteste Pralinenauswahl: "Bunte Mischung". Wer an den Bewohnern dieses Landes hinter der Mauer immer nur eine Farbe (am beliebtesten: Grau) finden will, der findet nichts. Der findet auch nicht das Land und das Völkchen, das seine alten Besserwisser 1989 aus den Ämtern demonstrierte.Schaaf hat es geschafft, die Farbpalette auszureizen. Manchmal geradezu überschwänglich. Ein paar Kapitelunterteilungen wären wirklich nicht schlecht - mit Datum, Ort und Uhrzeit. Würde passen zu diesem unübersichtlichem Herbst, nach dem auf einmal alle Sieger waren. Nur wo die Genossin und ihre Kumpane geblieben sind, will keiner gesehen haben. www.einbuch-verlag.de Norbert F. Schaaf "Kumpane, Räuber & Genossin". Einbuch Buch- und Literaturverlag, Leipzig 2011, 14,90 Euro

Mondfahrt von Patrick Zschocher

Ein Roman mit Endzeit, Liebe und ganz unterschiedlichen Sichten: Patrick Zschochers "Mondfahrt"

Ralf Julke
29.09.2011
Titel

Mondfahrt.
Es war das erste Buch, das Patrick Zschocher 2009 in seinem Verlag veröffentlichte. Fast unbemerkt. Das ist das Problem junger Verlage: Sie haben kaum Chancen, vom deutschen Feuilleton auch nur für ein Momentchen Aufmerksamkeit zu gewinnen. Und für Patrick Zschocher der nächste Knackpunkt: Er ist selbst Autor des Buches.
So weit, so einfach. Das ist so ungefähr die Daseinsbeschreibung von 90 Prozent dessen, was auf dem deutschen Belletristikmarkt geschieht. In der Fülle verliert sich dann auch oft genug Manches, was einen größeren Leserkreis verdient hätte. Auch Zschochers Roman gehört dazu. Er beginnt mit einem Knall: Auf einer Raststätte in der Lüneburger Heide fliegt ein Auto in die Luft. Auf dem Auto ist die Flugzeugkanzel eines alten englischen Düsenjägers montiert. Mit der Kapsel wollten die Protagonisten des Buches eigentlich zum Mond fliegen. Sie waren gerade auf dem Weg Richtung Kasachstan, um sich dort von den Russen in den Kosmos schießen zu lassen, hatten dazu extra Kontakt aufgenommen zu ein paar seltsamen ehemaligen russischen Offizieren. Die Mixtur für einen guten Thriller ist also da.Und während einer der ambitionierten Mondfahrer mit Kapsel und Landrover augenscheinlich einfach in die Luft fliegt, flüchten seine drei jungen Begleiter zurück nach Hamburg, wo sich dann in einer stimmigen Rückblende die Vorgeschichte der Explosion aufdröselt. Sie hat mit Verletzungen zu tun und dem Gefühl, das den jungen Großstädter Jens am Einschlafen hindert, im Leben kein rechtes Ziel zu haben. Irgendetwas fehlt. Irgendetwas scheint ihn zu hindern, ein voll erfülltes Leben zu führen. Als er dann mitten in der Nacht durch diverse Selbstmörder-Sites im Internet stöbert, stößt er auf die Nachricht von Greg aus London, der Mitreisende für einen Flug zu Mond sucht.
Dass die Antwort, die Jens ihm schickt, sein Leben schon in den nächsten Tagen gründlich auf den Kopf stellen würde, ahnt er da noch nicht. Er kann es sich auch noch nicht so recht ausmalen, als Greg tatsächlich mit Landrover und Flugzeugkapsel in Hamburg aufkreuzt. Wäre es nur das, die Geschichte könnte tatsächlich in eine recht seltsame Richtung abdriften. Aber manchmal - zumindest in aufregenden Geschichten ist das so - kreuzen sich gerade an solchen Wegmarken die Schicksale mehrerer Menschen ganz zufällig, sie werden einfach mit hineingesogen in die Geschichte, die sich da entspinnt, werden selbst zu wesentlichen Akteuren, wie Jens' alter Schulfreund Karlchen und die kesse rothaarige Verkäuferin aus dem nahen Supermarkt namens Marie, der Jens in seiner Schüchternheit immer nur zugelächelt hat.Dass es trotzdem keine Liebesgeschichte im herkömmlichen Sinne wird, ist durchaus nicht selbstverständlich. Aber dem lässt Zschocher auch gar keinen Raum. Er versucht keine idealen Charaktere zu basteln und die Dinge entwickeln sich durchaus so chaotisch, ungeplant und diffus, wie das im richtigen Leben in der Regel auch der Fall ist. Was tatsächlich geschehen ist, kann man ja in der Regel tatsächlich erst ein Weilchen danach erzählen. Und dann müssen die Versionen der Geschichte noch lange nicht übereinstimmen. Was durchaus selten so auch in geschriebenen Geschichten wiederzufinden ist - Patrick Zschocher nutzt die Chance dennoch, und was sich aus der Perspektive des tief erschütterten Jens durchaus als logische Erzählung dartat, erfährt mit den Versionen, die Karl und Marie beisteuern, mehr als nur eine Korrektur.Und weil der Leser auch noch die Version von Greg erfährt, hat man hier durchaus ein Stück Prosa vor sich, das sich auf recht unterhaltsame Weise mit dem großen Thema der objektiven Erzählweise beschäftigt. Und ihrer Unmöglichkeit.
Erst alle Sichtweisen zusammen zeigen, wie unlogisch so manche logische Erklärung ist. Und wie fragwürdig so manche Deutung, die der Mensch im Zentrum der Ereignisse so für sich trifft. Natürlich ist am Ende das Ganze ein ganzes Stück anders, als nach den ersten Seiten noch zu vermuten war. Und natürlich ist es eine Geschichte für alle, die manchmal am Sinn des irdischen Lebens verzweifeln wollen und davon träumen, mit einem wagemutigen Flug Richtung Mond dem Leben endlich den richtigen "Kick" zu geben.Ob das tatsächlich nötig ist, um ein richtiges, vollwertiges Leben zu haben, darf bezweifelt werden. Aber man versteht schon, dass Jens hier einem Anspruch begegnet, der mittlerweile eine ganze westliche Zivilisation verrückt macht. Eine Zivilisation, die ihre Maßstäbe verliert, weil sie immer maßloser wird. Es ist ist das alte Midas-Problem in neuem Gewand. Und Greg spricht nicht ohne Grund von "Endzeit". Was nicht bedeutet, dass nun gerade Greg derjenige ist, der die richtige Version der Geschichte hat. Auch für forschende Soziologen gilt: Nur wer alle Seiten der Geschichte erzählen kann, erzählt die ganze Geschichte. Wer nur eine und seine erzählt, erzählt ein neues Märchen.Patrick Zschocher "Mondfahrt", Einbuch Verlag, Leipzig 2009, 9,90 Euro. www.einbuch-verlag.de

 

 

ARTIKEL

Verleger-Absage an Amazon: Patrick Zschocher streikt schon seit November

Ralf Julke
19.02.2013
Kleine Verleger wählen imer öfter alternative Vertriebswege.

Kleine Verleger wählen imer öfter alternative Vertriebswege.
Foto: Ralf Julke
Es war eine Absage mit Ansage: Am Freitag, 15. Februar, nach der ARD-Dokumentation über die Arbeitsbedingungen beim Online-Buchhändler Amazon, schrieb der Schweizer Verleger Christopher Schroer einen Brief an Jeff Bezos, den Amazon-Chef: "Heute nehmen wir Abschied, wir kündigen unsere Zulieferer- wie auch Kundenkonten. Mit sofortiger Wirkung. Ohne Wenn und Aber und mit allen Konsequenzen."
Ein Brief, auf den dann am Montag, 18. Februar, die "Zeit" einging. Aber unter Verlegern im deutschsprachigen Raum rumort es schon seit Längerem. Schon im November trat ein Leipziger Verleger in Streik, weil er sich vom Online-Giganten über den Tisch gezogen fühlt. Es ist irgendwie ganz ähnlich wie im Lebensmittelhandel: Wer den großen Supermarkt bespielt, der diktiert die Preise. Nicht nur die für die Kunden, sondern auch die für die Lieferanten und die fürs Personal.In Leipzig trat der Verleger Patrick Zschocher, Inhaber vom EINBUCH Buch- und Literaturverlag Leipzig, in Streik. Er brach mit der Tradition, eigene Bücher über Amazon zu verkaufen. Die erste Autorin aus seinem Haus hat sich ihm bereits angeschlossen. Über die Köpfe der Autoren hinweg kann er ja nicht bestimmen.Mittlerweile ist es fast ein Muss, Bücher über Amazon zu vertreiben. Autoren, deren Werke dort nicht erhältlich sind, werden ignoriert, so scheint es. “Das ist eine Entwicklung, die besorgt machen sollte”, sagt Patrick Zschocher. Der Verleger ist nicht gewillt, die Preispolitik des Online-Riesen zu unterstützen.

 

“Ich stehe voll und ganz hinter der Entscheidung von Herrn Zschocher”, sagt Patricia Appel, Autorin des gerade erschienenen Buches “Die Schotten sind schuld”. “In meinem Fall bekäme der Verlag ca. 1,50 Euro/vor Steuer pro verkauftem Buch, wenn der Advantage-Tarif genutzt wird. Die meisten Leser sind sich nicht darüber im Klaren, wie sich die Listung der Titel bei Amazon auf den Geldbeutel der Verlage und natürlich auch der Autoren auswirkt”, erklärt sie.Deshalb habe sich der EINBUCH Buch- und Literaturverlag Leipzig entschlossen, diesen unfairen Bedingungen den Kampf anzusagen. Künftig gibt es die Bücher der Autoren, die nicht an der Aktion des Verlags teilnehmen, ganz normal auf der Verlagswebseite zu kaufen. Außerdem werden sie in der einfachen Amazon-Version erhältlich sein. Der Unterschied zum Advantage-Tarif beträgt mehrere Euro. Im Falle des Buches “Die Schotten sind schuld” sind das rund 8 Euro, ein deutliches Ergebnis. Also nix da mit "Advantage" - also Vorteil - für den Verleger.
“Selbstverständlich werden unsere Titel von Buchhändlern angefordert, so dass die Bücher auch auf normalem Weg erworben werden können. Bietet ein Buchhändler den gewünschten Titel noch nicht an, können Kunden das Buch trotzdem ganz bequem über ihn bestellen”, erklärt Zschocher.“Wir hoffen, dass viele Autoren und auch andere Verlage unserem Beispiel folgen”, sagt Patricia Appel. “Immerhin ist es nur dann wichtig, irgendwo gelistet zu sein, wenn man es selbst wichtig nimmt”, ergänzt sie abschließend.Der EINBUCH Buch- und Literaturverlag Leipzig ist ein junger Verlag, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, unbekannten Autoren eine Chance zu geben.Und nicht nur Patrick Zschocher sucht verstärkt nach Vertriebswegen jenseits von Amazon. www.einbuch-verlag.de

Der Brief von Christopher Schroer an Jeff Bezos:
  www.chsbooks.de/adieu-amazon/Das Interview mit Christopher Schroer in der "Zeit": www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2013-02/interview-schroer

 

zu … nun MS von Christine Kollmann

„Ich dachte, ich stürze auf die Gleise“ Lesung Christine Kollmann aus Wildau lebt seit 1998 mit multipler Sklerose, nun hat sie darüber geschrieben

WILDAU Das Radio in der Küche murmelt die Verkehrsmeldungen, auf dem Tisch stehen Kaffeetassen – sieht aus wie ein ganz normaler Vormittag in einer Wildauer Familie. Dass die Pinnwand gespickt ist mit Visitenkarten von Physiotherapeuten, Ärzten und mit Verpackungsbeilagen, bekommt erst Bedeutung, als Christine Kollmann das Zimmer betritt. Sie schiebt einen Rollator vor sich her.Die 46-Jährige hat MS, multiple Sklerose. „Meine Immunzellen fressen mich auf“, fasst sie den Verlauf der Krankheit zusammen. Zynisch oder resigniert klingen ihre Worte nicht. Christine Kollmann, genannt Tine, hat akzeptiert, dass sie mit „dem Untermieter“ in ihrem Körper leben muss. Sie kann es. Jüngst ist ihre Autobiografie erschienen, eine Eigentherapie sei das Schreiben gewesen und eine Entschleunigung, denn Stress „nährt nur die Krankheit und schadet mir“.„Tine“ Kollmann ist 33, als die MS bei ihr diagnostiziert wird. Für die Powerfrau, die neben ihrem Job als Sozialarbeiterin beim Jugendamt in Berlin-Prenzlauer Berg Mutter von Zwillingen ist und ein Häuschen in Zeuthen einrichtet, ist der Befund ein Schlag ins Gesicht. Bis sich der Verdacht der Ärzte bestätigt, vergeht gerade mal eine Woche, „dadurch hatte ich keine Zeit, nachzudenken“. Eines Nachmittags war Christine Kollmann auf dem S-Bahnsteig in Zeuthen schwindlig geworden, „ich dachte, ich stürze auf die Gleise“. Sie berappelte sich und verdrängte den Zwischenfall – bis zum Tag, da sie mit „einem milchigweißen Punkt auf dem Auge, der sich nicht wegwischen ließ“, aufwachte. Die Augenärztin überwies sie sofort an den Neurologen nach Teupitz.„Erst war ich todtraurig, dann bockig“, erinnert sich die gebürtige Mecklenburgerin an die ersten Wochen mit der Gewissheit, dass sie MS hat, eine Krankheit, die Tine Kollmann bis dato nur „vom Namen her“ kannte. Ihr Zeuthener Gemüsehändler war indes im Bilde und reagierte verständnisvoll, wenn nicht sogar beruhigt: „Er hatte befürchtet, ich sei betrunken gewesen, weil ich so torkelte.“Schwerer nimmt die Nachricht die neun Jahre alte Tochter mit: „Sie hatte Angst, mich zu verlieren und musste die Krankheit so hilflos hinnehmen.“ MS ist nicht heilbar. Mit Therapien und einer Portion Lebensmut ist es Christine Kollmann aber gelungen, der Krankheit Grenzen zu setzen: „Ich kann noch laufen. Mit ihm fühle ich mich dabei auch sicher“, sagt sie selbstbewusst und macht mit dem Kopf eine Bewegung in Richtung des Rollators: „Wir sind ein Team geworden.“ Eines, das ihr lieber ist als der Rollstuhl. Das Auto aber fährt Ehemann Jens, und Nähen und Malen hat Christine Kollmann auch aufgeben müssen – die ruhige Hand von früher zittert, leicht aber merklich.„Ich habe lange gebraucht, um mit der Erkrankung Frieden zu schließen“, gesteht die Wildauerin. Ihr Buch dokumentiert diesen Prozess. Die Tochter, inzwischen 22 Jahre alt und ausgebildete Krankenschwester, hat den Weg ihrer Mutter nachvollziehen können: „Heute haben wir ein gutes Verhältnis. Sie ist fantastisch.“ taninfo Morgen um 19 Uhr liest Christine Kollmann in der Bibliothek Zeuthen. Ihr Buch „ . . .nun MS“ ist im Einbuch-Verlag erschienen und kostet 11,90 Euro.
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zu Ein (Un-) Glück kommt selten allein von Sandra Panagl

Erstlingswerk von Sandra Panagl ist da

 

HOHENEICH (pp). Sandra Panagl, eine zweifache Mutter und Hobbyautorin aus Hoheneich, präsentiert nun ihr erstes veröffentlichtes Buch. "Ein (Un-)Glück kommt selten allein" (ISBN 978-3-942849-06-7). "Es handelt von drei Frauen Anfang 40, die seit der Schulzeit eine gute Freundschaft pflegen. Drei Frauen mit ganz verschiedenen Lebensstilen und so manchen Ereignissen, die ihr doch so solides Leben auf den Kopf stellen", meint die Autorin. Mehr zum Inhalt auf www.meinbezirk.at.
Das Schreiben liebte Sandra Panagl schon immer. Zuerst schrieb sie lange Zeit nur Kindergeschichten, doch nun ist sie auf "Erwachsenengeschichten" umgestiegen und hat in zwei Wintern ihr Erstlingswerk vollendet. Ohne Hintergedankten stellte sie eine Leseprobe ins Internet. Promt meldete sich ein kleiner Verlag aus Leipzig. Und das Ergebnis kann sich echt sehen lassen.

INHALT:
Petra Fuchs, Sibylle Köhler und Kerstin Wallner - in der Schule
ein berüchtigtes Trio. Obwohl behauptet wird, dass
Freundschaften zu dritt nicht lange gut gehen, treffen sich die
drei auch noch zwanzig Jahre nach Schulschluss, und das ohne
Zickenkrieg – na ja, zumindest fast.
Die Welt bereisen und viel erleben wollten sie, bevor der Alltag
sie einholt. Das Hausfrauen- und Berufsleben so lange wie
möglich hinausschieben. Doch gekommen ist alles ganz
anders.
Zwanzig Jahre später ist aus der dicken Freundschaft eine
liebgewordene Bekanntschaft geworden. Alle drei sind solide
und der Alltag hat sie früher eingeholt als jemals geplant, aber
unglücklich ist keine darüber! Drei Frauenleben, komplett
verschieden aber doch jedes für sich langweilig genug, um mit
Sicherheit keinen Stoff für einen Roman zu liefern. Und knapp
vor dem vierzigsten Geburtstag hat man die wilden Jahre
ohnehin hinter sich und kann sich so richtig ausruhen und
ohne schlechtes Gewissen bieder sein. Gelassen die ersten
Falten und grauen Haare begrüßen.
Die Midlife-Crisis überlassen wir den Männern, wir Frauen
stehen da drüber, oder?
Doch gerade, wenn man sich an sein Leben gewöhnt hat und
eigentlich gar nichts mehr verändern will, kommt ein
Wirbelsturm und fegt alles wieder durcheinander. Ohne
Rücksicht auf das Alter, ohne Rücksicht auf Ehe, Freundschaft
und Liebe. Und plötzlich gibt es auch genug Stoff für einen
Roman. Tja, da bleiben auch Petra, Kerstin und Sibylle nicht
verschont.
Sie erzählen, wie das Schicksal ihr Leben auf den Kopf stellt –
oder sind es doch nur die Hormone, die plötzlich verrückt
spielen?

 

INTERVIEW

zu EINBUCH Buch- und Literaturverlag Leipzig

„GEGEN DEN WIND RAUS“

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Ein Gespräch mit Patrick Zschocher, Herausgeber des Einbuch Verlages. Die Fragen stellen Ildiko Sebestyen und Cesare Stercken
Man sieht manchmal ein Fahrrad herum stehen. Darauf ein Holzregal mit Flyern. Es bewirbt den EINBUCH Buch- und Literaturverlag Leipzig. Meist steht es auf einer der Brücken in Dreiviertelland. Der Mann hinter dem Verlag fährt selbst auch gerne und viel Rad. Aber nicht nur das. Wir haben uns mit Patrick Zschocher über das Schreiben und Radfahren unterhalten:
Erzähl uns was aus Deinem Leben. Welchen Beruf hast Du gelernt?
Ich bin gelernter Zimmermann, habe den Beruf inklusive Ausbildung ungefähr zehn Jahre, bis 1995 ausgeübt. Ich habe bei der Denkmalpflege Leipzig gearbeitet. Nach der Wende gab es zunächst gute Bedingungen als Zimmermann. Dann hat man angefangen, sämtliche Menschen in die Bereiche Bau und Handwerk umzuschulen. Als ich als Zimmermann nicht mehr gebraucht wurde, habe ich aufgehört.
Was hast Du danach gemacht?
Ich wollte immer eine Kneipe haben und habe diesen Wunsch dann 1997 in die Tat umgesetzt. In der Demmeringstraße habe ich das „Café Zschocher“ eröffnet.
Das Leben eines Gastwirtes war unerwartet anstrengend und nachdem ich diese Tür endgültig abgeschlossen hatte, brauchte ich ein gutes Jahr um wieder zu mir zu finden.
Du hast einen Verlag, und schreibst Bücher. Wie kamst Du zum Schreiben?
Ich habe ungefähr 2000 angefangen. Zunächst einfach aus einem unbestimmten Impuls heraus. Habe mir das dann selbst angeschaut und fand es nicht gut. Dann habe ich zunächst eine Weile nichts mehr geschrieben. Später hatte ich einen Traum. Was ich da geträumt hatte, war das Ende einer Geschichte. Diese Geschichte habe ich dann versucht zu schreiben. Heraus kam mein erster Roman. Das hat eine Zeit gedauert, und viele Mühen gekostet. Ein wirklich harter Prozess, denn über diesen ersten Roman habe ich das Schreiben autodidaktisch gelernt.
Wie viele Bücher hast Du mittlerweile geschrieben?
Das erste heißt: „Die Reise eines Träumers“, das aktuelle hat den Arbeitstitel: „Minus“. Dazwischen habe ich noch zwei andere Bücher geschrieben: „Mondfahrt“ und „Regen am See“. Also habe ich, in mittlerweile zehn Jahren vier Bücher geschrieben.
Hast Du versucht einen Verlag für Deine Bücher zu finden?
Ja. Mit dem ersten Buch bin ich damals zum Reclam in Leipzig gegangen. Dies war ein handschriftliches Manuskript. Das war wohl unüblich. Aber ich habe halt damals noch handschriftlich gearbeitet. Dort hat man auch mit mir gesprochen und es gab eine Weile die Hoffnung, auch eine Reaktion. Allerdings hat man mich dort, und später auch bei anderen Verlagen stets abgelehnt. Es ist einfach schwer als unbekannter Autor in Deutschland einen Verlag zu finden, der das Risiko dann auch trägt.
Also, Lerneffekt: Eigenen Verlag?
Genau. Ich habe mich entschlossen, den Verlag „EINBUCH Buch- und Literaturverlag Leipzig“ zu gründen. Der Verkauf findet (fast) ausschließlich über das Internet statt.
Nur Eigenvertrieb, oder verlegst Du auch andere Autoren?
Derzeit arbeite ich mit Jo Hilmsen zusammen. Zur Buchmesse werden wir z. B. eine Lesung im Globus gegenüber der Leipziger Messe machen. Im April gibt es dann noch eine im „Noch Besser Leben“, auf der Karl-Heine-Straße. Eine Buchveröffentlichung von Jo Hilmsen im EINBUCH Verlag gibt es auch: Strandtrift – Sieben Geschichten.
Du lebst in Lindenau. Wo bist Du sozialisiert worden?
Ich bin in Neu-Lindenau, also in einem recht begrünten bürgerlichen Umfeld aufgewachsen. In dem Bereich Lützner Straße, Plautstraße. Eine Wohngegend mit Bäumen, Innenhöfen und recht beschaulich. Plagwitz war damals ein Industriemoloch, alles dreckig, schwarz und neblig vom Rauch. Meine Schule war die 46., früher 146. Schule an der Saalfelder Straße. Später musste ich einmal nach Mockau ziehen. Dort hatte ich eine Wohnung bekommen. Das war sehr öde dort und darum bin ich nach der Wende sofort nach Plagwitz gezogen, in den Westen.
Wie lief die Wendezeit für Dich ab? Warst Du bei den Demos dabei?
Ich war 20 Jahre. Ich habe zunächst aus der Ferne den Demos zugeschaut. Erst später bei der am 9. Oktober war ich selbst auch dabei. Das Motto war: „Wir bleiben hier“. Das entsprach mir nicht wirklich, denn ich wollte damals lieber ausreisen. Einen Ausreiseantrag hatte ich auch schon gestellt. Dabei hat mich die Regierung nicht wirklich gestört, die alten Männer. Lieber wäre ich aus dem Gefühl des „Eingesperrt seins“ heraus gekommen. Ich wollte nur einfach was anderes Sehen und ein nicht ganz so vorhersehbares Leben führen. Meine Lebensaussichten schienen mir damals nicht wirklich interessant.
Warst Du dann auch mal drüben?
Ja. Aber eigentlich nur kurz. Denn dann musste man nicht mehr weg, das Spannende passierte ja hier.

Wir sehen Dich fast immer auf einem Fahrrad. Nur ein Transportmittel?
Das Fahrradfahren ist mir wichtig. Das Fahren gibt mir Struktur. Ich fahre jeden Tag zwei bis drei Stunden. Gegen den Wind raus. Dann kann ich mit dem Wind wieder zurück kommen. Die Bewegung, die Luft, das brauche ich um in den Tag zu kommen. Nach meiner Zeit als Wirt brauchte ich etwas, um mich wieder fit zu machen. Da habe ich mit dem Fahrradfahren angefangen.

Alltag, die Arbeit, wie stellen wir uns das bei Dir vor?
Nach meinen Fahrradtouren gehe ich in mein Arbeitszimmer und setze mich an den Computer: Mails, Lesen, Schreiben und Telefonieren, so was halt.

Auch die Bücher?
Nein, wenn ich an einem Buch arbeite, dann erst am Abend.

 

 

http://www.verlagederzukunft.de/einbuch-buch-und-literaturverlag-leipzig/